Ernährung und Bewegung sind wichtige Stellschrauben für gesundes Altern
© Justlight – stock.adobe.com, Erstellt mit KI
Mit diesen Worten begrüßte DGE-Präsidentin Prof. Dr. Britta Renner über 200 Teilnehmende zur DGE-Arbeitstagung am 10. September 2026 mit dem Thema „Aktuelle Aspekte der Ernährung im Alter“. Die wissenschaftliche Leitung der Online-Veranstaltung hatten Prof. Dr. Dorothee Volkert von der Universität Erlangen-Nürnberg und PD Dr. Eva Kiesswetter von der Universität Freiburg inne.
Das jüngere Selbstbild als Ressource verstehen
Mit unserem eigenen Alter veränderten sich die Vorstellungen vom Altsein. „60 ist das neue 40“ – das sei empirisch gut belegt. Niemand fühle sich so alt, wie er chronologisch tatsächlich sei. Prof. Renner bewertete das positiv, denn das jüngere Selbstbild sei eine Ressource, an die Prävention und Gesundheitsförderung anknüpfen könne. Die DGE gebe mit ihren Empfehlungen und Qualitätsstandards im Hinblick auf gesundes Altern eine konkrete Orientierung. Ebenso beeinflussten aber auch Altersarmut, Einsamkeit und fehlende soziale Unterstützung das Essen auf dem Teller. Auch Dr. Monika Lahrssen-Wiederholt vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) wies in ihren Grußworten auf die Aktualität des Themas aufgrund der demographischen Entwicklung hin sowie auf die Bedeutung einer gesunden und ausgewogenen Ernährung als zentrale Stellschraube für gesundes Altern.
Pflanzenbetont essen – auch im Alter
Mit Blick auf die Studienlage kam Dr. Kiesswetter zu dem Schluss, dass ein überwiegend pflanzliches Ernährungsmuster im mittleren Alter positiv mit gesundem Altern assoziiert ist und es Hinweise gibt, dass eine gesundheitsfördernde Ernährung sich auch im Alter und hohen Alter positiv auswirkt. Der Austausch bestimmter Lebensmittel wie verarbeitetes Fleisch durch andere Lebensmittel wie Nüsse oder Vollkornprodukte verringere wahrscheinlich das Mortalitätsrisiko. Auf der Ebene der Makronährstoffe würden im mittleren Alter qualitativ hochwertige Kohlenhydrate und pflanzliches Protein mit gesundem Altern assoziiert.
Wie sich eine pflanzenbetonte Ernährung umsetzen lässt, zeigen die DGE-Ernährungsempfehlungen „Gut essen und trinken“, die für gesunde Erwachsene von 18 bis 65 Jahren gelten. Ob sich die Empfehlungen von denen für Senior*innen unterscheiden, erläuterte Alessa Klug, wissenschaftliche Mitarbeiterin der DGE. Ältere Menschen haben aufgrund der Alterungsprozesse bei manchen Nährstoffen andere Bedarfe als jüngere Erwachsene, was bei der Ableitung von Ernährungsempfehlungen zu berücksichtigen sei. Wie vorläufige Ergebnisse verschiedener Analysen zeigten, wichen die Ernährungsempfehlungen für Senior*innen nicht deutlich von denen für jüngere Erwachsene ab. Auch bei der Darstellung der Empfehlungen im Ernährungskreis zeigten sich viele Übereinstimmungen, resümierte Klug. Eine Publikation zu diesen Ergebnissen ist in Arbeit.
Kein Vorteil durch erhöhte Proteinzufuhr
Dass neben der Ernährungsweise die Muskelgesundheit, also Muskelmasse, -kraft und -funktion, ein zentraler Faktor für gesundes Altern sei, berichtete Prof. Dr. Anja Carlsohn von der HAW Hamburg. Um Muskelmasse aufzubauen und zu erhalten, ist eine bedarfsgerechte Versorgung mit Protein wichtig. Ob eine höhere Proteinzufuhr bei älteren Menschen Sarkopenie oder andere Faktoren der Muskelgesundheit positiv beeinflussen kann, untersuchten Wissenschaftler*innen in einem noch unveröffentlichten Umbrella Review der DGE-Protein-Leitlinie. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass eine erhöhte Proteinzufuhr mit oder ohne Krafttraining nach aktueller Evidenz keine erfolgsversprechende Maßnahme in der Primärprävention der Sarkopenie bei gesunden ausreichend mit Protein versorgten Personen über 50 Jahre sei. Carlsohn resümierte, dass ältere Menschen einen höheren Proteinbedarf haben. Die DGE spricht für Menschen ab 65 Jahre einen Richtwert von 1,0 g Protein pro kg Körpergewicht pro Tag aus, ESPEN empfiehlt 1,2 g Protein pro kg Körpergewicht pro Tag. Derzeit gibt es keine Hinweise, dass eine noch höhere Zufuhr einen messbaren Zusatznutzen für die Muskelgesundheit hat.
Weniger sitzen, mehr bewegen
Die Bedeutung von Bewegung im Alter unterstrich Dr. Ellen Freiberger, Privatdozentin an der Universität Erlangen-Nürnberg. Die WHO empfiehlt 150 bis 300 Minuten pro Woche moderate Aktivität, das heißt, man komme ins Schwitzen, könne sich aber noch unterhalten. Alternativ können es pro Woche auch 75 bis 150 Minuten intensive körperliche Aktivität sein, die beispielsweise sogenannten Weekendwarrior am Wochenende erreichen. Gerade für ältere Menschen sei es wichtig zu wissen, dass sie Bewegungseinheiten sammeln könnten wie ein Eichhörnchen, indem sie zum Beispiel bei der Hausarbeit oder beim Einkaufen einen kleinen Umweg gehen. Es zählten alle körperlichen Aktivitäten von länger als zehn Minuten dazu. Wer sich nur ein bisschen bewege, also weniger als 150 Minuten pro Woche, könne das Mortalitätsrisiko um fast 20 % und das kardiovaskuläre Risiko um 20 % senken. An zwei Tagen in der Woche sollte auch die Kraft aller großen Muskelgruppen trainiert und bei Gleichgewichtsproblemen oder Gangunsicherheiten dreimal pro Woche ein Gleichgewichtstraining absolviert werden. Genauso wichtig sei es, sitzende Perioden zu reduzieren. Jede Werbepause beim Fernsehfilm beispielsweise ließe sich zum Aufstehen nutzen. Um das Leistungsniveau zu steigern, sei es hilfreich, Reiz und Erholung in einem bestimmten Zeitraum abzuwechseln. Zudem wies Dr. Freiberger darauf hin, dass Bewegung auch immer Teilhabe, Selbstbestimmung und Lebensqualität bedeute.
Routinemäßiges Screening auf Mangelernährung gefordert
Prof. Dr. Dorothee Volkert stellte ausgewählte Empfehlungen der aktuellen S3-Leitlinie „Klinische Ernährung und Hydrierung im Alter“ der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) vor. Sie enthält Empfehlungen zur Malnutrition, dem größten Ernährungsproblem in der Geriatrie, zur Dehydratation, Sarkopenie und Adipositas. Für Einrichtungen der Altenpflege forderte Prof. Volkert neben ausreichenden Ressourcen ein zielgerichtetes Ernährungskonzept. Dieses müsse individuell, multimodal und teamübergreifend umgesetzt werden. Die medizinische Fachwelt sei sich einig, dass ältere Menschen routinemäßig auf Mangelernährung gescreent werden sollten. Hinsichtlich der Ernährung sei eine individuelle Ernährungsberatung bedeutend sowie ein attraktives Essensangebot nach den DGE-Qualitätsstandards, individuell angepasste Mahlzeiten und bei Bedarf Trinknahrung. Prof. Volkert riet dringend dazu, die Empfehlungen der Leitlinie im klinischen Alltag umzusetzen.
In Pflegeeinrichtungen wenig Spielraum für Veränderungen
Ob und wie empfohlene Lösungen und Konzepte in stationären Einrichtungen umgesetzt werden, hat Prof. Dr. Stephanie Hagspihl von der Hochschule Fulda mit dem Forschungsprojekt GeGeSSEn untersucht. Ziel war es, die Ernährungsversorgung in den Pflegeeinrichtungen zu optimieren. Dazu wurden unter anderem ein übergreifendes Leitbild Ernährung und ein Verpflegungskonzept als Best-Practice-Beispiel entwickelt, ein Ernährungsteam implementiert und Mitarbeitende geschult. Ein Transferkonzept für die Übertragung der Maßnahmen auf andere Einrichtungen und ein zielgruppenspezifisches Schulungskonzept seien derzeit in Arbeit. Das Projekt zeigte, dass beispielsweise die Mitarbeitenden für das Thema Ernährung durch Verankerung des nutritonDays über die Pflegefachschule sensibilisiert werden konnten, sich die Esssituation und -atmosphäre verbesserte und sich die Lebensmittelverschwendung um mehr als 50 % reduzieren ließ. Prof. Hagspihl kam zu dem Fazit, dass die personellen und finanziellen Rahmenbedingungen im Alltag nur wenig Spielraum für Veränderungsprozesse lassen.
Mangelnde Daten, finanzielle Situation, die letzte Meile – nur einige der Herausforderungen in der ambulanten Seniorenernährung
In der Diskussionsrunde standen Herausforderungen und Lösungsansätze für die Ernährungsversorgung älterer Menschen im ambulanten Bereich im Fokus. Prof. Dr. Tanja Schwerdtle, Präsidentin des Max Rubner-Instituts in Karlsruhe verwies auf bestehende Datenlücken zur Senior*innenernährung, insbesondere bei über 80-Jährigen. Das Forschungsprojekt ELSinA (Ernährungs- und Lebenssituation von Senior*innen in Armut) am MRI habe weitere Herausforderungen aufgezeigt. Dazu zählten finanzielle Einschränkungen beim Einkauf, teilweise bereits bei den Grundnahrungsmitteln, sowie Gebrechlichkeit, Schwierigkeiten bei der Lagerung und Zubereitung von Lebensmitteln und mangelnde Ernährungsteilhabe.
Auch die Versorgung im ländlichen Raum stelle angesichts schließender Geschäfte und Restaurants sowie der sogenannten „letzten Meile“ eine Herausforderung dar, wie Ilona Berg von der DGE-Vernetzungsstelle Seniorenernährung Hessen und auch Prof. Dr. Stephanie Hagspihl berichteten. Anbietende von Mahlzeiten stehen zudem unter dem Druck gestiegener Lebensmittel-, Personal- und Logistikkosten.
Céline Düzdag, DGE-Vernetzungsstelle Seniorenernährung Niedersachsen und Dr. Fabian Graeb von der Hochschule Esslingen wiesen auf das Problem der Mangelernährung hin. Aus Sicht der ambulanten Pflegedienste sei es zudem schwierig zu erkennen, ob eine Person bereits mangelernährt sei, wenn sie nicht offensichtlich stark abgenommen habe oder abgemagert sei, ergänzte Dr. Graeb. Er verwies auf eigene Forschungsdaten, nach denen in der Tagespflege etwa 35 % von einem Mangelernährungsrisiko betroffen seien.
Lösungsansätze: Vom sozialen Rezept bis hin zu offenen Mittagstischen
Als mögliche Lösungsansätze wurden das „Soziale Rezept“, offene Mittagstische und die bessere Nutzung bestehender kommunaler Strukturen genannt. Das „Soziale Rezept“ verbindet einen Mittagstisch mit Sozial- und Teilhabeberatung und soll insbesondere Menschen mit wenig Geld erreichen. Offene Mittagstische bieten eine niedrigschwellige Möglichkeit für gutes Essen und Gemeinschaft. Als Praxisbeispiel wurde Wiesbaden genannt, wo in zehn Stadteilen offene Mittagstische existieren. Auch mehr Betriebskantinen und Schulmensen könnten für Senior*innen geöffnet werden.
Eine zentrale Voraussetzung für die Umsetzung sei die bessere Vernetzung der Akteur*innen vor Ort. Seniorenbüros, Nachbarschaftshilfen, Verpflegungsstützpunkte, Pflegedienst und weitere kommunale Strukturen könnten dazu beitragen, Angebote bekannter zu machen und vulnerable Gruppen wie armutsgefährdete Senior*innen zu erreichen. Gerade Menschen mit eingeschränkter Mobilität oder geringer digitaler Affinität benötigten niedrigschwellige Zugänge. Auch pflegende Angehörige und Pflegekräfte spielten bei der Vermittlung von Angeboten eine wichtige Rolle. Die hausärztliche Praxis gelte als wichtige und vertrauensvolle Informationsquelle für Senior*innen
Beteiligung aller erforderlich
Die Diskussion machte deutlich, dass es bereits vielfältige Angebot gibt, diese aber besser vernetzt, bekannter gemacht und finanziell abgesichert werden müssen. Prof. Hagspihl betonte, dass die Verantwortung für eine gute Ernährungsversorgung nicht bei der einzelnen Person liegen dürfe, sondern als gemeinsame kommunale Verantwortung verstanden werden müsse. Dafür brauche es politische Unterstützung, den Erhalt bestehender Strukturen und eine gesicherte Finanzierbarkeit.
In ihrem Fazit hob Prof. Dr. Volkert hervor, dass Ernährung und gesundes Altern in allen Lebensphasen von Bedeutung sei. Angesichts der demografischen Entwicklung bestehe weiterhin großer Handlungsbedarf. Neben der besseren Vernetzung und einer höheren Bekanntheit bestehender Angebote seien auch technische Lösungen, das Ehrenamt und die Beteiligung älterer Menschen gefragt, um die Ernährungsversorgung im Alter nachhaltig zu stärken.