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Update Säuglingsernährung

Handlungsempfehlungen liefern klare Antworten für Eltern

Drängende Fragen junger Eltern zur Säuglingsernährung

Die Geburt eines Kindes ist für Eltern mit vielen Veränderungen und Herausforderungen verbunden. Im Vordergrund steht der Wunsch, dem Säugling einen gesunden Start ins Leben zu ermöglichen, z. B. durch die richtige Ernährung. Aber wie sieht eine solche Ernährung aus? Wie lange sollte gestillt werden? Welche Flaschennahrung oder Beikost ist geeignet? Eltern erhalten hierauf nicht immer einheitliche Antworten. Die Empfehlungen zur Säuglingsernährung weichen teilweise voneinander ab. Das führt zu Verunsicherungen bei jungen Familien, aber auch bei den Multiplikatoren und Beratungskräften.

Das verdeutlichen auch die zunehmenden Online-Anfragen im „aid-Expertenforum Säuglings- und Kinderernährung“, wie eine Analyse des aid infodienst zeigt. Auf dieser Internet-Plattform können Ratsuchende kostenlos Fragen an Experten des aid richten. Für die Untersuchung wurden 3 443 Anfragen in den Jahren 2002 bis 2009 ausgewertet. 2,8 Mio. Besucher haben in diesem Zeitraum die Seite besucht. Die Hälfte aller Fragen bezog sich dabei auf die Ernährung von Säuglingen. Besonders häufig ging es um die Oberthemen Beikost und Milch (s. Infokasten).

Die Fragen zeigen deutlich, dass klare und einheitliche Botschaften nötig sind, die von allen relevanten Fachgesellschaften gemeinsam getragen werden. Vor diesem Hintergrund hat das Netzwerk „Gesund ins Leben ­ Netzwerk Junge Familie“ die Handlungsempfehlungen zur Säuglingsernährung und zur Ernährung der stillenden Mutter formuliert und 2010 veröffentlicht. Das bundesweite Kommunikationsnetzwerk wird vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz unterstützt. In ihm schließen sich Akteure, medizinische und wissenschaftliche Fachgesellschaften (wie z. B. DGE, DGKJ, FKE), Institutionen und Medien zusammen, die Eltern rund um die Geburt begleiten und unterstützen wollen. Projektnehmer ist der aid infodienst in Bonn.

Ziel des Netzwerks ist es, einheitliche Botschaften für die Ernährung der stillenden Mutter und des Säuglings zu erarbeiten, auf die sich junge Eltern verlassen können, so Maria Flothkötter, Projektleiterin von „Gesund ins Leben ­ Netzwerk Junge Familie“. Durch die Handlungsempfehlungen erhalten Multiplikatoren Antworten auf drängende Fragen der Eltern für eine ausgewogene Säuglingsernährung und zur Allergieprävention.

Was sagen die Handlungsempfehlungen?

Im Folgenden sind die wesentlichen Aussagen der Handlungsempfehlungen zur Säuglingsernährung und zur Ernährung der stillenden Mutter ausschließlich im Hinblick auf die Säuglingsernährung zusammengefasst.

1. Stillen: „Breast is best“

Viele Vorteile für Mutter und Kind

Muttermilch ist die beste Ernährungsform für den Säugling in den ersten Lebensmonaten. Stillen ist von Beratungskräften daher uneingeschränkt zu fördern. Der Grund: Stillen wirkt sich positiv auf die Gesundheit von Mutter und Kind aus. Es kann das Risiko für Durchfall, Mittelohrentzündung und späteres Übergewicht beim Kind senken und ist mit einem geringeren Risiko für SIDS („sudden infant death syndrome“, plötzlicher Kindstod) verbunden. Bei der Mutter kann Stillen die Uterusrückbildung nach der Geburt fördern und zur Risikominderung für Brust- und Eierstockkrebs beitragen. Es begünstigt außerdem die emotionale Bindung zwischen Mutter und Kind.

Stillen ­ aber wie oft und wie lange?

Mütter legen ihre Babys am besten innerhalb der ersten zwei Stunden nach der Geburt an und stillen sie für das erste Lebenshalbjahr, mindestens bis zum Beginn des 5. Lebensmonats ausschließlich. Das gilt auch für Kinder mit erhöhtem Allergierisiko. Ist ausschließliches Stillen nicht möglich oder gewünscht, ist auch Teilstillen wertvoll (d. h. der Säugling wird teils gestillt, teils mit Säuglingsmilchnahrung gefüttert). Auch nach Einführung der Beikost (die frühestens mit Beginn des 5. Monats und spätestens mit Beginn des 7. Monats erfolgt) wird empfohlen, weiter zu stillen. Für wie lange, das bestimmen Mutter und Kind.

Die Stillhäufigkeit und -dauer richten sich nach dem Bedarf des Kindes. In den ersten Lebenswochen werden die meisten Kinder 10- bis 12-mal innerhalb von 24 Stunden angelegt. In besonderen Situationen kann es notwendig sein, das Baby zum Stillen zu wecken (z. B. bei geringer Gewichtszunahme).

2. Säuglingsmilchnahrung ­ welche ist die richtige?

Industriell oder selbst hergestellt?

Können oder wollen Mütter nicht oder nicht voll stillen, ist auf industriell hergestellte Säuglingsmilchnahrungen auszuweichen. Von einer Selbstherstellung aus Milch (Kuh-, Ziegen-, Schafs-, Stutenmilch) oder anderen Rohstoffen als Ersatz für Muttermilch wird eindeutig abgeraten. Die Gründe hierfür sind die hohe renale Molenlast1 einer mit Kuhmilch selbst hergestellten Säuglingsmilch, ein unausgewogener Nährstoffgehalt und ein erhöhtes Risiko für Magen-Darm-Infektionen.

Säuglingsanfangs- und Folgenahrungen

Bei den Säuglingsmilchnahrungen wird unterschieden zwischen Säuglingsanfangs- und Folgenahrungen. Säuglingsanfangsnahrungen stellen die einzige Alternative zur Muttermilch dar (als alleinige Nahrung oder zum Zufüttern). Sie sind als „Pre“- und „1“-Nahrungen im Handel und eignen sich zur Fütterung im gesamten ersten Lebensjahr sowie von Geburt an.

Folgenahrungen sind als Ergänzung zur Beikost gedacht. Sie sind im Handel als „2“- oder „3“-Nahrungen zu erkennen. Über ihre Notwendigkeit sind sich die Experten allerdings uneins. Die Handlungsempfehlungen sehen eine früheste Verwendung mit Beginn der Beikostfütterung vor (also frühestens mit Beginn des 5. Monats). Das rechtlich anzugebende Einführungsalter für Folgenahrung ist allerdings „nach dem 6. Monat“, also mit Beginn des 7. Monats (gemäß EG-Richtlinie 2006/141/EG2). Das bedeutet, Folgenahrung ist nicht als Ersatz für Muttermilch in den ersten sechs Lebensmonaten gedacht. Sie kann jedoch – zusammen mit Beikost – unter besonderen Bedingungen (nach Rücksprache mit einer Fachkraft) auch früher gegeben werden, aber frühestens mit Beginn des 5. Monats.

Spezialnahrungen, Pro- und Präbiotika

Spezialnahrungen sind grundsätzlich nur nach Rücksprache mit dem Kinderarzt zu füttern. Dazu zählen z. B. Produkte, die Sojaprotein enthalten oder auch solche, die bei Spuckneigung eingesetzt werden.

Weiterhin existieren Säuglingsmilchnahrungen mit zugesetzten Pro- oder Präbiotika. Die Datenlage, wie sich diese auf die Gesundheit des Kindes auswirken, ist bislang noch widersprüchlich. Im Hinblick auf Allergien und Infektionen sind die Schutzeffekte nicht zweifelsfrei belegt.

HA-Säuglingsnahrung

Säuglingen mit erhöhtem Allergierisiko, die nicht oder nicht voll gestillt werden, wird im ersten Lebenshalbjahr eine HA3-Säuglingsnahrung empfohlen (mindestens bis zum Beginn des 5. Monats). Dazu zählen Säuglinge, deren Eltern oder Geschwister von einer Allergie betroffen sind. Nicht zur Allergievorbeugung geeignet sind Säuglingsnahrungen auf der Basis von Sojaprotein, Ziegen-, Stuten- oder einer anderen Tiermilch. Sobald die Säuglinge Beikost erhalten, kann eine Umstellung auf „normale“ Säuglingsmilchnahrung erfolgen.

Zubereitung von Säuglingsmilchnahrung

Das hygienische Hauptrisiko bei der Zubereitung von Säuglingsmilchnahrungen liegt in der Vermehrung gesundheitsgefährdender Bakterien wie Escherichia coli und Salmonellen. Die Standzeiten der zubereiteten Milchnahrung haben hierauf einen bedeutenden Einfluss. Deshalb ist die entscheidende hygienische Vorsichtsmaßnahme, Milchnahrungsreste zu entsorgen und nicht wieder aufzuwärmen.

3. Beikost ­ ab wann und in welcher Abfolge?

Die Experten des Netzwerks Junge Familie empfehlen, Beikost frühestens mit Beginn des 5. und spätestens mit Beginn des 7. Monats einzuführen. Auch danach sollten Mütter noch weiter stillen. Der genaue Zeitpunkt, ab wann ein Säugling reif für Beikost ist, kann individuell unterschiedlich sein. Er richtet sich nach der persönlichen Entwicklung des Kindes (z. B. vom Löffel essen können, Interesse und Verlangen nach neuen Lebensmitteln).

Die Empfehlungen für die optimale Abfolge der Beikost basieren auf dem Ernährungsplan des Forschungsinstituts für Kinderernährung Dortmund (FKE). Danach wird zwischen dem 5. und 7. Monat als erster Brei ein Gemüse-Kartoffel-Fleisch-Brei eingeführt. Jeweils einen Monat später folgen zwischen dem 6. und 8. Monat ein Milch-Getreide-Brei und zwischen dem 7. und 9. Monat ein Getreide-Obst-Brei.

Bei der Auswahl der Beikost ist Abwechslung wünschenswert. Im Rahmen der oben empfohlenen Breie sind die Beikostzutaten zu variieren:

  • verschiedene Gemüse- und Obstarten auswählen
  • Gemüse-Kartoffel-Fleisch-Brei auch manchmal mit kleinen Mengen Nudeln bzw. anderen Getreideprodukten kombinieren (vorzugsweise aus Weizen)
  • gelegentlich fettreichen Fisch anstelle von Fleisch wählen

Zöliakierisiko

Es wird empfohlen, mit Beginn der Beikostfütterung auch kleine Mengen glutenhaltiges Getreide zu füttern. Diese Maßnahme senkt das Zöliakierisiko um 50 %. Gluten ist dazu in kleinen Mengen einzuführen, solange noch gestillt wird.

Gesonderte Empfehlungen für allergiegefährdete Kinder?

Für Kinder mit erhöhtem Allergierisiko gibt es keine speziellen Empfehlungen zur Beikost. Es gilt ebenso der obige Ernährungsplan. Start der Beikost ist ebenfalls frühestens ab Beginn des 5. Monats und spätestens ab Beginn des 7. Monats. Entgegen der früheren Auffassung bietet die Vermeidung oder die spätere Einführung von Lebensmitteln, die häufig Allergien auslösen, keinen Allergie-Schutz. Es gibt jedoch Hinweise, dass der Verzehr von Fisch im ersten Lebensjahr einen schützenden Effekt auf die Entwicklung atopischer Erkrankungen hat. Selbst gekocht oder Gläschen?

Beides hat Vorteile – Beikost selbst zu kochen oder fertig zu kaufen. Bei der Selbstzubereitung können die Eltern über Auswahl und Anzahl der Zutaten selbst entscheiden. Sie können zudem für mehr Vielfalt sorgen, was im frühen Alter eine Akzeptanz für neue Lebensmittel fördert, wie z. B. Gemüse. Auch lässt sich dann auf Salz und Zucker einfach verzichten. Die industriell hergestellte Beikost hingegen spart Zeit und Arbeit und erfüllt hohe gesetzliche Anforderungen. Zur Auswahl solcher Fertigprodukte geben die Experten des Netzwerks Junge Familie folgende Empfehlungen:

  • erwünscht: nur wenige Lebensmittelzutaten (in etwa wie in den Rezepten für die Selbstzubereitung vom FKE vorgesehen)
  • unerwünscht: Zusatz von Salz oder Aromen und starker Süßgeschmack

Werden industrielle Beikostprodukte verwendet, ist gelegentliches Selbstkochen wünschenswert, um die Geschmacksvielfalt zu erhöhen. Was ist mit Kuhmilch zur Beikost? Trinkmilch (Kuhmilch) ist im 1. Lebensjahr nur in kleinen Mengen zu verwenden ­ als Zutat des Milch-Getreide-Breis. Zum Trinken erhalten Säuglinge sie erst gegen Ende des 1. Lebensjahres und nur im Rahmen der Brotmahlzeiten (aus Becher oder Tasse). Sie ist nicht als Roh- oder Vorzugsmilch einzusetzen.

4. Getränke

Säuglinge brauchen erst zusätzliche Flüssigkeit, wenn der dritte Beikostbrei (Getreide-Obst-Brei) eingeführt ist, also frühestens mit Beginn des 7. Monats. Ausnahmen sind Perioden mit erhöhtem Flüssigkeitsbedarf wie Fieber und Durchfall. Die Babys erhalten die Getränke vorzugsweise aus Becher oder Tasse. Um keine Zahnschäden zu verursachen, sind Dauernuckeln und die „Flasche zum Einschlafen“ unbedingt zu vermeiden.

Bei der Auswahl des richtigen Getränks sind kalorienfreie zu bevorzugen, am besten Trinkwasser (Leitungswasser), alternativ ungesüßte Kräuter- und Früchtetees. Vor der Verwendung von Trinkwasser ist auf folgendes zu achten:

  • ablaufen lassen, bis es kalt aus der Leitung fließt
  • kein Trinkwasser aus Bleileitungen
  • Wasser aus Hausbrunnen nur nach Prüfung der Eignung

5. Nährstoffsupplemente – aller guten Dinge sind drei

Alle Säuglinge benötigen im ersten Lebensjahr die Vitamine K und D sowie Fluorid; die Empfehlungen zu Nährstoffsupplementen im Überblick:

  • Vitamin K: 3 x 2 mg als Tropfen bei den Vorsorgeuntersuchungen U1, U2, U3
  • Vitamin D: 400-500 IE/Tag ab der 2. Lebenswoche
  • Fluorid: als Tablette, in der Regel 0,25 mg/Tag (in Form von fluoridierter Zahnpasta nicht zu empfehlen)

Fazit

Die Handlungsempfehlungen bieten erstmals eine einheitliche Beratungsgrundlage für Multiplikatoren. Durch die Zusammenarbeit aller relevanten Fachgesellschaften ist eine gemeinsame Basis für eine effektive Kommunikation und Aufklärung im Bereich der Säuglingsernährung entstanden. Die Handlungsempfehlungen liefern klare Antworten auf die drängenden Fragen junger Eltern zur Säuglingsernährung. Die Empfehlungen bilden den aktuellen Erkenntnisstand zur Säuglingsernährung ab. So sind insbesondere auch die neuesten Erkenntnisse zur Allergieprävention in den Handlungsempfehlungen berücksichtigt.

Literatur

  1. aid infodienst (Hrsg.): Säuglingsernährung und Ernährung der stillenden Mutter. Handlungsempfehlungen ­ Ein Konsensuspapier im Auftrag des bundesweiten Netzwerks Gesund ins Leben. Folienvortrag. Bonn (2011)
  2. aid infodienst: Was Eltern über Säuglingsernährung wissen wollen: aid-Expertenforum analysiert ­ Ansätze für Fachkräfte. aid-Presseinfo Nr. 10/11 vom 09.03.2011
  3. aid infodienst (Hrsg.): Gesund ins Leben – Netzwerk Junge Familie. Für Fachkräfte. http://www.gesundinsleben.de/fuer-fachkraefte (eingesehen am 30.03.2011)
  4. Diätverband ­ Bundesverband der Hersteller von Lebensmitteln für eine besondere Ernährung e. V. (Hrsg.): Aktuelles zu Säuglingsanfangsnahrung und Folgenahrung. (2008) http://www.diaetverband.de/download/downloads/broschuere_empfehler.pdf (eingesehen am 30.03.2011)
  5. Koletzko B, Brönstrup A, Cremer M et al.: Säuglingsernährung und Ernährung der stillenden Mutter. Handlungsempfehlungen ­ Ein Konsensuspapier im Auftrag des bundesweiten Netzwerk Junge Familie. Monatsschrift Kinderheilkunde 158 (2010) 679­689
  6. Ontrup J: Analyse des aid-Expertenforums „Säuglings- und Kinderernährung“. Universität Bielefeld (2009)

1Belastung der Nieren mit harnpflichtigen Substanzen
2Richtlinie 2006/141/EG der Kommission vom 22. Dezember 2006 über Säuglingsanfangsnahrung und Folgenahrung und zur Änderung der Richtlinie 1999/21/EG
3HA = hypoallergene Nahrung

Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Update Säuglingsernährung – Handlungsempfehlungen liefern klare Antworten für Eltern. DGEinfo (5/2011) 71-74

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