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DGE-Blog

Hitze geht an die Nieren

Der Klimawandel stellt mit den zunehmend steigenden Temperaturen, häufigeren Hitzewellen und extremen Wetterereignissen eine wachsende Gefahr für die menschliche Gesundheit dar.

Risikogruppen wie ältere Menschen, Kinder, Schwangere und chronisch Kranke leiden vermehrt unter hitzebedingten Gesundheitsproblemen, und auch die Nierengesundheit wird zunehmend in Mitleidenschaft gezogen (Wilke et al. 2019).

Die Zahl der „heißen Tage“ (Tageshöchstwerte der Lufttemperatur von mindestens 30 °C) hat sich seit den 1950er Jahren von etwa drei Tagen pro Jahr auf derzeit durchschnittlich neun Tage pro Jahr verdreifacht (Copernicus Climate Change Service 2024). Studien aus südlichen Ländern zeigen, dass hohe Temperaturen und Hitzewellen das Risiko für chronische Nierenkrankheiten (CKD) erhöhen können. Dabei wurde eine Häufung von CKD bei ansonsten gesunden Menschen beobachtet, die bei großer Hitze im Freien arbeiten, beispielsweise in der Landwirtschaft.

Chronische Nierenkrankheit in Deutschland oft unentdeckt

Ansicht eines Nierenmodells

Eine chronische Nierenkrankheit (CKD) ist definiert als eine eingeschränkte Nierenfunktion, die über einen Zeitraum von mehr als drei Monaten besteht. Während das öffentliche Bewusstsein für Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen bereits relativ hoch ist und entsprechende Vorsorgeuntersuchungen sowie Therapieoptionen häufig genutzt werden, sieht die Situation bei CKD ganz anders aus. CKD ist in der breiten Bevölkerung weitgehend unbekannt und wird selbst bei routinemäßigen Check-up-Untersuchungen häufig vernachlässigt – selbst dann, wenn Risikofaktoren wie Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck oder Adipositas vorliegen. Dabei erhöht das alleinige oder zusätzliche Vorhandensein einer CKD die Morbidität und Mortalität erheblich.

Die globale Prävalenz von CKD in fortgeschritteneren Stadien (G3 bis G5) wird aktuell auf über 800 Millionen Menschen geschätzt; in Deutschland sind vermutlich mehr als 10 Millionen Menschen betroffen (Spencer et al. 2018, Jager et al. 2019). Eine Analyse stammt aus dem Deutschen Gesundheits-Survey für Erwachsene (DEGS1), einem Teil der kontinuierlichen Gesundheitsberichterstattung des Robert Koch-Instituts (RKI) im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit. Bei der letzten Datenerhebung von November 2008 bis Dezember 2011 wurden 7 115 Erwachsene im Alter von 18 bis 79 Jahren befragt. Die im Jahr 2016 publizierten Ergebnisse zeigen, dass nur ein Drittel der Menschen mit CKD (errechnete glomeruläre Filtrationsrate (eGFR) < 60 ml/min/1,73 m²) von ihrer Erkrankung wusste. Von diesen befanden sich wiederum nur zwei Drittel in ärztlicher Behandlung (Girndt et al. 2016).

Doch warum bleibt CKD oft unentdeckt? Einerseits verläuft eine eingeschränkte Nierenfunktion oft lange Zeit symptom los, sodass Betroffene zunächst keine Auffälligkeiten bemerken. Andererseits fehlt es an systematischer Diagnostik im Rahmen von Check-up- und Verlaufsuntersuchungen. Dabei ist nicht nur das Serum-Kreatinin bzw. die berechnete eGFR entscheidend – vor allem der Nachweis oder Ausschluss einer Albuminurie spielt eine bedeutende Rolle. Aktuelle Daten aus Deutschland zeigen jedoch, dass selbst bei bekannten Risikofaktoren wie Bluthochdruck und Typ-2-Diabetes nur in 50 % der Fälle eine eGFR bestimmt wird.

Noch alarmierender ist die Situation bei der Urinuntersuchung zur Erkennung von Albuminurie: Nur in 8 % der Fälle wird ein Urinstreifentest auf Mikroalbumin durchgeführt, und in weniger als 1 % der Fälle wird der Urin-Albumin-Kreatinin-Quotient (UACR) bestimmt (Wanner et al. 2024). Ähnliche Defizite zeigen sich auch in anderen Ländern wie den Niederlanden oder Großbritannien.

Es besteht

ein dringender Handlungsbedarf, um das Bewusstsein für CKD zu erhöhen und eine konsequentere Diagnostik in Routineuntersuchungen zu etablieren.

Es besteht ein dringender Handlungsbedarf, um das Bewusstsein für CKD zu erhöhen und eine konsequentere Diagnostik in Routineuntersuchungen zu etablieren. Insbesondere vor dem Hintergrund des Klimawandels ist dies von großer Bedeutung. Studien aus südlichen Ländern zeigen, dass hohe Temperaturen und Hitzewellen das Risiko für chronische Nierenkrankheiten erhöhen können. Dabei wurde eine Häufung von CKD bei ansonsten gesunden Menschen beobachtet, die bei großer Hitze im Freien arbeiten, beispielsweise in der Landwirtschaft.

Bekannt ist bereits, dass während Hitzewellen das Risiko für nierenbedingte Morbidität und Mortalität erheblich ansteigt. Besonders häufig treten akute Nierenschädigungen, Harnsteine, Elektrolytentgleisungen und Harnwegsinfektionen auf. Auch chronische Nierenkrankheiten werden zunehmend als mögliche Folge des Klimawandels diskutiert.

Besonders in südlichen Ländern wird eine höhere Prävalenz beobachtet, was auf eine Kombination aus genetischen Faktoren, sozioökonomischen Bedingungen und klimatischen Einflüssen zurückgeführt werden kann. Studien zeigen, dass in Regionen mit höheren Durchschnittstemperaturen und begrenztem Zugang zu sauberem Wasser sowie adäquater medizinischer Versorgung die Rate von CKD-Fällen deutlich erhöht ist.

Angesichts des Klimawandels und der Zunahme extremer Wetterereignisse ist es von entscheidender Bedeutung, das Bewusstsein für die potenziellen gesundheitlichen Auswirkungen auf die Nierenfunktion zu schärfen und geeignete Maßnahmen zur Prävention und frühzeitigen Diagnostik zu ergreifen. Präventionsmaßnahmen wie ausreichende Flüssigkeitszufuhr, Hitzevermeidung und frühzeitige medizinische Intervention können helfen, das Risiko zu minimieren und die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen.

Risikofaktoren für die Nieren: Kombination Hitzestress, Dehydratation und Überanstrengung

Bauarbeiter trinkt bei großer Hitze Wasser auf der Baustellee.

Die gleichzeitige Belastung durch Hitzestress, Dehydratation und Überanstrengung stellt einen erheblichen Risikofaktor für die Nierenfunktion dar. Besonders betroffen sind Personen, die intensiven körperlichen Aktivitäten ausgesetzt sind, beispielsweise landwirtschaftliche Arbeiter*innen, Sportler*innen oder Bauarbeiter*innen. Die komplexen Mechanismen, durch die diese Faktoren zusammenwirken, können sowohl akute als auch chronische Nierenschäden verursachen.

Hitzestress tritt auf, wenn der Körper über einen längeren Zeitraum extrem hohen Außentemperaturen ausgesetzt ist. In solchen Situationen wird die Fähigkeit des Körpers, seine Kerntemperatur zu regulieren, stark beeinträchtigt, was zu einer Überhitzung (Hyperthermie) führen kann. Zur Abkühlung wird die Blutzirkulation zur Haut umgeleitet, um durch Schwitzen die Wärmeabgabe zu fördern. Dies geschieht je doch auf Kosten der inneren Organe, einschließlich der Nieren. Eine eingeschränkte Blutversorgung der Nieren kann zu einer Ischämie führen, die das Risiko für akute Nierenschäden (AKI) und langfristig für CKD erhöht.

Eine Dehydratation entsteht, wenn der Körper mehr Flüssigkeit verliert, als er aufnimmt. Dies ist besonders bei hohen Temperaturen und intensiver körperlicher Aktivität der Fall, da der Flüssigkeitsverlust durch vermehrtes Schwitzen erheblich steigt. Eine Dehydratation führt zu einer Verminderung des Blutvolumens, was die Blutdruckregulation und die Nierendurchblutung beeinträchtigt. Die reduzierte renale Durchblutung ist eine der Hauptursachen für akute Nierenschäden. Niedriger Blutdruck (Hypotonie) und eine verminderte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR) begünstigen zudem die Entstehung von tubulären Nekrosen und können schließlich zum Nierenversagen führen.

Eine Überanstrengung tritt auf, wenn der Körper über einen längeren Zeitraum intensiven physischen Belastungen ausgesetzt ist. Besonders bei hohen Temperaturen wird der Körper durch die verstärkte Produktion von Wärme und Schweiß extrem beansprucht. Der damit einhergehende Flüssigkeitsverlust wird oft durch eine unzureichende Hydratation verschlimmert. Gleichzeitig führt die intensive körperliche Belastung zur vermehrten Bildung toxischer Stoffwechselprodukte wie Harnsäure und Lactat, die eine zusätzliche Belastung für die Nieren darstellen. In extremen Fällen können durch Muskelschäden große Mengen an Myoglobin freigesetzt werden, die bei einer Rhabdomyolyse (Gewebezerfall der quergestreiften Muskulatur) in den Blutkreislauf gelangen und die Nieren stark schädigen. Dies kann zu einer AKI führen.

Die Wechselwirkungen zwischen Hitzestress, Dehydratation und Überanstrengung verschärfen die Belastung der Nieren erheblich. Bei hohen Außentemperaturen führt die verstärkte Schweißerzeugung zu einer noch höheren Dehydratation. Der damit verbundene Flüssigkeitsverlust vermindert die Nierendurchblutung und führt zu einer Nierenischämie. Wenn zudem gleichzeitig Überanstrengung ohne ausreichende Hydratation auftritt, potenzieren sich diese negativen Effekte. Dies kann zur akuten tubulären Nekrose (ATN) und langfristig zu schweren Nierenschäden mit Entwicklung einer Fibrose führen (Chapman et al. 2021).

Ein weiterer kritischer Mechanismus ist der hitzebedingte oxidative Stress. Unter hohen Temperaturen steigt die Produktion freier Radikale in den Nierenzellen an, die Zellmembranen und Mitochondrien schädigen und schließlich zum Zelltod führen können. Diese Schädigung wird durch eine systemische Entzündungsreaktion verstärkt. Hohe Temperaturen fördern die Freisetzung proinflammatorischer Zytokine wie IL-6 und TNF-α, welche glomeruläre und tubuläre Strukturen der Niere angreifen.

Die Hyperthermie ist ein weiterer Faktor, der die Nierengesundheit beeinträchtigen kann. Sie verursacht eine Denaturierung von Proteinen und schädigt die Zellstrukturen in den Nierentubuli. Dies führt oft zu einer ATN, die in schweren Fällen irreversibel sein kann.

Darüber hinaus versucht die Niere bei Dehydratation, den Urin stark zu konzentrieren, um Flüssigkeit im Körper zu halten. Dies erhöht das Risiko der Ausbildung von Harnsäure- und Oxalatkristallen. Diese können zu tubulären Obstruktionen und Nephrolithiasis (Nierensteinen) führen (Brikowski et al. 2008). Auch die Nephrotoxizität bestimmter Medikamente wie nichtsteroidaler Antirheumatika nimmt bei Hitzebelastung zu.

Hitze und ihre besondere Relevanz für Risikogruppen

Hitzestress, Dehydratation und Überanstrengung stellen für Risikogruppen wie Kinder, ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen ein besonders hohes Risiko für Nierenschäden dar. Kinder sind aufgrund ihrer noch nicht voll ausgereiften Thermoregulation und Nierenfunktion besonders anfällig. Sie verlieren schneller Flüssigkeit durch Schwitzen und Urin, was ihre Dehydratation begünstigt und das Risiko für Nierenschäden erhöht. Ältere Menschen haben oft eine reduzierte Durstwahrnehmung und eine verminderte Nierenfunktion, was sie anfälliger für Dehydratation macht.

Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck und Typ-2-Diabetes erhöhen das Risiko, da diese Krankheiten die Nierenfunktion bereits beeinträchtigen. Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind aufgrund einer verminderten Blutzufuhr zu den Nieren ebenfalls besonders anfällig für die schädlichen Auswirkungen von Hitzestress und Dehydratation.

Mädchen am Springbrunnen

Rolle weiterer Umwelteinflüsse wie Smog und Staubstürme, die den Hitzeeffekt verstärken

Smog und Staubstürme haben erhebliche Auswirkungen auf die Gesundheit, insbesondere auf die Nieren. Beide Umweltfaktoren enthalten eine Vielzahl von Schadstoffen, die durch die Atemwege in den Körper gelangen und entzündliche Reaktionen hervorrufen können. Besonders die in Smog enthaltenen Feinstaubpartikel und toxischen Gase wie Stickoxide und Ozon belasten die Lunge und das Herz-Kreislauf-System, was wiederum auch die Nieren negativ beeinflussen kann. Die Nieren sind für die Entgiftung des Körpers verantwortlich, und eine erhöhte Belastung durch Schadstoffe kann ihre Funktion überlasten. Chronische Exposition gegenüber diesen Schadstoffen führt zu Entzündungsprozessen, die langfristig das Risiko für Nierenschäden erhöhen, darunter AKI und CKD.

Zusammenfassend entsteht die Nierenschädigung unter Hitzeeinwirkung durch ein komplexes Zusammenspiel von Dehydratation, oxidativem Stress, Entzündung und Ischämie. Langfristige oder wiederholte Hitzebelastung kann zur chronischen Nierenerkrankung führen. Daher sind präventive Maßnahmen wie ausreichend Flüssigkeit zu sich zu nehmen (1,5 – 2,0 Liter Flüssigkeit am Tag zu trinken, bei Hitze entsprechend mehr), extreme körperliche Anstrengungen während der heißesten Tageszeiten zu vermeiden und Schutz vor Hitze beispielsweise durch Pausen im Schatten und das Tragen leichter, atmungsaktiver Kleidung und eine frühe Erkennung von Nierenschäden entscheidend (Wagner et al. 2022). Zudem sollten Medikamente, die die Nieren schädigen können, wie bestimmte Schmerzmittel (z. B. Ibuprofen, Diclofenac, Naproxen) möglichst vermieden oder reduziert werden.

Dr. med. Simone Boedecker-Lips
Univ.-Prof. Dr. med. Julia Weinmann-Menke I.


Medizinische Klinik und Poliklinik der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Der Beitrag ist zuerst im DGE-Wissenschaftsmagazin DGEwissen 05/2025 mit dem Titel: "Nieren und Hitze" erschienen.

Literatur

Brikowski TH, Lotan Y, Pearle MS: Climate-related increase in the prevalence of urolithiasis in the United States. Proc Natl Acad Sci U S A 105 (2008) 9841–6

Chapman CL, Johnson BD, Parker MD et al.: Kidney physiology and pathophy siology during heat stress and the modification by exercise, dehydration, heat acclimation and aging. Temperature (Austin) 8 (2021)108–59

Girndt M, Trocchi P, Scheidt-Nave C et al.: The Prevalence of Renal Failure. Results from the German Health Interview and Examination Survey for Adults, 2008–2011 (DEGS1). Dtsch Arztebl Int 113 (2016) 85–91

Jager KJ, Kovesdy C, Langham R et al.: A single number for advocacy and communication-worldwide more than 850 million individuals have kidney diseases. Nephrol Dial Transplant 34 (2019) 1803–5

Copernicus Climate Change Service: New record daily global average tempera ture reached in July 2024. (2024) pulse.climate.copernicus.eu (zuletzt eingesehen am 24.7.2024)

Spencer LJ, Degu A, Kalkidan HA et al.: Global, regional, and national inciden ce, prevalence, and years lived with disability for 354 diseases and injuries for 195 countries and territories, 1990–2017: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2017. The Lancet 392 (2018) 1789–1858

Wagner S, Merkling T, Metzger M et al.: Water intake and progression of chro nic kidney disease: the CKD-REIN cohort study. Nephrol Dial Transplant 37 (2022) 730–9

Wanner C, Schaeffner E, Frese T et al.: InspeCKD – Analysis of the use of diag nostics in patients at high risk for chronic kidney disease in German general practitioner (GP) practices. MMW Fortschr Med 166, Suppl 4 (2024) 9–17

Wilke RA, Qamar M, Lupu RA et al.: Chronic Kidney Disease in Agricultural Communities. Am J Med 132 (2019) e727–e32