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Nachbericht

DGE-Kongress 2026: Ernährung und Mikrobiom als Schlüssel für unsere Gesundheit

Was macht ein gesundes Mikrobiom aus? Welchen Einfluss hat die Wechselwirkung zwischen Ernährung und Mikrobiom auf die Entstehung chronischer Krankheiten? Sind ernährungsbasierte Interventionen eine Strategie für eine Mikrobiom-basierte Prävention oder Therapie?
Auditorium im Festsaal

Zweiter Plenarvortrag von Prof. Dr. Jens Walter

Diese und weitere Fragen diskutierten rund 820 Teilnehmende auf dem 63. Wissenschaftlichen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) vom 4. bis 6. März 2026 in Kassel. Die Veranstaltung mit insgesamt über 200 Vorträgen, Posterpräsentationen und Symposien fand in Kooperation mit der Technischen Universität München (TUM) unter Leitung von Prof. Dr. Dirk Haller, Prof. Dr. Martin Klingenspor und Prof. Dr. Katharina Timper statt. Höhepunkte waren neben zwei Plenarvorträgen und der abschließenden Diskussionsrunde die Verleihung der Ehrenmitgliedschaft an Prof. Dr. Peter Stehle sowie die Auszeichnung von insgesamt zehn Postern des wissenschaftlichen Nachwuchses.

In ihrer Eröffnung wies DGE-Präsidentin Prof. Dr. Britta Renner auf die Bedeutung der Ernährung für unsere Lebensqualität als schönstes Erlebnis des Alltags hin. Zu diesem emotionalen Thema gäbe es viele Erkenntnisse und Trends, deren evidenzbasierte Bewertung und Einordnung Aufgabe der DGE sei. Bundesminister für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat Alois Rainer betonte in seiner Videobotschaft die unabhängige wissenschaftliche Expertise der DGE und nannte als Beispiel die DGE-Qualitätsstandards für die Gemeinschaftsverpflegung, die derzeit ein Update erhalten. Der Dekan der TUM School of Life Sciences Prof. Dr. Martin Klingenspor hob die Wichtigkeit des Kongressthemas hervor, das auch ein Forschungsschwerpunkt der TUM sei. Prof. Dr. Dirk Haller forderte die teilnehmenden Wissenschaftler*innen, Nachwuchsforscher*innen und Ernährungsfachkräfte auf, kontrovers und kritisch zu sein. Angesichts von über 200 000 Publikationen zum Mikrobiom bezeichnete er das Kongressthema als derzeitigen Hype, gleichzeitig sei es ein Thema der Zukunft.

Der Einfluss von Genetik und Umwelt

Prof. Dr. Rinse Weersma von der University Medical Center Groningen in den Niederlanden widmete sich in seinem Vortrag „Intrinsic and extrinsic factors influencing the gut microbiome“ den zahlreichen Einflussfaktoren auf die Zusammensetzung und Funktion des Darmmikrobioms. Anhand von Daten des Lifelines Dutch Microbiome Project mit 10 000 Teilnehmenden stellte er fest, dass nicht die Genetik die Zusammensetzung des Mikrobioms wesentlich beeinflusst, sondern die Umgebung. Darüber hinaus haben u. a. Ernährung, Medikamente wie Protonenpumpeninhibitoren, Metformin, Antibiotika oder entzündungshemmende Arzneimittel sowie Anthropometrie, Krankheiten und technische Faktoren einen Einfluss auf das Mikrobiom. Im Zusammenhang mit dem Reizdarmsyndrom war eine Kost reich an Nüssen, Gemüse und Brot oder eine mediterrane Ernährung mit positiven Effekten auf die Mikrobiomzusammensetzung assoziiert, während eine Kost mit reichlich verarbeiteten Lebensmitteln und hohem Fett- und Zuckergehalt negative Assoziationen zeigte. Weersma stellte zudem das Potenzial des Mikrobioms als Biomarker bei u. a. Reizdarmsyndrom und Krebserkrankungen vor und zeigte Perspektiven für die zukünftige Anwendung in der Diagnostik und Therapie auf. Seine Einordnung zur Aussagefähigkeit von Mikrobiomtests kommerzieller Anbieter anhand einer Studie fiel eindeutig aus: Obwohl verschiedene Anbieter dieselbe Stuhlprobe untersuchten, wichen die Ergebnisse und die daraus abgeleiteten Empfehlungen voneinander ab. Kommerzielle Stuhlanalysen lieferten laut Weersma daher aktuell keine validen Ergebnisse.

Ernährung aus Sicht des Darmmikrobioms

In seinem Plenarvortrag „Rethinking nutrition through the lens of the gut microbiome“ stellte Prof. Dr. Jens Walter vom University College Cork in Irland heraus, dass die Zunahme der Häufigkeit chronischer nichtübertragbarer Erkrankungen in den industrialisierten Ländern eindeutig in Verbindung mit den westlichen Ernährungsgewohnheiten und Veränderungen im Darmmikrobiom steht. Im Tiermodell zeigten sich bei einer pflanzenbasierten Ernährung im Vergleich zu einer Ernährung mit überwiegend verarbeiteten Lebensmitteln positive Effekte hinsichtlich der Physiologie des Wirts, der Immunfunktion, des Stoffwechsels und dem Risiko chronischer Erkrankungen. Walter führte sie im Wesentlichen auf den hohen Gehalt an Ballaststoffen und sekundären Pflanzenstoffen sowie der komplexen Lebensmittelmatrix zurück.

Ein Vergleich der lebensmittelbezogenen Ernährungsempfehlungen von 17 Ländern, die in den letzten zehn Jahre aktualisiert wurden, zeigte weitgehend übereinstimmende Empfehlungen; lediglich zwei davon erwähnten jedoch das Darmmikrobiom. Bei den neuen amerikanischen Empfehlungen kritisierte Walter, dass sie zwar im Zusammenhang mit dem Darmmikrobiom stehen, allerdings in negativer Hinsicht durch den Fokus auf rotes Fleisch und Wurstwaren. Vor dem Hintergrund des durch die heutige Ernährung „industrialisierten Mikrobioms“, das u. a. eine geringere Diversität aufweist, stellte Walter die Frage, ob eine Wiederherstellung unseres früheren Darmmikrobioms möglich sei. Als Antwort präsentierte er Ergebnisse einer aktuellen Humanstudie zur sogenannten restore diet, die sich am traditionellen Ernährungsmuster der Bewohner von Papua-Neuguinea mit wenig verarbeiteten Lebensmitteln orientierte und eine nicht-industrialisierte Ernährungsweise nachahmte. Die Studienergebnisse verdeutlichten, dass eine ursprüngliche, pflanzenbasierte Ernährungsweise mit einem hohen Ballaststoffgehalt nicht nur die Zusammensetzung des Darmmikrobioms verbessern kann, sondern auch Cholesterol-, Blutzucker- und Entzündungswerte positiv beeinflussen sowie das Körpergewicht verringern kann. Somit unterstreicht die Studie das Potenzial, Mikrobiom-basierte Erkenntnisse zukünftig in Ernährungsempfehlungen zu integrieren. Walter kam zu dem Schluss, dass bei der Frage nach einem gesunden Darmmikrobiom möglicherweise weniger entscheidend ist, welche Mikroorganismen vorhanden sind, sondern vielmehr, welche Funktionen das Mikrobiom erfüllt und vor allem, wie wir mit ihm umgehen.

Fakten und Science fiction in der Podiumsdiskussion

Die Podiumsdiskussion widmete sich der Frage, was ein gesundes Mikrobiom ausmacht und wie wir das erreichen. Prof. Dr. Gabriele Berg vom Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie e. V. in Potsdam unterstrich besonders die Bedeutung der Umwelt. In ihrer Forschung untersucht sie die Verbindung zwischen dem Pflanzenmikrobiom, dem Boden, der Nahrung und schließlich dem Menschen. Das menschliche Mikrobiom sei in einer Coevolution entstanden: So wie das Mikrobiom den Menschen geprägt hat, habe auch der Mensch das Mikrobiom verändert. Als Beispiel nannte sie Brokkoli, dessen Mikrobiom sich durch Züchtung deutlich verändert habe und heute nicht mehr dem von vor 30 Jahren entspreche. Zugleich merkte Berg an, dass eine zunehmende Prädisposition für chronische Erkrankungen auch mit Veränderungen des Umweltmikrobioms zusammenhängen könne, das heute vielerorts weniger divers und teilweise geschädigt sei. In der Europäischen Union hätten bereits rund 60 % der Böden einen Verlust der mikrobiellen Diversität erlitten. Wenn wir das Mikrobiom nachhaltig stärken wollten, müsse auch der Umweltschutz stärker in den Fokus rücken, lautete ihr Fazit.

Prof. Dr. Jens Walter richtete den Blick auf die westliche Ernährungsweise mit stark verarbeiteten Lebensmitteln. Studien zeigten, dass die Häufigkeit chronischer Erkrankungen steigt, wenn solche Lebensmittel leicht verfügbar sind. Die Entstehung solcher Erkrankungen sei jedoch multifaktoriell und auch von Umweltfaktoren beeinflusst. Auf die Frage danach, welche Ernährung ein gesundes Mikrobiom unterstützt, sagte Walter, dass die bestehenden Ernährungsempfehlungen – bis auf die amerikanischen – grundsätzlich als „mikrobiomfreundlich“ gelten können. Prof. Dr. Dirk Haller merkte an, dass das Prinzip „one size fits all“ in der Ernährung zwar schwierig sei, Ernährungsweisen wie die mediterrane Ernährung jedoch für größere Bevölkerungsgruppen funktionieren könnten. Ernährungsmedizinerin Katharina Timper betonte, dass die grundlegenden Prinzipien einer gesunden Ernährung bereits gut bekannt seien, jedoch konsequent umgesetzt werden müssten. Gleichzeitig bestehe noch eine Wissenslücke, wie bestimmte Ernährungsweisen Therapien konkret unterstützen oder auch verschlechtern können.

Prof. Dr. Romana Gerner von der TU München ergänzte aus der klinischen Perspektive, dass Patient*innen nach der Diagnosestellung oft wissen wollten, wie sie selbst zum Behandlungserfolg beitragen könnten. Sie empfehle daher eine gesunde und ausgewogene Ernährung. Welche individuellen Anpassungen speziell im Hinblick auf das Mikrobiom sinnvoll seien, sei nicht bekannt. Klar sei hingegen, dass ein wenig diverses Mikrobiom bei vielen hämatologisch-onkologischen Erkrankungen mit einem schlechteren Behandlungserfolg verbunden ist. Timper wies darauf hin, dass das Mikrobiom zwar bei der multifaktoriellen Erkrankung eine Rolle spielt, komplexe Erkrankungen sich aber weder allein durch das Mikrobiom noch die Ernährung heilen ließen. Dies bedeute allerdings nicht, dass das Mikrobiom nicht an der Entstehung beteiligt sein könne. Haller merkte abschließend an, dass sich aus der Diskussion wichtige Impulse für die Interaktion mit Patient*innen oder mit Klient*innen in der Ernährungsberatung mitnehmen ließen. Zugleich bleibe bei vielen Fragen weiterhin eine Unsicherheit bestehen, die aus seiner Sicht offen kommuniziert werden sollte.

Breite Themenvielfalt in Vortragsreihen, Posterpräsentationen, Symposien und Science Slam

Neben dem Kongressthema bot die Veranstaltung zahlreiche weitere aktuelle Themen: Adipositas, Lebensmittelzusatzstoffe, KI in Public Health Nutrition und Gemeinschaftsverpflegung standen ebenso auf dem Programm wie z. B. das WBAE-Gutachten, pflanzenbetontes Essverhalten und die evidenzbasierte Betrachtung von pflanzlichen Alternativprodukten. Die DGE berichtete in ihrem Symposium über methodische Prinzipien der aktuellen Empfehlungen. Aus dem Forschungsprojekt ModErn wurden Ergebnisse zu den Umweltauswirkungen der DGE-Empfehlungen vorgestellt. Weitere Themen waren das Positionspapier zu Alkohol und ein Blick auf die Jodversorgung in Deutschland. Die Fachgruppe Early Career Scientists präsentierte zudem ihren 7. Science Slam. Dabei ging es im Beitrag von Fabienne Erben aus Göttingen um drei Dates mit der Sensorik und Konsumentenforschung und im Vortrag von Isabel Keidel aus Freising um Desulfovibrio-Bakterien und der Frage, wer hier stinkt. Ronja Merschmann aus Gießen referierte zu den Fruchtfliegen Fliegbert und Fliegberta und die Folgen einer zuckerreichen Diät und Anja Bailer aus Furtwangen berichtete über die Forschung zwischen Idealtypus und Feldrealität am Beispiel einer Studie mit Personen in der Langzeitarbeitslosigkeit.

Abschließend lud DGE-Präsidentin Renner die Teilnehmenden zum 64. Wissenschaftlichen Kongress vom 2. bis 4. März 2027 in Kassel ein.

Impressionen