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Milch für die Säuglingsernährung

Frage: Ist Trinkmilch im ersten Lebensjahr geeignet?

Antwort: Herkömmliche Trinkmilch ist wegen ihrer Zusammensetzung im ersten Lebensjahr für die Ernährung des Säuglings nicht geeignet. Grund ist der hohe Protein- und Mineralstoffgehalt sowie ein zu geringer Gehalt an mehrfach ungesättigten Fettsäuren, Eisen und Jod. Milchmahlzeiten im ersten Lebensjahr sollten aus Muttermilch oder Säuglingsmilchnahrungen bestehen. Geringe Mengen an Vollmilch im Vollmilch-Getreide-Brei können frühestens ab dem sechsten Monat gefüttert werden.

Ernährung des Säuglings

Für Säuglinge – Kinder im ersten Lebensjahr – ist eine besondere Ernährung erforderlich. Dies ist begründet durch den hohen Energie- und Nährstoffbedarf, ihre neuromotorische Entwicklung und einige noch nicht vollständig ausgereifte Verdauungs-, Stoffwechsel- und Ausscheidungsfunktionen sowie durch das noch nicht reife Immunsystem. Der Energiebedarf ist im ersten Lebensjahr bezogen auf das Körpergewicht höher als im späteren Leben, insbesondere wegen des starken Wachstums in den ersten Lebensmonaten.

Für die Ernährung von Säuglingen wird der „Ernährungsplan für das erste Lebensjahr“ des Forschungsinstitutes für Kinderernährung (FKE) zugrunde gelegt (Abb. 1).

Abb. 1: Ernährungsplan für das erste Lebensjahr des Forschungsinstituts für Kinderernährung (FKE) Dortmund

Ernährungsplan

Datengrundlage bilden die D-A-CH-Referenzwerte, die in diesem Konzept zusammen mit aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen in lebensmittel- und mahlzeitenbezogene Empfehlungen umgesetzt werden.

Der Plan lässt sich in drei Abschnitte gliedern:

  • Ausschließliche Ernährung mit Muttermilch, ersatzweise industriell hergestellte Säuglingsmilch, in den ersten vier bis sechs Lebensmonaten
  • Einführung der Beikost ab dem fünften bis siebten Monat, in der Reihenfolge

    • Gemüse-Kartoffel-Fleisch-Brei
    • Milch-Getreide-Brei
    • Getreide-Obst-Brei

  • Übergang zur Familienkost ab dem zehnten Lebensmonat

Die Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin empfiehlt, Kuhmilch und Kuhmilchprodukte im ersten Lebensjahr nur in sehr eingeschränktem Umfang und in denaturierter (erhitzter) Form im Rahmen eines Getreide-Milch-Breis einzusetzen. Eine Einführung weiterer milchhaltiger Beikost wird nicht empfohlen.

Stillen

Die Verwendung handelsüblicher Trinkmilch wird in den ersten zehn bis zwölf Lebensmonaten nicht empfohlen. Grund ist in erster Linie der niedrige Eisengehalt der Trinkmilch sowie eine Resorptionsbehinderung von Nichthämeisen auch aus anderen Lebensmitteln.

In den ersten 4–6 Lebensmonaten erhält der Säugling Muttermilch oder ersatzweise industriell hergestellte Säuglingsmilchnahrung. Herkömmliche Trinkmilch ist in den ersten vier bis sechs Lebensmonaten völlig ohne Bedeutung und kontrainduziert. Der Säugling erhält in dieser Zeit ausschließlich Muttermilch oder, für den Fall, dass Muttermilchernährung nicht möglich ist, eine entsprechende Säuglingsnahrung. Alle anderen Lebensmittel, z. B. Obstbrei oder Karottensaft und Getränke, sind überflüssig und ungeeignet. Bei der in diesem Alter noch sehr durchlässigen Darmschleimhaut und aufgrund des unreifen Immunsystems ist die Gefahr einer Sensibilisierung gegen Lebensmittelallergene stark erhöht.

Es gilt deshalb: Muttermilch ist die natürliche und optimale Nahrung für den Säugling. Sie enthält alle notwendigen Nährstoffe in der richtigen Zusammensetzung und passt sich den Bedürfnissen des Kindes an. Ferner bieten die in der Muttermilch enthaltenen Abwehrstoffe dem Säugling Schutz vor verschiedenen Infektionskrankheiten. Der Säugling sollte ad libitum gestillt werden.

Auch nach der Einführung von Beikost kann noch so lange weiter gestillt werden, wie Mutter und Kind dies wünschen.

Säuglingsnahrungen

Steht Muttermilch nicht zur Verfügung, sind industriell hergestellte Säuglingsnahrungen bestmöglicher Ersatz. Diese können während der ersten vier bis sechs Lebensmonate als alleinige Nahrung gegeben werden. Bis zum Ende des ersten Lebensjahres sind sie als Teilernährung neben der Beikost geeignet. Herkömmliche Trinkmilch erfüllt nicht die ernährungsphysiologischen Anforderungen, die an eine Nahrung für diesen Altersabschnitt zu stellen sind.

Geeignet sind Pre- und 1-Nahrungen. Sie unterscheiden sich lediglich im Kohlenhydratanteil. Während Pre-Nahrungen ebenso wie Muttermilch nur Laktose enthalten und daher ähnlich dünnflüssig sind wie Muttermilch, enthalten 1-Nahrungen als zusätzliches Kohlenhydrat Stärke. Letztere haben deshalb eine etwas sämigere Konsistenz, sind aber nicht energiereicher.

Folgemilch (2- oder 3-Nahrungen) ist in ihrer Zusammensetzung weniger an die Muttermilch angenähert als Säuglingsanfangsnahrung. Eine Einführung der Folgemilch ist frühestens ab dem 5. Monat neben der Beikost möglich, jedoch nicht notwendig.

Für die Zubereitung von Säuglingsnahrung ist Trinkwasser (Leitungswasser) in der Regel geeignet. Ausgenommen sind

  • Wasser aus alten Wasserleitungen aus Blei,
  • Nitratgehalte im Wasser über dem gesetzlichen Grenzwert,
  • pH-Wert unter dem gesetzlichen Grenzwert, so dass Kupfer aus den Leitungen gelöst werden kann.

In diesen Fällen ist abgepacktes Wasser zu verwenden mit der Deklaration „für die Zubereitung von Säuglingsnahrung geeignet“.

Die Gabe von Flüssigkeit zusätzlich zur Säuglings- oder Muttermilch ist beim gesunden Säugling in den ersten 4­-6 Monaten nicht nötig. Bei fiebrigen Erkrankungen oder starkem Schwitzen kann eine zusätzliche Flüssigkeitszufuhr notwendig werden. Geeignete Getränke sind Trinkwasser und stilles, „für die Säuglingsernährung geeignetes“ Mineralwasser. Dies sollte im 1. Lebenshalbjahr auf jeden Fall abgekocht werden.

„Klassische“ Milchflasche

Als Ersatz für Muttermilch eignen sich ausschließlich spezielle Säuglingsmilchnahrungen. Die „klassische“ Milchflasche, wie sie von manchen Müttern selbst hergestellt wird, mit Vollmilch und Zusatz von Kohlenhydraten, z. B. Haferflocken oder Grieß, ist als Ersatz für Muttermilch nicht geeignet. Die Zubereitungen weisen einen zu hohen Proteingehalt auf und zu wenig Vitamine und Spurenelemente.

Probiotische Säuglingsmilch

Wissenschaftlich fundierte Empfehlungen für die Verwendung probiotischer Lebensmittel bei gesunden Säuglingen und Kleinkindern liegen zurzeit nicht vor.

Der Einsatz von Pro- oder Prebiotika bei der Ernährung gesunder Säuglinge hinsichtlich gesundheitlicher Vorteile gilt bislang als nicht überzeugend. Bei Kindern mit Durchfällen konnte durch den Einsatz von bestimmten Bakterienstämmen eine Besserung erzielt werden. Weitere Untersuchungen liefern Hinweise auf positive Effekte von Probiotika bei der Therapie und Prävention von Allergien bei Säuglingen.

Vollmilch-Getreide-Brei

Im Rahmen der Beikost kann frühestens ab dem sechsten Lebensmonat ein Vollmilch-Getreide-Brei (Tab. 1)

Tab. 1: Zusammensetzung für einen Vollmilch-Getreide-Brei
Lebensmittel Menge Beispiele
Milch 200 g Säuglingsanfangsnahrung Vollmilch (pasteurisiert oder ultrahocherhitzt) mit 3,5 % Fett Muttermilch
Getreide 20 g Reine Flocken oder Grieß (z. B. InstantGetreide-Flocken für Säuglinge) möglichst aus Vollkorn und ohne Zusatz von Süßungsmitteln
Obstsaft/-püree 20 g Vitamin-C-reich (z. B- Orangen(saft), alternativ: Vitamin C-reicher Saft mit mindestens 40 mg Vitamin C pro 100 ml Saft)

Ungeeignet für den Säugling ist Rohmilch, Vorzugsmilch sowie fettarme oder Magermilch. Durch die Vitamin C-Zugabe wird die Vitamin C-Versorgung und die Ausnutzung von Eisen aus dem Getreide verbessert. Bei Getreide ist die Eignung je nach Altersgruppe zu beachten.

Als Fertigprodukte stehen Milchfertigbreie oder Abendbreie zur Verfügung. Diese sollten Jodzusatz enthalten (Kaliumjodid oder Kaliumjodat).

Beikostprodukte auf Milchbasis

Beikostprodukte auf Milchbasis werden als Zwischenmahlzeit oder Dessert ab dem 7. oder 8. Monat angeboten. Sie bestehen aus Joghurt, Quark bzw. Frischkäse oder Milchpudding. Der Einsatz dieser Produkte ist im Ernährungsplan für das 1. Lebensjahr weder vorgesehen noch erwünscht. Aufgrund möglicher Nachteile sollte auf den Konsum verzichtet werden.

Der hohe Proteingehalt aus dem Milchanteil würde zu einer weiteren Steigerung der bereits hohen Proteinzufuhr von Säuglingen führen. Eine hohe Proteinzufuhr kann die Nieren belasten und zu einer Anregung der Insulinausschüttung führen und darüber hinaus möglicherweise das Risiko für die Entwicklung einer Adipositas erhöhen (12, 14).

Ein zusätzlicher Verzehr von Milch und Milchprodukten kann durch eine Verdrängung von vollwertigen Beikostmahlzeiten mit hohen Gehalten an Kohlenhydraten und anderen erwünschten Bestandteilen die Qualität der Nährstoffzufuhr sowie eine ausgewogene Ernährung beeinträchtigen.

Zwischenmahlzeiten sollten bevorzugt aus Obst und Getreide oder Getreideprodukten bestehen und werden gegen Ende des ersten Lebensjahres beim Übergang auf die Familienernährung eingeführt. Mit 46 mosm/100 kcal ist die potenzielle renale Molenlast der Kuhmilch mehr als 3-mal so hoch wie bei Muttermilch mit 14 mosm/100 kcal und ungefähr doppelt so hoch wie bei üblichen Beikostprodukten mit 23 mosm/100 kcal und Säuglingsmilchnahrungen mit 20­39 mosm/100 kcal. Folglich würde für eine ausgeglichene Wasserbilanz eine höhere Flüssigkeitszufuhr erforderlich werden.

Es gibt Hinweise, dass die Eisenversorgung im zweiten Lebenshalbjahr nicht nur durch Trinkmilch, sondern auch durch fermentierte Milchprodukte beeinträchtigt werden kann. Insgesamt ist Trinkmilch für die Säuglingsernährung in Bezug auf die Zufuhr anderer Nährstoffe deutlich ungünstiger als Muttermilch oder Säuglingsmilchnahrungen. Der Proteingehalt der Kuhmilch ist mehrfach höher als in der Muttermilch. Mit der derzeitigen Ernährungspraxis wird im zweiten Lebenshalbjahr bereits eine über den Bedarf liegende Proteinzufuhr erreicht bis zu täglich 5 g/kg Körpergewicht.

Ein zusätzlicher Verzehr von Milch und Milchprodukten würde die Proteinzufuhr weiter erhöhen, mit der Folge vermeidbarer renaler und metabolischer Belastungen.

Fazit

Vollmilch als Trinknahrung kann erst nach dem 1. Lebensjahr gegeben werden. Geringe Mengen Vollmilch ­ wie sie im Vollmilch-Getreide-Brei enthalten sind ­ können frühestens ab dem 6. Monat gefüttert werden. Alle anderen Milchmahlzeiten sollten im 1. Lebensjahr aus Muttermilch oder Säuglingsmilchnahrung bestehen.

Kuhvollmilch als Muttermilchersatznahrung, d. h. als Flaschennahrung, ist aufgrund ihrer Zusammensetzung für Säuglinge im 1. Lebensjahr ungeeignet.

Literatur

  1. Alexy U: Die Ernährung des gesunden Säuglings. Ernährungs Umschau (2007) 588­593
  2. Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften: Ruichtlinie 1999/21/EG: Diätetische Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke. (1999) 29­36
  3. Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften: Richtlinie 2006/141/EG der Kommission: Säuglingsanfangsnahrung und Folgenahrung und zur Änderung der Richtlinie 1999/21/EG (2006) 1­33
  4. Böhles H-J et al.: Beikostprodukte aus Milchbasis. Stellungnahme der Ernährungskomission der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin. DGEinfo (2002) 148­149
  5. Busse A: Die häufigsten Fragen der Eltern zur Ernährung ihrer Säuglinge. Kinderärztliche Praxis (2000) 50­54
  6. Chahda C: Die Ernährung des gesunden Säuglings. Diät & Information (2007) 82­86
  7. Deutsche Gesellschaft für Ernährung (Hrsg): Ernährungsbericht 2000. Druckerei Henrich, Frankfurt am Main (2000) 81­95
  8. Deutsche Gesellschaft für Ernährung (Hrsg.): Säuglingsmilchnahrung auf Sojaproteinbasis. Isoflavon-Exposition bei Säuglingen und Kleinkindern. DGEinfo (2008) 55
  9. Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Österreichische Gesellschaft für Ernährung, Schweizerische Gesellschaft für Ernährungsforschung, Schweizerische Vereinigung für Ernährung (Hrsg): Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. Umschau/Braus Verlag, Frankfurt am Main (2000)
  10. EFSA: Mikrobiologische Risiken in Säuglingsanfangsnahrung. Ernährungs Umschau (2004) 12
  11. Forschungsinstitut für Kinderernährung Dortmund (Hrsg): Empfehlungen für die Ernährung von Mutter und Kind. Dortmund (2003)
  12. Günther ALB, Buyken AE, Kroke A: The Influence of habitual protein intake in early childhood on BMI and age at adiposity rebound: results from the DONALD Study. International Journal of Obesity (2006) 30, 1072­9
  13. Hohendahl J: Ernährung in den ersten Lebenstagen. Kinderärztliche Praxis (2000) 21­25
  14. Kersting M, Alexy U, Rothmann N: Fakten zur Kinderernährung. Hans Marseille Verlag GmbH München (2003)
  15. Kersting M, Kaiser B, Schöch G: Lebensmittel und Nährstoffe in der Beikost im 5.­12. Monat. Ernährungs Umschau 42 (1995) 18­21
  16. Kersting M, Alexy U: Empfehlungen für die Ernährung von Säuglingen. Bonn (2006)
  17. Kersting M, Ness B, Schöch G: Das Baukastensystem der Beikost zur Realisierung der Empfehlungen für die Nährstoffzufuhr im 5.­12. Lebensmonat. Akt Ernähr-Med 19 (1994) 160­169
  18. Kersting M: Beikost: die gesunde Ernährung im 1. Lebensjahr. Kinderärztliche Praxis, Sonderheft Säuglingsernährung (2000) 30­33
  19. Kersting M: Die Lebensmittelgesetzgebung der EG und die Kinderernährung in Deutschland. Teil 1: Grundlagen, Richtlinien über Milchnahrungen für Säuglinge. Ernährungs Umschau 47 (2000) 382­386
  20. Kersting M: Die Lebensmittelgesetzgebung der EG und die Kinderernährung in Deutschland. Teil 2: Richtlinien über Beikost. Ernährungsumschau (2000) 437­441
  21. Kersting M: Ernährung des gesunden Säuglings. Lebensmittel- und mahlzeitenbezogene Empfehlungen. Monatsschrift Kinderheilunde (2001) 4­10
  22. Kersting M: Vollmilch in der Ernährung von Säuglingen. Pädiat Prax 52 (1997) 297­298
  23. Koletzko B: Anforderungen an die richtige Säuglingsernährung. Ernährungs Umschau (2008) 9­11
  24. Koletzko B: Beikostprodukte auf Milchbasis. Stellungnahme der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin. Aktuel Ernaehr Med (2002) 31­-316
  25. Koletzko B et al.: Global standard of the composition of infant formula: recommendations of an ESPGHAN coordinated international expert group. J Pediatr Gastroenterol Nutr. 41 (2005) 584­599
  26. Körner U, Rösch R: Ernährungsberatung in Schwangerschaft und Stillzeit. Hippokrates Verlag (2004) S. 124­127
  27. Nationale Stillkommission: Stillempfehlungen der Nationalen Stillkommission Deutschlands. Akt Ernähr-Med 22 (1997) 112­113
  28. Przyrembel H: Stillen ist das Beste. Kinderärztliche Praxis (2000) Sonderheft Säuglingsernährung 10­14
  29. Ziegler E E: Kann Kuhmilch im ersten Lebensjahr empfohlen werden? Monatsschr Kinderheilk 144 (1996) S211­S216
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