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Dreidimensionale Lebens-
mittelpyramide
Abbildung der dreidimensionalen Lebensmittelpyramide

DGE-Info
Aus dem Bereich: Ernährung

Prävention der Zöliakie und frühkindliche Ernährung
01.07.2008

DGEinfo 06/2008 – Beratungspraxis

Frage: Welcher Zusammenhang besteht zwischen der Prävention von Zöliakie und frühkindlicher Ernährung? Antwort: In der Entwicklung verschiedener Erkrankungen scheint die frühkindliche Ernährung eine wichtige Rolle zu spielen. Zahlreiche Studienergebnisse sprechen dem Stillen einen präventiven Effekt zu, auch hinsichtlich der Entwicklung einer Zöliakie. Die aktuelle Empfehlung zur Einführung der Beikost bei Säuglingen besagt, glutenhaltige Beikost nicht vor dem 6. Lebensmonat in den Speisenplan einzuführen. Zu diesem Zeitpunkt haben die meisten Mütter bereits abgestillt. Neue Studienergebnisse zeigen die Tendenz, dass sich bei Säuglingen mit genetischer Disposition für Zöliakie die Einführung von Gluten während der Stillphase als günstig erweist, und zwar im Zeitfenster zwischen dem 4. und dem 6. Lebensmonat des Säuglings.



Zöliakie

Zöliakie, bei Erwachsenen auch einheimische Sprue genannt, bezeichnet eine nahrungsmittelinduzierte chronische immunologische Erkrankung des Gastrointestinaltraktes, die sich überwiegend an der Dünndarmschleimhaut manifestiert. Sie beruht auf einer Überempfindlichkeitsreaktion der Dünndarmschleimhautzellen gegenüber Gluten, dem Kleberprotein von Weizen sowie verwandten Proteinen von Roggen, Gerste, Hafer, Kamut und Hybridstämmen davon. In den meisten Industrieländern gehört die Zöliakie zu den häufigsten lebenslangen Erkrankungen. Die Erkrankungshäufigkeit wird geschätzt auf 0,5–1,0 % der Allgemeinbevölkerung in den Indus trienationen. Während die Prävalenz in Europa und Nordamerika auf 1:100 bis 250 geschätzt wird, führen weitere Studien eine Häufigkeitsverteilung von 1:500 auf. Ergänzt man diese Zahlen um die Dunkelziffer nicht diagnostizierter Fälle, erscheint die Häufigkeitsverteilung insgesamt deutlich höher zu liegen.

Die Ursache der Erkrankung ist eine toxisch-allergische Schädigung der Mucosazellen der Dünndarmschleimhaut durch spezielle Getreideproteine, Gluten. Bei Gluten-Hypersensitivität kommt es zu einer mehr oder weniger stark ausgeprägten Rückbildung der Dünndarmschleimhautzotten (Zottenatrophie). Dadurch wird die Aufnahmefläche für Nährstoffe deutlich reduziert. Die Folge ist eine Beeinträchtigung der Nährstoffabsorption (Malabsorption) mit daraus resultierenden Mangelerscheinungen, die das Bild der Erkrankung bestimmen.

Bei der Zöliakie/Sprue besteht eine lebenslange Unverträglichkeit gegen das Kleberprotein (Gluten/ Prolamin) der Getreidearten Weizen (Gliadine), Dinkel (Grünkern), Roggen (Secaline), Gerste (Hordeine) und Hafer (Avenine). Der genaue Mechanismus der schädigenden Wirkung von Gluten auf die Dünndarmschleimhaut ist trotz intensiver Forschung noch nicht geklärt. Es konnte jedoch nachgewiesen werden, dass eine erbliche Veranlagung Voraussetzung für die Entwicklung der Zöliakie/ Sprue ist. Bei allen Zöliakiebetroffenen und auch bei einem großen Teil Gesunder kann man die genetischen Grundlagen nachweisen. Ca. 20–25 % der Bevölkerung tragen die entsprechenden Merkmale, HLA-DQ2 und DQ8.

Neben der genetischen Prädisposition (HLA-Klasse DQ2 bei 95 % bzw. DQ8 bei 5 %) wird die Inzidenz und Prävalenz im Kindesalter scheinbar beeinflusst durch mögliche weitere Faktoren, welche bislang nicht bekannt sind. Dabei scheinen der Zeitpunkt der ersten Glutenaufnahme und die zugeführte Menge an Gluten sowie gleichzeitiges Stillen Einfluss zu nehmen auf die Entwicklung einer Zöliakie.

„Zöliakieepidemie in Schweden“

Stilldauer und Glutenmenge

Ivarsson et al. konnten zeigen, dass eine regelmäßige Einführung glutenhaltiger Lebensmittel in die Ernährung von Säuglingen während der Stillphase das Risiko für die Entwicklung einer Zöliakie im frühen Kindesalter reduziert, möglicherweise auch im späteren Kindesalter. Untersucht wurde der Einfluss des Stillens und der Art und Weise der Einführung von Gluten in die Ernährung des Säuglings in Bezug auf das Risiko der Entwicklung einer Zöliakie in der Kindheit. Ergebnis: Das Risiko, eine Zöliakie zu entwickeln, war vermindert bei Kindern <2 Jahren, wenn sie während der Gluteneinführung noch gestillt wurden. Dieser Effekt zeigte sich stärker bei Kindern, die auch nach der Einführung von Gluten noch gestillt wurden. Wenn Gluten in großen Mengen in die Säuglingsernährung eingeführt wurde, war das Risiko größer als bei der Einführung kleiner oder mittelgroßer Mengen.

Diese Annahme lässt sich z. B. ableiten aus der so genannten „schwedischen Zöliakieepidemie“. In Schweden wurde Mitte der 1980er Jahre eine 4-fache Zunahme von Zöliakieneuerkrankungen bei Kindern im Alter von 0–2 Jahren verzeichnet. Bei einer rückblickenden Ursachenforschung für diese Entwicklung fanden sich zwei wesentliche Veränderungen in der Säuglingsernährung:

  • Die nationale Empfehlung, Gluten mit der Beikost erst mit dem 6. Lebensmonat einzuführen anstatt mit dem 4. Lebensmonat wurde 1982 geändert. Zahlreiche Mütter stillten zudem nach dem 6. Lebensmonat ab.
  • Der Glutengehalt in der in Schweden erhältlichen Folgemilch verdoppelte sich in dieser Zeit.

Folglich wurden viele Säuglinge bei Erstkontakt mit Gluten nicht mehr gestillt und ihr Immunsystem wurde plötzlich mit großen Mengen Gluten konfrontiert.

1996 wurde die nationale Empfehlung erneut modifiziert und zwar zugunsten der Einführung kleiner Mengen an Gluten ab dem 4. Lebensmonat. Entsprechend zeigte sich Mitte der 1990er Jahre eine verringerte Anzahl an Zöliakieerkrankungen bezogen auf die Ausgangszahlen vor der Epidemie in dieser Altersgruppe.

Zurückgeführt wurde dieser Rückgang auf verlängerte Stillperioden sowie eine geringere Aufnahme an Gluten (10, 13).

Empfehlungen für die Säuglingsernährung

Die Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder und Jugendmedizin empfiehlt für die Ernährung von Säuglingen den vom Forschungsins titut für Kinderernährung (FKE) Dortmund entwickelten „Ernährungsplan für das erste Lebensjahr“.

In den ersten 4–6 Monaten sollte der Säugling ausschließlich gestillt werden (s. a. DGEinfo 09/2007). Für Säuglinge, deren Mütter nicht ausschließlich stillen können oder möchten, ist industriell hergestellte Säuglingsmilchnahrung als Muttermilchersatz geeignet.

Ab dem 5. bzw. 7. Lebensmonat erfolgt die Einführung der Beikost, beginnend mit dem Gemüse- Kartoffel-Fleisch-Brei, gefolgt vom Milch-Getreide-Brei und zuletzt dem Getreide-Obst-Brei. Während dieser Zeit werden die Mahlzeiten ergänzt durch Muttermilch oder industriell hergestellte Säuglingsmilch.

Ab dem 10. Monat geht die Beikost schrittweise in die Familienkost mit fünf Mahlzeiten und zunehmend mehr festen Lebensmitteln über.

„PreventCD“

Zur Prüfung der Beziehung zwischen frühkindlicher Ernährung und Entstehung einer Zöliakie wurde im Januar 2007 die europaweite Interventionsstudie „PreventCD“ (engl.: Coeliac Disease) – Prävention der Zöliakie – begonnen

Fazit

In der Entwicklung verschiedener Erkrankungen scheint die frühkindliche Ernährung eine wichtige Rolle zu spielen. Zahlreiche Studienergebnisse sprechen dem Stillen einen präventiven Effekt zu, auch hinsichtlich der Entwicklung einer Zöliakie. Die aktuelle Empfehlung zur Einführung der Beikost bei Säuglingen besagt, glutenhaltige Beikost nicht vor dem 6. Lebensmonat in den Speisenplan einzuführen. Zu diesem Zeitpunkt haben die meisten Mütter bereits abgestillt. Neue Studienergebnisse zeigen die Tendenz, dass sich bei Säuglingen mit genetischer Disposition für Zöliakie die Einführung von Gluten während der Stillphase als günstig erweist, und zwar im Zeitfenster zwischen dem 4. und dem 6. Lebensmonat des Säuglings.

Das Forschungsinstitut für Kinderernährung (FKE) Dortmund empfiehlt als Maßnahme zur Vorbeugung der Entwicklung einer Zöliakie, glutenhaltige Beikost in kleinen Mengen einzuführen, und zwar vorzugsweise, solange der Säugling noch gestillt wird.

Offizielle Empfehlungen sind nach Auswertung der Studie PreventCD zu erwarten.

Zeitpunkt der Gluteneinführung

Norris et al. stellten fest, dass der Zeitpunkt der Gluteneinführung in die Ernährung des Säuglings assoziiert ist mit dem erhöhten Erkrankungsrisiko für Zöliakie in der Kindheit. Untersucht wurden 1 560 Kinder in einer prospektiven Beobachtungsstudie von 1994–2004 hinsichtlich eines erhöhten Risikos für Zöliakie bei Vorliegen einer HLADR3 oder DR4-Allelkonstellation. Die Ergebnisse für den HLA-DR3-Status deuten daraufhin, dass Kinder, die in den ersten drei Lebensmonaten Lebensmittel mit Weizen, Gerste oder Roggen, also glutenhaltige Lebensmittel erhalten haben, ein 5-fach höheres Risiko für die Entwicklung einer Zöliakie aufwiesen im Vergleich zu Kindern, die glutenhaltige Lebensmittel zwischen dem 4. und 6. Lebensmonat aufgenommen haben. Nach Begrenzung der Fallgruppe auf Kinder mit diagnostizierter Zöliakie, zeigte sich ein signifikanter Anstieg des Zöliakierisikos bei der Einführung von Weizen, Gerste und Roggen in den ersten drei Lebensmonaten oder im 7. Lebensmonat oder später im Vergleich zur Einführung zwischen dem 4. und 6. Lebensmonat.

Literatur

  1. Brunner D, Spalinger J: Zöliakie im Kindesalter. Paediatrica Vol. 16, No. 3, (2005) 34–7
  2. Catassi C et al.: Eine Reise durch die Welt der Zöliakie. Annales Nestlé (2004) 62, 101–15
  3. Catassi C, Rätsch IM, Fabiani E, Rossini M, Bordicchia F, Candela F, Coppa GV, Giorgi PL: Coeliac disease in the year 2000: exploring the iceberg. Lancet 343 (1994) 200–203
  4. Deutsche Gesellschaft für Ernährung (Hrsg): DGE-Infothek: Essen und Trinken bei Zöliakie. Bonn (2008)
  5. Deutsche Zöliakie Gesellschaft: Prävention der Zöliakie durch frühkindliche Ernährung? DZGaktuell (2007) 3: 26
  6. Deutsche Zöliakie Gesellschaft: PreventCD – Start einer neuen Studie zur Zöliakie prävention bei Kindern. DZGaktuell (2007) 4: 22–23
  7. Forschungsinstitut für Kinderernährung: Empfehlung für die Ernährung von Säuglingen. (2007)
  8. Holtmeier W, Caspary WF: Celiac disease. Orphanet Journal of Rare Diseases (2006) 1:3
  9. http://www.preventceliacdisease.com
  10. Ivarsson A et al: Breast-feeding protects against celiac disease. Am J Clin Nutr (2002) 75: 914–21
  11. Kasper H: Ernährungsmedizin und Diätetik. Urban & Fischer Verlag, München (2004)
  12. Kersting M: Fakten zur Kinderernährung. Hans Marseille Verlag GmbH München (2003)
  13. Norris, J. M. et al: Risk of Celiac Disease Autoimmunity and Timing of Gluten Introduction in the Diet of Infants at Increased Risk of Disease. JAMA (2005) 239: 2343–2351
  14. Schauder P, Ollenschläger G: Ernährungsmedizin – Prävention und Therapie. München, Jena: Elsevier – Urban & Fischer (2003)
  15. Zimmer KP: Zöliakie als Autoimmunerkrankung. Ernährungs-Umschau 52 (2005) Heft 11
  16. Zimmer KP, Husemann S, Weber P: Neue Aspekte in der Diagnostik und Therapie der Zöliakie. Gastro-Liga Report 4 (1997) 5–13



 
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