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IgG-Tests zur Diagnose von Lebensmittelunverträglichkeiten sind untauglich

Bei einer Unverträglichkeit gegenüber Lebensmitteln wird zwischen einer immunologisch bedingten Allergie (allergische Lebensmittel-Hypersensitivität) und einer Intoleranz ohne immunologische Beteiligung (nicht allergische Lebensmittel-Hypersensitivität) unterschieden. Während die Immunglobulin E (IgE)-vermittelte allergische Lebensmittel-Hypersensitivität auf körpereigenen Reaktionen gegenüber Proteinen beruht und mit wissenschaftlich evaluierten klinischen oder Blut-Tests geprüft werden kann, stehen für die nicht allergische Lebensmittel-Hypersensitivität keine Tests zur Verfügung; die klinische Diagnose beruht ausschließlich auf Anamnese, Symptomtagebuch, Eliminationsdiäten und kontrollierten Provokationen.

Dies hält Vertriebsfirmen und Labors nicht davon ab, Serum-IgG-Tests anzubieten, mit denen angeblich Unverträglichkeiten auf bis zu 300 Lebensmittel bestimmt werden können. Die Testergebnisse werden gemeinsam mit Diätempfehlungen verkauft (KleineTebbe et al. 2005). Die Methode dieses Immuntests wurde bereits im DGEinfo 07/2004 (Reese 2004) am Beispiel von ImuPro300 dargestellt und bewertet.

Die Europäische Akademie für Allergologie und Klinische Immunologie (EAACI) hat ein aktuelles Positionspapier zum Stellenwert von IgG- oder IgG4-Tests zur Feststellung von Lebensmittelunverträglichkeiten verfasst, das von den fünf deutschsprachigen Allergiegesellschaften in ihre Leitlinie übernommen wurde. Darin wird die Diagnostik von Lebensmittelunverträglichkeiten mittels IgG-Antikörpertests als ungeeignet eingestuft und strikt abgelehnt. Das Vorhandensein von IgG4-Antikörpern nach dem Verzehr von Lebensmitteln ist nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht als Indikator für krank machende Vorgänge einzustufen, sondern Ausdruck der physiologischen Immunantwort des Menschen nach Kontakt mit Lebensmittelbestandteilen. Es gibt keine gesicherten Hinweise in Form kontrollierter, aussagekräftiger Studien auf einen diagnostischen oder pathologischen Wert des Nachweises von IgG- oder IgG4-Antikörpern gegen Lebensmittel (Kleine-Tebbe et al. 2009).

Die durch die IgG-Bestimmung angeblich festgestellten Lebensmittelunverträglichkeiten werden wiederum als Verursacher einer Vielzahl von Krankheiten sowie von Übergewicht angesehen. Die durch die Unverträglichkeit verursachte erhöhte IgG-Ausschüttung soll z. B. über die Freisetzung des Botenstoffs Tumor-NekroseFaktor-α (TNF-α), der Insulinrezeptoren blockiert und damit die Insulinkonzentration erhöht, eine erfolgreiche Fettreduktion (i. S. einer Gewichtsabnahme) verhindern und Heißhunger verursachen. Abnehmen ist demnach entsprechend der Aussagen der Anbieter ganz einfach möglich: Anhand des Immuntests sollen die Lebensmittel bestimmt werden, die der Körper nicht „verträgt“; wird auf den Verzehr dieser Lebensmittel verzichtet, nimmt die Person ab.

Dieser aus der Grundlagenforschung abgeleitete Zusammenhang trifft nicht zu. Es ist zwar bekannt, dass Entzündungsmediatoren aus dem Fettgewebe funktionell mit der Energiehomöostase verbunden sind und dass eine chronisch entzündliche Stoffwechsellage bei übergewichtigen Menschen besteht (Hauner 2008). Insofern stehen entzündliche Zytokine wie TNF-α mit Übergewicht in Verbindung, sie stellen aber keine etwaigen Entzündungsreaktionen auf Lebensmittel dar. Dies bestätigt Prof. Dr. med. Margitta Worm vom Allergie-CentrumCharité (Worm 2009): „Immunglobulin G hat nichts mit Übergewicht zu tun. Generell gibt es keinen wissenschaftlich belegten Zusammenhang zwischen Übergewicht und Lebensmittelunverträglichkeiten.“

Der Verzicht auf gewisse Lebensmittel(gruppen) kann natürlich dazu führen, dass generell weniger gegessen, d. h. weniger Energie aufgenommen wird. Dies kann dann zu einem Gewichtsverlust führen. Betrifft die aufgrund an eblicher Unverträglichkeiten empfohlene Ernährung allerdings den Verzicht auf solch wichtige Lebensmittelgruppen wie Milchprodukte oder Gemüse, kann es langfristig zu einer Unterversorgung mit lebenswichtigen Nährstoffen kommen. Die fehlende Anleitung zu einem günstigen Ernährungsverhalten mit ausgewogener Kost spricht ebenfalls gegen den Einsatz dieser Methode.

In der Leitlinie der deutschsprachigen Allergiegesellschaften wird die irreführende Interpretation der Ergebnisse von IgG-Antikörpertests, die anschließend als Begründung für ungerechtfertigte und häufig einseitige Diäten verwendet wird, verurteilt. Diese Diäten tragen nach Meinung der Wissenschaft zu erhöhtem Leidensdruck, eingeschränkter Lebensqualität, zur Verunsicherung oder sogar Gefährdung der betroffenen Personen bei (Kleine-Tebbe et al. 2009).

Literatur

  1. Hauner H.: Das „dicke Ende” zu üppiger Kost. Adipositas als Wegbereiter für Krankheiten mit entzündlichen Komponenten wie Diabetes und Arteriosklerose. Akt Ernähr Med 2008; 33: S49-S53
  2. Kleine-Tebbe J., Reese I., Ballmer-Weber B. K. et al.: Keine Empfehlung für IgG- und IgG4- Bestimmungen gegen Nahrungsmittel. Allergo J 2009; 18: 267-73
  3. Kleine-Tebbe J., Lepp U., Niggemann B., Werfel T.: Nahrungsmittelallergie und -unverträglichkeit: Bewährte statt nicht evaluierte Diagnostik. Dtsch Arztebl 2005; 102: A 1965-1969
  4. Reese I.: ImuPro300 – Neuer Therapieansatz bei chronischen Beschwerden und Übergewicht? DGEinfo 07/2004
  5. Worm M. (Allergie-Centrum-Charité, Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, Berlin): Persönl. Mitteilung vom 24.07.2009

Deutsche Gesellschaft für Ernährung: IgG-Tests zur Diagnose von Lebensmittel unverträglichkeiten sind untauglich. DGEinfo (12/2009)

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