DGEinfo 06/2008 – Beratungspraxis
Frage: Welcher Zusammenhang besteht zwischen der Prävention von Zöliakie und
frühkindlicher Ernährung? Antwort: In der Entwicklung verschiedener
Erkrankungen scheint die frühkindliche Ernährung eine wichtige Rolle zu
spielen. Zahlreiche Studienergebnisse sprechen dem Stillen einen präventiven
Effekt zu, auch hinsichtlich der Entwicklung einer Zöliakie. Die aktuelle
Empfehlung zur Einführung der Beikost bei Säuglingen besagt, glutenhaltige
Beikost nicht vor dem 6. Lebensmonat in den Speisenplan einzuführen. Zu diesem
Zeitpunkt haben die meisten Mütter bereits abgestillt. Neue Studienergebnisse
zeigen die Tendenz, dass sich bei Säuglingen mit genetischer Disposition für
Zöliakie die Einführung von Gluten während der Stillphase als günstig erweist,
und zwar im Zeitfenster zwischen dem 4. und dem 6. Lebensmonat des Säuglings.
Zöliakie
Zöliakie, bei Erwachsenen auch einheimische Sprue genannt, bezeichnet eine
nahrungsmittelinduzierte chronische immunologische Erkrankung des
Gastrointestinaltraktes, die sich überwiegend an der Dünndarmschleimhaut
manifestiert. Sie beruht auf einer Überempfindlichkeitsreaktion der
Dünndarmschleimhautzellen gegenüber Gluten, dem Kleberprotein von Weizen sowie
verwandten Proteinen von Roggen, Gerste, Hafer, Kamut und Hybridstämmen davon.
In den meisten Industrieländern gehört die Zöliakie zu den häufigsten
lebenslangen Erkrankungen. Die Erkrankungshäufigkeit wird geschätzt auf
0,5–1,0 % der Allgemeinbevölkerung in den Indus trienationen. Während die
Prävalenz in Europa und Nordamerika auf 1:100 bis 250 geschätzt wird, führen
weitere Studien eine Häufigkeitsverteilung von 1:500 auf. Ergänzt man diese
Zahlen um die Dunkelziffer nicht diagnostizierter Fälle, erscheint die
Häufigkeitsverteilung insgesamt deutlich höher zu liegen.
Die Ursache der Erkrankung ist eine toxisch-allergische Schädigung der
Mucosazellen der Dünndarmschleimhaut durch spezielle Getreideproteine, Gluten.
Bei Gluten-Hypersensitivität kommt es zu einer mehr oder weniger stark
ausgeprägten Rückbildung der Dünndarmschleimhautzotten (Zottenatrophie).
Dadurch wird die Aufnahmefläche für Nährstoffe deutlich reduziert. Die Folge
ist eine Beeinträchtigung der Nährstoffabsorption (Malabsorption) mit daraus
resultierenden Mangelerscheinungen, die das Bild der Erkrankung bestimmen.
Bei der Zöliakie/Sprue besteht eine lebenslange Unverträglichkeit gegen das
Kleberprotein (Gluten/ Prolamin) der Getreidearten Weizen (Gliadine), Dinkel
(Grünkern), Roggen (Secaline), Gerste (Hordeine) und Hafer (Avenine). Der
genaue Mechanismus der schädigenden Wirkung von Gluten auf die
Dünndarmschleimhaut ist trotz intensiver Forschung noch nicht geklärt. Es
konnte jedoch nachgewiesen werden, dass eine erbliche Veranlagung Voraussetzung
für die Entwicklung der Zöliakie/ Sprue ist. Bei allen Zöliakiebetroffenen und
auch bei einem großen Teil Gesunder kann man die genetischen Grundlagen
nachweisen. Ca. 20–25 % der Bevölkerung tragen die entsprechenden Merkmale,
HLA-DQ2 und DQ8.
Neben der genetischen Prädisposition (HLA-Klasse DQ2 bei 95 % bzw. DQ8 bei
5 %) wird die Inzidenz und Prävalenz im Kindesalter scheinbar beeinflusst
durch mögliche weitere Faktoren, welche bislang nicht bekannt sind. Dabei
scheinen der Zeitpunkt der ersten Glutenaufnahme und die zugeführte Menge an
Gluten sowie gleichzeitiges Stillen Einfluss zu nehmen auf die Entwicklung
einer Zöliakie.
„Zöliakieepidemie in Schweden“
Stilldauer und Glutenmenge
Ivarsson et al. konnten zeigen,
dass eine regelmäßige Einführung
glutenhaltiger Lebensmittel in die
Ernährung von Säuglingen während
der Stillphase das Risiko für die
Entwicklung einer Zöliakie im frühen
Kindesalter reduziert, möglicherweise
auch im späteren Kindesalter.
Untersucht wurde der Einfluss des
Stillens und der Art und Weise der
Einführung von Gluten in die Ernährung
des Säuglings in Bezug auf das
Risiko der Entwicklung einer Zöliakie
in der Kindheit. Ergebnis: Das Risiko,
eine Zöliakie zu entwickeln, war vermindert
bei Kindern <2 Jahren, wenn
sie während der Gluteneinführung
noch gestillt wurden. Dieser Effekt
zeigte sich stärker bei Kindern, die
auch nach der Einführung von Gluten
noch gestillt wurden. Wenn Gluten in
großen Mengen in die Säuglingsernährung
eingeführt wurde, war das
Risiko größer als bei der Einführung
kleiner oder mittelgroßer Mengen.
Diese Annahme lässt sich z. B. ableiten aus der so genannten „schwedischen Zöliakieepidemie“. In Schweden wurde Mitte der 1980er Jahre eine 4-fache Zunahme von Zöliakieneuerkrankungen bei Kindern im Alter von 0–2 Jahren verzeichnet. Bei einer rückblickenden Ursachenforschung für diese Entwicklung fanden sich zwei wesentliche Veränderungen in der Säuglingsernährung:
- Die nationale Empfehlung, Gluten mit der Beikost erst mit dem 6.
Lebensmonat einzuführen anstatt mit dem 4. Lebensmonat wurde 1982 geändert.
Zahlreiche Mütter stillten zudem nach dem 6. Lebensmonat ab.
- Der Glutengehalt in der in Schweden erhältlichen Folgemilch verdoppelte sich in dieser Zeit.
Folglich wurden viele Säuglinge bei Erstkontakt mit Gluten nicht mehr gestillt
und ihr Immunsystem wurde plötzlich mit großen Mengen Gluten konfrontiert.
1996 wurde die nationale Empfehlung erneut modifiziert und zwar zugunsten der
Einführung kleiner Mengen an Gluten ab dem 4. Lebensmonat. Entsprechend zeigte
sich Mitte der 1990er Jahre eine verringerte Anzahl an Zöliakieerkrankungen
bezogen auf die Ausgangszahlen vor der Epidemie in dieser Altersgruppe.
Zurückgeführt wurde dieser Rückgang auf verlängerte Stillperioden sowie eine
geringere Aufnahme an Gluten (10, 13).
Empfehlungen für die Säuglingsernährung
Die Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder und
Jugendmedizin empfiehlt für die Ernährung von Säuglingen den vom Forschungsins
titut für Kinderernährung (FKE) Dortmund entwickelten „Ernährungsplan für das
erste Lebensjahr“.
In den ersten 4–6 Monaten sollte der Säugling ausschließlich gestillt werden
(s. a. DGEinfo 09/2007). Für Säuglinge, deren Mütter nicht ausschließlich
stillen können oder möchten, ist industriell hergestellte Säuglingsmilchnahrung
als Muttermilchersatz geeignet.
Ab dem 5. bzw. 7. Lebensmonat erfolgt die Einführung der Beikost, beginnend mit
dem Gemüse- Kartoffel-Fleisch-Brei, gefolgt vom Milch-Getreide-Brei und zuletzt
dem Getreide-Obst-Brei. Während dieser Zeit werden die Mahlzeiten ergänzt durch
Muttermilch oder industriell hergestellte Säuglingsmilch.
Ab dem 10. Monat geht die Beikost schrittweise in die Familienkost mit fünf
Mahlzeiten und zunehmend mehr festen Lebensmitteln über.
„PreventCD“
Zur Prüfung der Beziehung zwischen frühkindlicher Ernährung und Entstehung
einer Zöliakie wurde im Januar 2007 die europaweite Interventionsstudie
„PreventCD“ (engl.: Coeliac Disease) – Prävention der Zöliakie – begonnen
Fazit
In der Entwicklung verschiedener Erkrankungen scheint die frühkindliche
Ernährung eine wichtige Rolle zu spielen. Zahlreiche Studienergebnisse sprechen
dem Stillen einen präventiven Effekt zu, auch hinsichtlich der Entwicklung
einer Zöliakie. Die aktuelle Empfehlung zur Einführung der Beikost bei
Säuglingen besagt, glutenhaltige Beikost nicht vor dem 6. Lebensmonat in den
Speisenplan einzuführen. Zu diesem Zeitpunkt haben die meisten Mütter bereits
abgestillt. Neue Studienergebnisse zeigen die Tendenz, dass sich bei Säuglingen
mit genetischer Disposition für Zöliakie die Einführung von Gluten während der
Stillphase als günstig erweist, und zwar im Zeitfenster zwischen dem 4. und dem
6. Lebensmonat des Säuglings.
Das Forschungsinstitut für Kinderernährung (FKE) Dortmund empfiehlt als
Maßnahme zur Vorbeugung der Entwicklung einer Zöliakie, glutenhaltige Beikost
in kleinen Mengen einzuführen, und zwar vorzugsweise, solange der Säugling noch
gestillt wird.
Offizielle Empfehlungen sind nach Auswertung der Studie PreventCD zu erwarten.
Zeitpunkt der Gluteneinführung
Norris et al. stellten fest, dass der Zeitpunkt der Gluteneinführung in die Ernährung des Säuglings assoziiert ist mit dem erhöhten Erkrankungsrisiko für Zöliakie in der Kindheit. Untersucht wurden 1 560 Kinder in einer prospektiven Beobachtungsstudie von 1994–2004 hinsichtlich eines erhöhten Risikos für Zöliakie bei Vorliegen einer HLADR3 oder DR4-Allelkonstellation. Die Ergebnisse für den HLA-DR3-Status deuten daraufhin, dass Kinder, die in den ersten drei Lebensmonaten Lebensmittel mit Weizen, Gerste oder Roggen, also glutenhaltige Lebensmittel erhalten haben, ein 5-fach höheres Risiko für die Entwicklung einer Zöliakie aufwiesen im Vergleich zu Kindern, die glutenhaltige Lebensmittel zwischen dem 4. und 6. Lebensmonat aufgenommen haben. Nach Begrenzung der Fallgruppe auf Kinder mit diagnostizierter Zöliakie, zeigte sich ein signifikanter Anstieg des Zöliakierisikos bei der Einführung von Weizen, Gerste und Roggen in den ersten drei Lebensmonaten oder im 7. Lebensmonat oder später im Vergleich zur Einführung zwischen dem 4. und 6. Lebensmonat.
Literatur
- Brunner D, Spalinger J: Zöliakie im Kindesalter. Paediatrica Vol. 16, No. 3, (2005) 34–7
- Catassi C et al.: Eine Reise durch die Welt der Zöliakie. Annales Nestlé (2004) 62, 101–15
- Catassi C, Rätsch IM, Fabiani E, Rossini M, Bordicchia F, Candela F, Coppa GV, Giorgi PL: Coeliac disease in the year 2000: exploring the iceberg. Lancet 343 (1994) 200–203
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung (Hrsg): DGE-Infothek: Essen und Trinken bei Zöliakie. Bonn (2008)
- Deutsche Zöliakie Gesellschaft: Prävention der Zöliakie durch frühkindliche Ernährung? DZGaktuell (2007) 3: 26
- Deutsche Zöliakie Gesellschaft: PreventCD – Start einer neuen Studie zur Zöliakie prävention bei Kindern. DZGaktuell (2007) 4: 22–23
- Forschungsinstitut für Kinderernährung: Empfehlung für die Ernährung von Säuglingen. (2007)
- Holtmeier W, Caspary WF: Celiac disease. Orphanet Journal of Rare Diseases (2006) 1:3
- http://www.preventceliacdisease.com
- Ivarsson A et al: Breast-feeding protects against celiac disease. Am J Clin Nutr (2002) 75: 914–21
- Kasper H: Ernährungsmedizin und Diätetik. Urban & Fischer Verlag, München (2004)
- Kersting M: Fakten zur Kinderernährung. Hans Marseille Verlag GmbH München (2003)
- Norris, J. M. et al: Risk of Celiac Disease Autoimmunity and Timing of Gluten Introduction in the Diet of Infants at Increased Risk of Disease. JAMA (2005) 239: 2343–2351
- Schauder P, Ollenschläger G: Ernährungsmedizin – Prävention und Therapie. München, Jena: Elsevier – Urban & Fischer (2003)
- Zimmer KP: Zöliakie als Autoimmunerkrankung. Ernährungs-Umschau 52 (2005) Heft 11
- Zimmer KP, Husemann S, Weber P: Neue Aspekte in der Diagnostik und Therapie der Zöliakie. Gastro-Liga Report 4 (1997) 5–13