
Datum: 20.11.2007
Thema: DGE-Info
DGEInfo 10/2007 - Beratungspraxis
Frage: Bestehen Risiken bei Kaffee- bzw. Koffeinkonsum während der Schwangerschaft?
Antwort: Ergebnisse von epidemiologischen Untersuchungen lassen den Schluss zu, dass von moderatem Kaffeekonsum (pro Tag Koffein bzw. < 5–6 mg Koffein/kg KG bzw. 3 Tassen Kaffee) während der Schwangerschaft keine negativen Wirkungen zu erwarten sind.
Koffein ist ein Alkaloid (Methylxanthin), das in Kaffee- und Kakaobohnen, Teeblättern und anderen Pflanzen zu finden ist. Unter den Lebensmitteln enthält Kaffee die höchsten, aber auch die variabelsten Mengen an Koffein: Der Koffeingehalt hängt von der Röstung sowie Art und Mischung der verwendeten Kaffeesorten, der Partikelgröße des Kaffeepulvers, dem Verhältnis von Pulver zu Wasser, der Brühmethode und der Brühdauer ab. Untersuchungen zum Koffeingehalt in Kaffee ergaben durchschnittliche Werte von 30–100 mg pro 100 ml (5 und dort zitierte Literatur).
Koffein wird rasch im Verdauungstrakt absorbiert und kann die Plazenta frei passieren, d. h. die Koffeinkonzentration im Blutplasma des Fetus gleicht jener der Mutter (15). Bemerkenswert ist dabei, dass der Koffeinabbau sich während der Schwangerschaft verlangsamt (2, 7, 19) und der Fetus noch dazu nur eine niedrige Konzentration der Koffein abbauenden Enzyme (1) besitzt.
In der Literatur sind zahlreiche Publikationen zu finden, die Hinweise auf eine schädliche Wirkung des Koffeins während der Schwangerschaft (z. B. Fehlbildungen, Wachstumsretardierung, niedriges Geburtsgewicht, spontane Fehlgeburten) geben (9). Viele der Überlegungen zu den möglichen schädlichen Effekten resultieren aus Ergebnissen von Tierversuchen (22).
Basierend auf der Aussage des „Committee on Toxicity of Chemicals in Food, Consumer Products and the Environment” (COT) zu Effekten des Koffeins auf die Reproduktivität (10), gab die Food Standard Agency (FSA, Großbritannien) die Empfehlung heraus, dass schwangere Frauen die Koffeinaufnahme auf 300 mg pro Tag reduzieren sollen, was im Durchschnitt einer Menge von 3 Tassen Kaffee pro Tag entspricht. Die Angabe „durchschnittliche Tasse“ bzw. im Folgenden „durchschnittlicher Becher“ und „Portion“ ist nicht durch eine Milliliter-Angabe definiert und berücksichtigt nicht die Variabilität des Koffeingehalts und der individuell unterschiedlichen Portionsgrößen. Basis für die Empfehlungen sind Koffeingehalte pro Portion („serving“), so wurde der Koffeingehalt pro Portion gebrühtem Kaffee z. B. mit durchschnittlich 104 mg ermittelt, pro Portion Instant-Kaffee mit durchschnittlich 54 mg (12).
Um die Gesamtaufnahme zu kalkulieren, müssen neben Kaffee auch andere koffeinhaltige Lebensmittel wie Tee, Kakao und Colagetränke berücksichtigt werden. Tabelle 1 zeigt Werte, die 300 mg Koffein äquivalent sind (11, 12).
In der Praxis ist für den Konsum koffeinhaltiger Lebensmittel natürlich nicht nur der Koffeingehalt, sondern auch der hohe Energiegehalt von normalen Cola-Getränken, Energy Drinks und Schokolade zu berücksichtigen.
| Lebensmittel | Gehalt an Koffein pro Portion | Anzahl der Portionen, mit denen 300 mg Koffein aufgenommen werden |
|---|---|---|
| InstantKaffee | Durchschnittliche Tasse – 75 mg oder durchschnittlicher Becher – 100 mg | 4 durchschnittliche Tassen oder 3 durchschnittliche Becher |
| gebrühter Kaffee | durchschnittliche Tasse – 100 mg | 3 durchschnittliche Tassen |
| Tee | durchschnittliche Tasse – 50 mg | 6 durchschnittliche Tassen |
| Normale Cola Getränke | bis zu 40 mg | 8 Dosen |
| Energy Drink | bis zu 80 mg | 4 Dosen |
| 50 g Schokolade | bis zu 50 mg | 400 g Schokolade |
Die einzelnen epidemiologischen Studien zu Auswirkungen von Kaffee- bzw. Koffeinkonsum in der Schwangerschaft liefern keine einheitlichen Ergebnisse, was eine Bewertung schwierig macht. Mögliche Gründe für die insgesamt inkonsistenten Ergebnisse sind u. a. folgende: Eine genaue Schätzung der Exposition Koffein über den Konsum an Kaffee ist schwierig, denn der Koffeingehalt pro Tasse Kaffee (oder Tee) hängt von der Tassengröße sowie den eingangs geschilderten Faktoren ab. Doch selbst, wenn ein und dieselbe Person mehrmals an einem Tag nach derselben Methode das Getränk zubereitet, kann der Koffeingehalt beträchtlich variieren (5, 21). Abgesehen davon werden nicht in allen Studien alle Koffeinquellen (neben Kaffee auch Schwarzer Tee, Mate, Cola-Getränke, Kakao, Schokolade, Medikamente) berücksichtigt. Daher ist es möglich, dass die inkonsistenten Ergebnisse verschiedener Studien an einer Missklassifikation der Koffeinaufnahme liegen (22). Ebenso problematisch ist die Tatsache, dass der Konsum von Koffein häufig mit anderen – bekannten und unbekannten – Gewohnheiten einhergeht, die störenden Einfluss auf die Studienergebnisse haben, ohne dass diese entsprechend bei der Auswertung berücksichtigt werden. Bekannte Confounder sind z. B. Rauchen, Alkoholkonsum oder möglicherweise weitere Kaffeeinhaltsstoffe.
In einem systematischen Review aus dem Jahr 1998 (22) wurde festgestellt, dass die Koffeinaufnahme das Geburtsgewicht wahrscheinlich verringert. Einen Effekt auf die Schwangerschaftsdauer scheint es nicht zu geben. Eine gemeinsame Auswertung der Studien war auf Grund der Heterogenität zwischen den Studien nicht möglich, was auf die Inkonsistenz der Humanstudien zu der Frage des Effekts von Koffein in der Schwangerschaft hindeutet.
In einer aktuellen randomisierten kontrollierten doppelblinden Interventionsstudie wurde an 1 207 Schwangeren, die mindestens 3 Tassen Kaffee pro Tag getrunken haben, untersucht, welchen Einfluss die Verringerung des Kaffeekonsums in der zweiten Schwangerschaftshälfte hat. Dabei wurden keine signifikanten Unterschiede im mittleren Geburtsgewicht oder der mittleren Schwangerschaftsdauer zwischen Frauen mit Konsum von entkoffeiniertem Kaffee und Frauen mit Konsum von koffeinhaltigem Kaffee gefunden. Die mittlere Koffeinzufuhr lag in der Interventionsgruppe mit entkoffeiniertem Kaffee 182 mg niedriger als in der anderen Gruppe. Die Autoren schlussfolgern, dass eine moderate Verringerung der Koffeinzufuhr (in der zweiten Hälfte der Schwangerschaft) keinen Effekt auf Geburtsgewicht und Schwangerschaftsdauer zeigt (4). Auch die Autoren einer prospektiven Kohortenstudie mit ca. 2300 Schwangeren kommen zu dem Ergebnis, dass der mütterliche Koffeinkonsum keine klinische Relevanz hinsichtlich des Geburtsgewichts hat, außer bei Frauen, die über 600 mg Koffein pro Tag konsumieren. Ein Einfluss auf die Schwangerschaftsdauer wurde nicht festgestellt (6).
Die meisten epidemiologischen Studien geben keine Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen dem Konsum von Kaffee bzw. Koffein und dem Risiko für Frühgeburten (16). n Risiko für angeborene Fehlbildungen Browne (8) untersuchte in einem systematischen Review Studien zum Zusammenhang zwischen mütterlicher Koffeinaufnahme und dem Risiko für angeborene Fehlbildungen und kommt zu dem Schluss, dass die aktuelle epidemiologische Studienlage keine Beweise für eine teratogene Wirkung des Koffeins beim Menschen liefert.
Signorello und McLaughin (23) geben eine Übersicht über die epidemiologischen Daten zum Zusammenhang zwischen mütterlichem Koffeinkonsum und Fehlgeburten. Die Ergebnisse der 15 berücksichtigten Beobachtungs-, Fall-Kontroll- und Kohortenstudien deuten zwar in der Mehrzahl auf eine positive Beziehung hin. Die Autoren kommen aber dennoch zu dem Fazit, dass eine Schlussfolgerung über Koffeineffekte auf spontane Fehlgeburten nicht möglich ist. Sie begründen dies mit Limitationen in der Methodik der Studien sowie zahlreichen anderen Schwierigkeiten bei der Untersuchung der Fragestellung (z. B. Verzerrungen durch die Beziehung Übelkeit/Erbrechen-Koffeinkonsum-Lebensfähigkeit des Fetus, Recall- und Selection-Bias, Zeitpunkt der Datenerhebung, Confounding durch Rauchen, Nicht-Erhebung des Karyotyps1, retrospektive Erhebung des Koffeinkonsum nach dem Tod des Fetus).
In einer großen dänischen prospektiven KohorteVstudie mit 88 482 Schwangeren wurde der Zusammenhang zwischen Kaffeekonsum und dem Risiko für fetale Tode in der späten Schwangerschaft (spontane Fehlgeburten und Totgeburten) analysiert. Es wurde festgestellt, dass Kaffeekonsum in der Schwangerschaft mit dem Risiko für Fehlgeburten verbunden ist, wobei das Risiko mit steigender Kaffeemenge zunimmt (3 % bei 0,5–3 Tassen, 33 % bei 4–7 Tassen, 60 % bei 8 Tassen pro Tag). Ein signifikanter Zusammenhang mit Totgeburten wurde nicht festgestellt. Die Autoren leiten die Aussage ab, dass trotz inkonsistenter Studienergebnisse Vorsicht geboten sein sollte und begrenzen die Kaffeezufuhr auf 3 Tassen pro Tag: Kaffee ist kein essenzielles Lebensmittel und die Einschränkung des Kaffeekonsums auf max. 3 Tassen pro Tag in der Schwangerschaft stellt eine leicht zu bewältigende Verhaltensänderung dar (3).
Diese Empfehlung ist mit den Ergebnissen anderer Autoren konsistent, die zu dem Schluss kommen, dass von einem moderaten Kaffeekonsum (pro Tag <300 mg Koffein bzw. <5–6 mg Koffein/kg Körpergewicht bzw. 3 Tassen Kaffee) während der Schwangerschaft keine schädlichen Wirkungen zu erwarten sind (9, 14, 16, 17, 20).
Zur genauen Abschätzung der Koffeinexposition dient die Bestimmung des Biomarkers Paraxanthin im Serum. Klebanoff et al. (17) fanden in einer eingebetteten Fall-Kontroll-Studie bei Frauen (591 Fälle, 2 558 Kontrollen) mit hohen Paraxanthin-Konzentrationen (über 1 845 ng/ml, äquivalent zu 6 Tassen Kaffee pro Tag) im Vergleich zu Frauen mit niedrigeren Konzentrationen ein signifikant erhöhtes Risiko für spontane Fehlgeburten. Niedrige Paraxanthin-Konzentrationen bzw. ein moderater Kaffeekonsum während der Schwangerschaft waren nicht mit einem erhöhten Risiko verbunden. Ein Zusammenhang zwischen erhöhter Serum-Paraxanthin-Konzentration im dritten Schwangerschaftstrimester und erhöhtem Risiko für Wachstums retardierung beim Fetus wurde in einer weiteren Arbeit von Klebanoff et al. (18) beschrieben, jedoch war dieser Zusammenhang nur bei gleichzeitigem Rauchen festzustellen.
Weitere Studienergebnisse sind aus einer Studie der University of Leeds zu erwarten. Diese untersuchten Biomarker der Koffeinexposition im Zusammenhang mit Schwangerschaftsrisiken, um Unklarheiten in der Risikoabschätzung zu beseitigen und der o. g. Empfehlung der FSA eine robuste Basis zu geben (13).
Koffein ist ein Alkaloid (Methylxanthin), das in Kaffee- und Kakaobohnen, Teeblättern und anderen Pflanzen zu finden ist. Im Bereich der Lebensmittel enthält Kaffee die höchsten Mengen an Koffein. Koffein wird rasch im Verdauungstrakt absorbiert und kann die Plazenta frei passieren, d. h. die Koffeinkonzentration im Blutplasma des Fetus gleicht jener der Mutter. Bei Sichtung der Literatur ergeben sich Hinweise, dass beim Konsum hoher Dosen an Koffein während der Schwangerschaft schädliche Wirkungen auftreten können. Gleichzeitig zeigen Ergebnisse von epidemiologischen Untersuchungen, dass von moderatem Kaffeekonsum (pro Tag <300 mg Koffein bzw. <5–6 mg Koffein/kg KG bzw. 3 Tassen Kaffee) während der Schwangerschaft keine negativen Wirkungen zu erwarten sind.
Literatur/Quellen:
1 Karyotyp = Bezeichnung für Anzahl und Struktur aller Chromosomen innerhalb des Zellkerns; wird z. B. in der Form 46,XX (üblicher Karyotyp Mädchen/Frau) und 46,XY (üblicher Karyotyp Junge/Mann) angegeben, wobei die erste Zahl für die Gesamtzahl der Chromosomen steht, die beiden nach einem Komma folgenden Buchstaben geben die Art und Anzahl der Geschlechtschromosomen wieder. Abweichungen, z. B. das zusätzliche Vorhandensein (z. B. 47,XY,+21 bei der Trisomie 21) oder das Fehlen eines Chromosoms (45,Y0, tödlich) werden ebenfalls angegeben.