Group Ernährungsberater*in finden
DGE-Blog

Ernährungsarmut: Wissenschaftler*innen erforschen soziale Aspekte der Ernährung

Wie viele Menschen sind in Deutschland sowohl von materieller als auch sozialer Ernährungsarmut betroffen? Zahlen dazu werden bisher nicht systematisch erfasst.

Diese Lücke soll nun das Forschungsvorhaben für den 16. DGE-Ernährungsbericht „Soziale Aspekte der Ernährung: Ursachen, Determinanten und Auswirkungen von Ernährungsarmut in Deutschland sowie politische Handlungsoptionen“ (SEED) schließen.

Im Interview erläutert Projektleiterin Dr. Anja Simmet von der Universität Hohenheim weshalb das Thema Ernährungsarmut so wichtig ist. Sie gibt Einblicke in den aktuellen Stand des Forschungsprojekts SEED.

Dr. Anja Simmet

Dr. Anja Simmet

© privat

… ist Diplom-Gesundheitswirtin und arbeitet seit Juni 2019 im Fachgebiet Angewandte Ernährungspsychologie der Universität Hohenheim als wissenschaftliche Mitarbeiterin.

Frau Dr. Simmet, Sie führen das Forschungsvorhaben an der Universität Hohenheim (UHOH) und in Zusammenarbeit mit dem GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften (GESIS) an. Dabei erheben Sie zusammen mit ihrem Team Daten in drei Teilstudien und werten sie aus.

Was bedeutet materielle und soziale Ernährungsarmut eigentlich – und warum ist das Thema wichtig?

Dr. Anja Simmet:
Materielle Ernährungsarmut beschreibt Situationen, in denen Menschen sich aus finanziellen Gründen nicht gesundheitsfördernd ernähren können. Dies kann sich beispielsweise in Sorgen um die Lebensmittelversorgung, einer geringeren Lebensmittelqualität oder dem Verzicht auf Mahlzeiten äußern und steht in engem Zusammenhang mit gesundheitlichen Risiken.

Soziale Ernährungsarmut geht darüber hinaus. Sie betrifft Einschränkungen in den sozialen und kulturellen Funktionen der Ernährung, etwa wenn Menschen aus finanziellen Gründen nicht gemeinsam ins Café gehen, keine Gäste einladen oder bestimmte kulturelle Ernährungspraktiken nicht umsetzen können. Essen hat eine wichtige soziale Bedeutung und ist eng mit Teilhabe, Zugehörigkeit und Lebensqualität verbunden.

Menschen sind von materieller Ernährungsarmut betroffen, wenn sie keine ausreichenden finanziellen Mittel haben, um sich gesundheitsfördernd zu ernähren. Damit einher geht oft auch soziale Ernährungsarmut, die Menschen zum Beispiel von sozialer Teilhabe ausschließt.“

Beide Formen der Ernährungsarmut sind gesellschaftlich relevant, werden bislang jedoch nur teilweise erfasst. Mit dem Projekt SEED möchten wir dazu beitragen, sowohl materielle als auch soziale Ernährungsarmut besser zu verstehen und insbesondere soziale Ernährungsarmut wissenschaftlich messbar zu machen. Langfristig soll dies eine Grundlage schaffen, um betroffene Menschen gezielter unterstützen und soziale Teilhabe stärker berücksichtigen zu können.

Poster SEED

Quelle: Dr. Anja Simmet et al., Uni Hohenheim, Poster vorgestellt im März 2026 auf dem DGE-Kongress in Kassel

Wie ist der aktuelle Stand des Forschungsprojekts SEED?

Dr. Anja Simmet:
Das Gesamtvorhaben SEED besteht aus drei Teilstudien: der Pilotstudie ZAZU, der Fragebogenentwicklungsstudie BESSER und der Hauptstudie MASERI. Aktuell haben wir die Pilotstudie ZAZU weitgehend abgeschlossen. In dieser Teilstudie haben wir in vier sozial benachteiligten Bezirken Stuttgarts unterschiedliche Rekrutierungsstrategien, unter anderem Hausbesuche, erprobt.

Wir möchten dadurch besser verstehen, wie unterschiedliche Bevölkerungsgruppen für die Ernährungsforschung erreicht werden können. Gleichzeitig wurden erste Items, z. B. zu gemeinsamen Restaurantbesuchen oder zum Einladen von Gästen nach Hause, zur Erfassung sozialer Ernährungsarmut entwickelt und getestet.

Die Erkenntnisse aus der Pilotstudie flossen direkt in die zweite Teilstudie BESSER ein. Dort entwickeln wir das Instrument zur Erfassung sozialer Ernährungsarmut konzeptionell und empirisch weiter. Aktuell validieren wir es gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus den Bereichen Armut, Ernährung und soziale Teilhabe. Damit schaffen wir die Grundlage für die anschließende Hauptstudie MASERI, in der soziale und materielle Ernährungsarmut in Deutschland untersucht werden sollen.

Wissenschaftler*innen des SEED-Projekts erheben und werten Daten in drei Teilstudien aus:

  • In der Pilotstudie ZAZU „Zugang armutsgefährdeter Bevölkerungsgruppen zur Ernährungs- und Gesundheitsforschung“ soll untersucht werden, mittels welcher Rekrutierungs- und Datenerhebungsmethoden es gelingt, armutsgefährdete Erwachsene für die Teilnahme an einer Studie zum Thema Ernährungsarmut zu gewinnen.
  • Die Fragebogenentwicklungsstudie BESSER „Bestimmen und Erfassen sozialer Ernährungsarmut“ beinhaltet die Erarbeitung und Validierung eines Erhebungsinstruments zur Messung sozialer Ernährungsarmut, da hierfür bisher keine geeignete Methode vorliegt. Daher werden zuerst mögliche Fragen erarbeitet und diese dann durch Expert*innen auf dem Gebiet der Armut, Ernährung und Ernährungsarmut/-unsicherheit geprüft.
  • In der Hauptstudie MASERI „Materielle und soziale Ernährungsarmut in der Bevölkerung Deutschlands“ soll eine standardisierte Befragung zur Thematik durchgeführt werden. Ziel ist es, die Prävalenz von Ernährungsarmut in Deutschland zu bestimmen und zu untersuchen, welche Zusammenhänge sich zwischen Ernährungsarmut, Ernährungsqualität, Gesundheitsindikatoren sowie verfügbarer Ressourcen aufzeigen.

Welche positiven Aspekte und welche Herausforderungen sind Ihnen bisher bei der Durchführung der Studie begegnet?

Dr. Anja Simmet:
Positiv war insbesondere, dass wir trotz der schwer erreichbaren Zielgruppe eine höhere Teilnahmequote erzielt haben als ursprünglich erwartet. Dies bestärkt uns darin, die in der Pilotstudie erprobten Rekrutierungs- und Erhebungsstrategien als Grundlage für die Hauptstudie weiterzuverfolgen. Darüber hinaus konnten wir bereits wichtige Erkenntnisse für die Entwicklung des neuen Instruments zur Erfassung sozialer Ernährungsarmut gewinnen.

Besonders dankbar sind wir allen Teilnehmenden, die sich die Zeit genommen haben, ihre Erfahrungen und Lebensrealitäten mit uns zu teilen. Sie bringen damit die Forschung voran.

Positiv war insbesondere, dass wir trotz der schwer erreichbaren Zielgruppe eine höhere Teilnahmequote erzielt haben als ursprünglich erwartet.

Eine zentrale Herausforderung besteht weiterhin darin, armutsgefährdete Bevölkerungsgruppen für die Forschung zu erreichen und unterschiedliche Lebensrealitäten angemessen abzubilden. Gleichzeitig stellt die Konzeptualisierung und Messung sozialer Ernährungsarmut eine Herausforderung dar: Ziel ist es, finanziell bedingte Einschränkungen in sozialen und kulturellen Ernährungspraktiken valide und differenziert zu erfassen. Dabei gilt es insbesondere, soziale Ernährungsarmut klar von anderen Ursachen sozialer Einschränkungen, wie etwa Zeitmangel oder fehlenden sozialen Kontakten, abzugrenzen und gleichzeitig die vielfältigen Lebensrealitäten der Betroffenen angemessen zu berücksichtigen.

Können Sie uns einen kleinen Ausblick geben? Welche nächsten Schritte stehen in SEED an?

Dr. Anja Simmet:
Nach Abschluss der Inhaltsvalidierung steht insbesondere der Pretest des neu entwickelten Erhebungsinstruments zur Erfassung sozialer Ernährungsarmut an. Dabei sollen vor allem die Struktur, Verständlichkeit und psychometrischen Eigenschaften des Instruments überprüft werden. Dies ist wichtig um sicherzustellen, dass soziale Ernährungsarmut valide, differenziert und möglichst praxisnah erfasst werden kann.

Parallel bereiten wir gemeinsam mit unserem Kooperationspartner GESIS die Hauptstudie MASERI vor, für die unter anderem die Rekrutierungsstrategien und Erhebungsinstrumente finalisiert werden. Ende dieses Jahres startet dann die bundesweite Rekrutierung der Teilnehmenden für die Hauptstudie, in der soziale und materielle Ernährungsarmut in Deutschland umfassender untersucht werden sollen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Cover des 16. DGE-Ernährungsberichts; Dummy

Das Forschungsprojekt „Soziale Aspekte der Ernährung: Ursachen, Determinanten und Auswirkungen von Ernährungsarmut in Deutschland sowie politische Handlungsoptionen“ (SEED)
wird vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) gefördert und von der Universität Hohenheim in Kooperation mit GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften durchgeführt.

Die Ergebnisse werden im 16. DGE-Ernährungsbericht erstveröffentlicht. Projektdauer ist von Juni 2025 bis April 2028.
Die Projektträgerschaft erfolgt über die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE), Förderkennzeichen 2824HS013.