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Presseinformation: Presse, DGE aus der Wissenschaft, 2009 01/2009 vom 03.02.2009
DGE aus der Wissenschaft

Bisphenol A aus Plastikbehältnissen gefährdet Verbraucher nicht

Europäische Behörden stufen die Aufnahme über Lebensmittel als sicher ein


Hinweis: Bisphenol A in Babyfläschchen wird vorsorglich verboten

Neue Forschungsergebnisse zu Bisphenol A werden von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) regelmäßig auf ihre gesundheitliche Relevanz geprüft. In einer aktualisierten Stellungnahme vom 23. September 2010 kommt die EFSA zu dem Schluss, dass zwar keine Notwendigkeit besteht, den derzeit gültigen gesundheitlichen Grenzwert für Bisphenol A aufzuheben oder abzusenken. Andererseits hat die EFSA in ihrer Stellungnahme nachteilige Effekte von Bisphenol A im Tierversuch als möglicherweise relevant für die menschliche Gesundheit bezeichnet. Ein Minoritätsgutachten, das eine wissenschaftliche Minderheitenmeinung formulierte, empfahl, auf Babyflaschen aus Polycarbonat zu verzichten. Aus Gründen des vorsorgenden Verbraucherschutzes und der bestehenden Unsicherheiten hinsichtlich der Unbedenklichkeit von Bisphenol A ist die Europäische Kommission letztlich der Minderheitenmeinung gefolgt. In Deutschland ist die Verwendung von Bisphenol A zur Produktion von Babyfläschchen seit dem 1. März 2011 durch eine Verordnung des Bundesverbraucherschutzministeriums vorsorglich verboten (BMELV, Pressemitteilung Nr. 042 vom 11.02.11 )

(dge) Die Chemikalie Bisphenol A sorgte im Jahr 2008 wiederholt für Schlagzeilen. Der Grund: Sie kann in geringen Mengen aus Plastikflaschen, Getränkedosen und anderen Kunststoffprodukten in Lebensmittel übergehen. Berichte über gesundheitsgefährdende Wirkungen von Bisphenol A, insbesondere bei Säuglingen, wurden kontrovers diskutiert. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat sämtliche verfügbaren Daten überprüft ­ und entwarnt: Die Menschen nehmen keine gesundheitsschädlichen Mengen an Bisphenol A durch die Ernährung auf. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) teilt diese Bewertung und sieht keine Gesundheitsgefahr für Säuglinge und Kleinkinder, die Nahrung aus Plastikfläschchen zu sich nehmen.

Hintergrundinformation:

Kunststoffe und Beschichtungen enthalten Bisphenol A

Bisphenol A [BPA, 2,2-Bis(4-hydroxyphenyl)propan] ist Ausgangsstoff für die Herstellung von Polycarbonat und Epoxidphenolharzen und auch für Materialien mit Lebensmittelkontakt zugelassen1. Der weit verbreitete Kunststoff Polycarbonat befindet sich z. B. in Babyflaschen, Ess- und Mikrowellengeschirr, Aufbewahrungsgefäßen, Mehrwegflaschen und auffüllbaren Wasserbehältern. Polycarbonat wird auch für Wasserleitungen verwendet. Mit Epoxidphenolharzen werden Getränke- und Konservendosen, Metalldeckel von Gläsern und Flaschen sowie Trinkwasserspeichertanks und Weinfässer beschichtet. Aus diesen Kunststoffen bzw. Beschichtungen können geringe Mengen an BPA in Lebensmittel übergehen. Der Übergang findet auch statt, wenn das Material beschädigt ist oder sich zersetzt. Für die Abgabe von BPA aus Polycarbonat gibt es einen gesetzlich verbindlichen Grenzwert (0,6 mg pro kg Lebensmittel)2.

Menschlicher Körper eliminiert Bisphenol A schnell

Im menschlichen Körper kann BPA östrogenähnlich auf das Hormonsystem wirken. Die akute Giftigkeit von BPA ist gering. Es gibt keine Hinweise auf eine Krebs auslösende Wirkung. BPA wird im menschlichen Körper rasch verstoffwechselt und eliminiert: Die Stoffwechselprodukte (Glucuronide, Sulfate) sind inaktiv und wasserlöslich, sie werden über die Niere ausgeschieden. Die Verstoffwechslung unterscheidet sich signifikant von der bei Nagern, die in einigen Studien zu BPA als Versuchstiere dienen. Nager bauen BPA z. B. wesentlich langsamer ab und scheiden es langsamer aus, so dass sie damit bei äquivalenter Dosis anfälliger für BPA-induzierte toxische Wirkungen sind als Menschen. Daher ist die Relevanz einiger Studien zu Wirkungen von niedrig dosiertem BPA bei Nagern für die Risikobewertung am Menschen eingeschränkt (s. u.).

Ernährungsbedingte Belastung liegt im sicheren Bereich

Im Jahr 2006 bewertete die EFSA nach anerkannten wissenschaftlichen Maßstäben das Risiko durch BPA für den Menschen. Sie leitete eine lebenslang ohne nennenswertes Risiko tolerierbare tägliche Aufnahmemenge (Tolerable Daily Intake, TDI) von 0,05 mg pro kg Körpergewicht ab. Gleichzeitig stellte sie fest, dass die tägliche ernährungsbedingte Exposition des Menschen mit BPA unter diesem Grenzwert liegt. Besonderes Augenmerk richtete die EFSA auf Säuglinge und (Klein-)Kinder, da sie gemessen am Körpergewicht zu den Bevölkerungsgruppen mit der höchsten potenziellen ernährungsbedingten Belastung mit BPA zählen. Die geschätzten potenziellen Aufnahmemengen („worst-case“-Szenarien) liegen auch für Säuglinge und (Klein-)Kinder weit unterhalb der TDI3. Das BfR kommt nach sorgfältiger Prüfung aller Studien ebenfalls zu dem Ergebnis, dass für Säuglinge und Kleinkinder aus der üblichen Verwendung von Babyflaschen aus Polycarbonat keine gesundheitliche Gefahr durch BPA resultiert4.

Aktuelle Veröffentlichungen bringen Bisphenol A erneut in die Diskussion

Wirkungen auf Fruchtbarkeit und Fortpflanzung sowie das Hormonsystem werden im Zusammenhang mit Berichten über Effekte niedriger Dosen von BPA bei Nagern wissenschaftlich kontrovers diskutiert. Das Toxikologieprogramm der USA (NTP)5 folgerte 2008, dass bei Feten, Säuglingen und Kindern Besorgnis hinsichtlich der BPA-Exposition und deren neuralen Wirkungen sowie Auswirkungen auf das Verhalten bestehe. Auch die kanadische Regierung6 äußerte Bedenken bezüglich möglicher schädlicher Auswirkungen auf Neugeborene und Säuglinge, insbesondere was die Ausscheidung des Stoffes aus dem Körper angeht. Beide Berichte berücksichtigten allerdings die Ergebnisse der oben erwähnten Studien mit niedrigen Dosen und wiesen darauf hin, dass die Studien nur begrenzt zuverlässig, konsistent und biologisch plausibel sind.

Die EFSA hat im Juli 2008 unter Berücksichtigung der bis dahin zur Verfügung stehenden Daten ein wissenschaftliches Gutachten veröffentlicht, das explizit die Unterschiede zwischen Säuglingen und Erwachsenen bezüglich der Ausscheidung von BPA aus dem Körper bewertet. Die Schlussfolgerung lautet, dass die Exposition menschlicher Feten gegenüber BPA zu vernachlässigen ist, da BPA im Körper der Mutter rasch abgebaut und ausgeschieden wird. Außerdem wird festgestellt, dass Neugeborene ebenfalls in der Lage sind, BPA in Mengen abzubauen und zu eliminieren, die den TDI von 0,05 mg pro kg Körpergewicht weit übersteigen. Daher bleibt die Risikobewertung von 2006 gültig7.

Zwei neue Studien aus den USA sorgten im letzten Jahr für Aufsehen um BPA. Lang et al.8 führten eine Querschnittsstudie mit Daten von 1455 erwachsenen Teilnehmern des US-amerikanischen National Health and Nutrition Examination Survey durch. Sie stellten eine Korrelation der BPA-Konzentration im Urin mit dem per Fragebogen erhobenen Vorkommen von Herzkrankheiten, Diabetes mellitus sowie abnormen Blutwerten fest. Der einmalig und nach der Entstehung der chronischen Krankheit gemessene BPA-Wert erlaubt jedoch keine Rückschlüsse auf die Krankheitsentwicklung. EFSA und BfR urteilen demzufolge, dass die Studie keine ausreichenden Beweise für einen kausalen Zusammenhang zwischen der Exposition und den Krankheiten liefert. Daher sehen sie keinen Anlass, die bisherige Risikobewertung zu ändern.9,10 In einer weiteren neuen Studie11 an Affen wurden Effekte in einigen Hirnregionen festgestellt, nachdem diesen Affen BPA per Implantat direkt in Blutkreislauf und innere Organe einschließlich Gehirn gegeben wurde. Auch diese Studie besitzt keine Relevanz für die Risikobewertung. Denn bei der oralen Aufnahme von BPA wird die Substanz beim Menschen und beim Affen in der Darmwand und in der Leber verstoffwechselt und gelangt nicht direkt in die Blutbahn.

Nationale und internationale wissenschaftliche Gremien wie die Beratungskommission der Gesellschaft für Toxikologie e. V.12 , die Europäische Chemikalienbehörde ECB13, die amerikanische Lebensmittelsicherheitsbehörde FDA14 und das japanischen Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie15 teilen die Bewertung der EFSA und des BfR, dass die derzeit bekannte BPA-Exposition keine gesundheitsschädlichen Wirkungen für Verbraucher hat.

  • Autorin: Dipl. oec. troph. Angela Bechthold, Referat Wissenschaft
  • Redaktion: Dr. Eva Leschik-Bonnet, Referat Wissenschaft
  • Wissenschaftliche Beratung: Präsidium der DGE (Prof. Dr. Peter Stehle, Prof. Dr. Helmut Heseker, Prof. Dr. Michael Petz)

  • 1Richtlinie 2002/72/EG der Kommission über Materialien und Gegenstände aus Kunststoff, die dazu bestimmt sind, mit Lebensmitteln in Berührung zu kommen. ABl L 220/18 vom 15.8.2002
  • 2Bedarfsgegenständeverordnung in der Fassung der Bekanntmachung vom 23. Dez. 1997 (BGBl. 1998 I S. 5), zuletzt geändert durch Artikel 1 der Verordnung vom 16. Juni 2008 (BGBl. I S. 1107)
  • 3EFSA: Opinion of the Scientific Panel on Food Additives, Flavourings, Processing Aids and Materials in Contact with Food on a request from the Commission related to 2,2-Bis(4-hydroxyphenyl)propane (Bisphenol A). The EFSA Journal 2006; 428: 1-75
  • 4BfR: Ausgewählte Fragen und Antworten zu Bisphenol A in Babyfläschchen. Aktualisierte FAQ vom 29. Januar 2007, www.bfr.bund.de
  • 5National Toxicology Program, U.S. Department of Health and Human Services: NTP-CERHR Monograph on the Potential Human Reproductive and Developmental Effects of Bisphenol A. NIH Publication No. 08 ­ 5994, 2008
  • 6Government of Canada: Release of Final Screening Assessment Report and Proposed Risk Management Approach Document for Bisphenol A. www.chemicalsubstanceschimiques.gc.ca/challenge-defi/batch-lot_2_e.html
  • 7EFSA: Toxicokinetics of Bisphenol A. Scientific Opinion of the Panel on Food additives, Flavourings, Processing aids and Materials in Contact with Food. The EFSA Journal 2008; 759: 1-10
  • 8Lang I.A., Galloway T.S., Scarlett A. et al.: Association of urinary bisphenol A concentration with medical disorders and laboratory abnormalities in adults. JAMA 2008; 300: 1303-1310
  • 9EFSA: Statement of EFSA on a study associating bisphenol A with medical disorders. The EFSA Journal 2008; 838: 1-3
  • 10BfR: Neue Studien zu Bisphenol A stellen die bisherige Risikobewertung nicht in Frage. Information Nr. 036/2008 vom 19. September 2008, www.bfr.bund.de
  • 11Leranth C., Hajszan T., Szigeit-Buck K. et al.: Bisphenol A prevents the synaptogenic response to estradiol in hippocampus and prefrontal cortex of ovariectomized nonhuman primates. PNAS 2008; 105: 14187-14191
  • 12Beratungskommission der Gesellschaft für Toxikologie e. V.: Zur aktuellen Diskussion über eine mögliche gesundheitliche Gefährdung durch Bisphenol A. Pressemitteilung vom 01.09.2008, www.idw-online.de/pages/de/news276026
  • 13European Communities: Updated European Risk Assessment Report 4,4'-Isopropylidenediphenol (Bisphenol-A). Luxembourg 2008, http://ecb.jrc.it/DOCUMENTS/Existing-Chemicals/RISK_ASSESSMENT/ADDENDUM/bisphenola_add_325.pdf
  • 14U.S. Food and Drug Administration: Bisphenol A (BPA). www.fda.gov/oc/opacom/hottopics/bpa.html#overview
  • 15National Institute of Advanced Industrial Science and Technology (AIST): Bisphenol A Risk Assessment Document. 2007, http://unit.aist.go.jp/riss/crm/mainmenu/BPA_Summary_English.pdf

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