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Das Mikrobiom - Update für die Ernährungsberatung

Das Mikrobiom hat sich in den letzten Jahren zu einem zentralen Thema der wissenschaftlichen Forschung entwickelt. Das zeigt auch das große öffentliche Interesse. Doch wie weit ist die Mikrobiomforschung wirklich? Welche Empfehlungen lassen sich für die Praxis ableiten?

In den letzten Jahren ist das Interesse am Mikrobiom exponentiell gewachsen. Allein in den letzten 12 Monaten wurden unter dem Stichwort „microbiome“ über 36 000 wissenschaftliche Studien in der Literaturdatenbank Pubmed veröffentlicht. Besonders im Fokus steht dabei das Darmmikrobiom. Denn immer mehr Studien zeigen, dass Krankheiten wie Adipositas, Darmerkrankungen, Typ-2-Diabetes, aber auch Stress und psychische Erkrankungen mit Veränderungen des Darmmikrobioms assoziiert sind (Ferrari et al. 2025, Sanz et al. 2025, Ahmed et al. 2025, Kaur et al. 2025). Eine zentrale Rolle kommt dabei der Darm-Hirn-Achse zu, einem Kommunikationssystem, das neuronale, hormonelle und immunologische Signale zwischen Darm und Gehirn koordiniert (Cryan et al. 2019, Khan et al. 2025, Sanz et al. 2025).

Gleichzeitig nutzen immer mehr Unternehmen diese wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Mikrobiom, um mit Tests und Produkten zur „Darmgesundheit“ zu werben, etwa durch Stuhlanalysen und Mikrobiomtests. Auch in der Ernährungsberatung und -therapie gewinnt das Mikrobiom zunehmend an Bedeutung.

Dieser Artikel fasst die wichtigsten Informationen zum Mikrobiom für die Ernährungsberatung anhand des aktuellen Forschungsstands zusammen.

Die Mikrobiota bezeichnet die Gesamtheit aller Mikroorganismen im Menschen (Bakterien, Viren, Pilze, Archaeen und Protozoen).
Das Mikrobiom ist definiert als die Gesamtheit der den Menschen besiedelnden Mikroorganismen (Mikrobiota) plus ihre Gene, Metabolite und Umweltbedingungen.
Für die ernährungsmedizinische Praxis ist insbesondere das Darmmikrobiom relevant, da hier die höchste Zelldichte vorliegt und die intensivste Fermentation nicht resorbierter Kohlenhydrate stattfindet.

Zusammensetzung und Funktion

Das Darmmikrobiom entwickelt sich in den ersten Lebensjahren und umfasst zu 99 % Bakterien. Überwiegend sind das Firmicutes (z. B. Lactobacillus und Clostridium), Bacteroidetes (z. B. Bacteroides), Actinobacteria (z. B. Bifidobacterium) sowie Proteobacteria und Verrucomicrobia (z. B. Akkermansia).
Im Dickdarm finden sich bis zu 10¹² Bakterien pro Gramm, mit einer Gesamtmasse von 1–2 kg und einer hohen Diversität von bis zu 1 000 Arten. Das Mikrobiom bildet ein dynamisches, eng vernetztes Mikroökosystem im menschlichen Körper und spielt eine zentrale Rolle für die Gesundheit des Menschen (Berg et al. 2020).

Die Hauptfunktionen umfassen die Aufrechterhaltung der Darmbarriere und die Immunmodulation. Durch bakterielle Fermentation entstehen kurzkettige Fettsäuren (SCFA) wie Acetat, Propionat und Butyrat, die den Dickdarmzellen als primäre Energiequelle dienen. SCFA beeinflussen Tight Junctions, senken den pH-Wert im Lumen und entfalten über G-Protein-gekoppelte Rezeptoren immunmodulatorische sowie metabolische Effekte, beispielsweise auf Glucose- und Fettstoffwechsel (Fu et al. 2023, Koh et al. 2016).

Diätetische Einflussfaktoren

Die Ernährung gilt über die gesamte Lebensspanne als einer der stärksten modulierenden Faktoren des Darmmikrobioms.

  • Ballaststoffreiche, pflanzenbetonte Kost mit Vollkorn, Hülsenfrüchten, Gemüse, Obst und Nüssen ist konsistent mit erhöhter Diversität, höherer SCFA-Produktion und günstigeren metabolischen Profilen assoziiert (Fu et al. 2022).
  • Im Gegensatz dazu korreliert eine Western-Pattern-Ernährung mit viel rotem Fleisch, gesättigten Fetten, Zucker und stark verarbeiteten Produkten mit reduzierter Diversität und einem Anstieg proteolytischer Fermentation.

Diese Muster zeigen sich konsistent in epidemiologischen Studien, wobei zwischen Korrelation und Kausalität unterschieden werden muss (Singh et al. 2017, Zhang 2022).

Auch Prä-, Pro- und Synbiotika können das Mikrobiom beeinflussen.

Verschiedene Studien haben positive Effekte von Probiotika auf die Gesundheit nachgewiesen. Beispielsweise weist eine Metaanalyse günstige Effekte von Probiotika auf kognitive Funktion, Depression und Angstzustände nach, wobei die Effekte stammspezifisch sind (Zandifar et al. 2025). Bei Patient*innen mit Typ-2-Diabetes können Probiotika Entzündungsbiomarker senken und möglicherweise die Glucosehomöostase verbessern (Valencia et al. 2025). Hinsichtlich der Verbesserung bei Allergien ergab sich ein gemischtes Bild, wobei der Lactobacillus rhamnosus GG-Stamm bei bestimmten Allergien signifikante Vorteile zeigte (Nurain Binti und Varga 2025).
Dagegen bleibt die Evidenzlage bei vielen anderen Indikationen wie dem „Boostern“ des Immunsystems weiterhin unzureichend.

Probiotika sind lebende Mikroorganismen, die in adäquater Menge einen gesundheitlichen Nutzen für den Wirt erbringen.

Präbiotika wie Inulin, Fructo-Oligosaccharide, Galacto-Oligosaccharide und resistente Stärke fördern selektiv das Wachstum bestimmter Bakterien und erhöhen die Produktion kurzkettiger Fettsäuren. Klinisch relevant sind Effekte auf Stuhlvolumen, Transitzeit, subjektive Obstipation und moderate Verbesserungen einzelner metabolischer Parameter.

Synbiotika kombinieren Pro- und Präbiotika. Ob wohl das Konzept biologisch plausibel ist, bleibt die Datenlage heterogen, weil Produkte sehr unterschiedlich zusammengesetzt sind und Studien meist produktspezifisch angelegt werden.

Aktuelle Entwicklungen in der Wissenschaft

Neben vielen bekannten Bereichen wie Darmerkrankungen, Adipositas, Typ-2-Diabetes, kognitiven Erkrankungen u. a. finden Forschende immer mehr Assoziationen zum Mikrobiom (Beispiele):

Akuter und chronischer Stress kann Dysbiosen fördern, indem pathogene Bakterien wie etwa Proteobacteria zunehmen und nützliche wie Lactobacillen abnehmen. Kürzlich wurde nachgewiesen, dass psychischer Stress mit einer reduzierten Diversität der Mikrobiota und entzündlichen Prozessen in Verbindung gebracht wird (Ahmed et al. 2025).
Altersbezogene Veränderungen wie Gebrechlichkeit, Sarkopenie und ein veränderter Knochenstoffwechsel werden mit einem veränderten Mikrobiom assoziiert (Ticinesi et al. 2025).

Kurzkettige Fettsäuren können über GPR41/43-Rezeptoren auch vor Hypertonie schützen und spielen eine Schlüsselrolle bei metabolischen Erkrankungen (Muralitharan et al. 2025).

Das Mikrobiom kann auch die Produktion von Sexual- und Stresshormonen wie Cortisol beeinflussen. Einige Darmbakterien tragen Gene für die Synthese von Steroidhormonen. Diese regulieren zahlreiche Stoffwechselwege und wirken u. a. auf die Fettverteilung im Körper. Durch Eingriffe in den Genpool von Darmbakterien können Proteine hergestellt werden, die dem Körperhormon GLP-1 ähneln, das für den Blutglucosespiegel und das Sättigungsgefühl eine wichtige Rolle spielt (DDG 2025).

In einer Übersichtsarbeit wurden Zusammenhänge zwischen GLP1-Analoga und dem Mikrobiom untersucht. Dabei zeigten sich nach Semaglutid-Behandlung gemischte Ergebnisse. Akkermansia muciniphila, bekannt für seine positiven metabolischen Funktionen, nahm zu, während die mikrobielle Diversität abnahm (Gofron et al. 2025).

2025 entwickelten Forschende in einer Studie mit über 34 000 Teilnehmenden in den USA und Großbritannien das „ZOE Microbiome Health Ranking 2025“, das Bakterienspezies nach ihrer Assoziation mit Gesundheitsmarkern einordnet und starke, reproduzierbare Zusammenhänge mit Body-Mass-Index und Erkrankungen zeigt (Asnicar et al. 2025).

Ein Göttinger Ärzteteam zeigte, dass das Darmmikrobiom Langzeitkomplikationen nach einer schweren akuten Bauchspeicheldrüsenentzündung vorhersagen kann (Ammer-Herrmenau et al. 2025).

Microbiomanalysen

In Stuhlproben lassen sich heute verschiedene Parameter wie pathogene Erreger, okkultes Blut, Calprotectin oder Elastase zuverlässig nachweisen. Inzwischen liefern hochauflösende Mikrobiom-Sequenzierungen auch taxonomische Profile und teilweise funktionelle Vorhersagen, z. B. zum Butyrat-Potenzial, dienen jedoch überwiegend als Forschungsinstrumente.

2025 hat sich ein internationales multidisziplinäres Expert*innengremium zusammengeschlossen, um bewährte Praktiken der Mikrobiomtests für die klinische Umsetzung zu standardisieren. Dies umfasst u. a. Empfehlungen zu allgemeinen Prinzipien und Mindestanforderungen für deren Bereitstellung, Indikationen, Vortestprotokolle, Analysemethoden, Ergebnisberichterstattung und potenziellen klinischen Wert (Porcari et al. 2025).

Kommerzielle Mikrobiom-Stuhltests für Laien präsentieren häufig Listen „guter" und „schlechter" Bakterien und leiten daraus standardisierte oder vermeintlich personalisierte Ernährungsempfehlungen ab.

Bislang existiert kein klarer Konsens darüber, welches Profil bei gesunden Erwachsenen als „optimal“ gilt. Zudem fehlen prospektive Interventionsdaten zur Wirksamkeit solcher Empfehlungen. Von Stuhltests zur Untersuchung des Mikrobioms wird abgeraten, da sie weder einen informativen noch einen therapeutischen Mehrwert bringen und die wissenschaftlichen Grundlagen zur Methodik und Bewertung fehlen (Hoffmann et al. 2024).

Häufige Fehlschlüsse in der Praxis

  • Übertragung von Tierdaten auf den Menschen
  • Übertragung von Ergebnissen eines einzelnen Stammes auf ganze Gattungen
  • Ignorieren der interindividuellen Variabilität und des Einflusses der Ernährung
  • Herstellen von Kausalitäten auf Basis korrelativer Daten
  • Versprechen personalisierter Therapien ohne entsprechende validierte Algorithmen

Fazit

Der derzeitige Forschungsstand zur bakteriellen Zusammensetzung des Darmmikrobioms erlaubt keinen zuverlässigen Schluss auf die Funktionalität des Mikrobioms. Es gibt keine Definition für ein optimales Darmmikrobiom. Im Umgang mit nicht validierten Stuhltests ist Zurückhaltung angebracht. Eine Interpretation solcher Ergebnisse sollte immer im Kontext von Anamnese, Klinik und ernährungsbezogenen Daten erfolgen und nicht als alleinige Basis für Empfehlungen gelten.

In der Ernährungsberatung bietet das Thema Mikrobiom die Chance, mit Klient*innen über die Bedeutung für Verdauung, Immunsystem und Stoffwechsel zu sprechen und sie zu Lebensstiländerungen zu motivieren. Über langfristige Ernährungsmuster lässt sich dieses eher positiv beeinflussen als über kurzfristige „Darmkuren". Priorität hat dabei eine pflanzenbetonte, ballaststoffreiche Ernährung mit möglichst hoher Lebensmittelvielfalt entsprechend den Empfehlungen der DGE.

Dr. rer. nat. Gunda Backes
Dipl. oec. troph.

Der Beitrag ist zuerst im DGE-Wissenschaftsmagazin DGEwissen 03/2026 erschienen.
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Literatur

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