DGEinfo 12/2007 – Beratungspraxis
Stellungnahme als pdf
Hintergrund
Für die Nährwertkennzeichnung von Lebensmitteln gilt in der Europäischen
Gemeinschaft (EU) die Richtlinie 90/496/EEC, die für Deutschland in nationales
Recht umgesetzt ist. Eine Novellierung dieser Richtlinie wird seitens der EU
angestrebt. Unabhängig von diesen aktuellen politischen und wissenschaftlichen
Aktivitäten beschäftigt sich der Verband der Europäischen Lebensmittelindustrie
(Confédération des industries agroalimentaires de l’UE – CIAA) seit einiger
Zeit mit der Etablierung einer freiwilligen, vereinfachten Kennzeichnung. Ende
Juni 2006 publizierte die CIAA (Zitat) „… in line with the requirements of
current EU legislation …“ so genannte Recommendations for a Common
Nutrition Labelling Scheme (Brüssel, 30.06.2006) (2). Damit
sollte der Lebensmittelindustrie ein Programm in die Hand gegeben werden, das
auf freiwilliger Basis vollständig oder in Teilen (je nach Relevanz für die
Hersteller) umgesetzt werden kann. Das CIAA-Konzept besteht aus 4 Angaben
(Elementen):
Rückseite der Verpackung
- – List of nutrients (Nährstoffliste): Energie, Protein,
Kohlenhydrate, Zucker, Fett, gesättigtes Fett, Ballaststoffe/Nahrungsfaser
und Natrium
- – Nutrition information per serving (Ernährungsinformation pro Portion)
- – Guideline Daily Amounts („Richtlinie für die tägliche Aufnahme“)
Vorderseite der Verpackung
- – Calories/Energy per serving and % GDA for
calories (Kalorien/Energie pro Portion und % GDA für
Kalorien)
Nach unseren Informationen (Stand Mitte August 2007) wird dieses Konzept
(teilweise) in 9 Unternehmen umgesetzt: Campbell Germany GmbH, Coca-Cola GmbH,
Danone GmbH, Kellogg (Deutschland) GmbH, Kraft Foods Deutschland GmbH,
Masterfoods Holding GmbH, Nes tlé Deutschland AG, PepsiCo Deutschland GmbH und
Unilever Deutschland GmbH.
Essenzieller Teil des CIAA-Konzeptes ist die Einführung des Begriffes GDA.
Diese neue Bezugsgröße wurde von einer CIAA-Arbeitsgruppe für die Variablen
Energie, Kohlenhydrate, Fett, gesättigte Fettsäuren,
Ballaststoffe/Nahrungsfaser, Natrium (in Form von Kochsalz), Protein und
Gesamt- Zucker erarbeitet (1, 2, 3).
Nachfolgend nimmt die DGE zur Verwendung des Begriffes GDA in der freiwilligen
Kennzeichnung von Lebensmitteln Stellung. Die Ausführungen sind in folgende
Kapitel unterteilt:
- Vorstellung GDA-Konzept – Definition, Ableitung
- Bezugsgrößen zur Berechnung von GDA – Wissenschaftliche Bewertung
- GDA als Bestandteil eines Konzeptes zur Lebensmittelkennzeichnung – Wissenschaftliche Bewertung
- Zusammenfassung – Fazit
Als Grundlage für die Stellungnahme dienten die aktuellen Publikationen der
CIAA im Internet (1, 2, 3).
Vorstellung GDA-Konzept
Definition und Ableitung
Definition GDA (nach CIAA)
Nach der CIAA-Arbeitsgruppe sind GDA-Werte (in deutscher Übersetzung) „…Angaben
(in Prozent) des Gehaltes eines Nährstoffs in einem Lebensmittel in Relation
zum von der CIAA vorgeschlagenen Richtwert für die Tageszufuhr des
entsprechenden Nährstoffs“. Das Ziel der Anwendung von GDA ist nachfolgend im
Originaltext zusammengefasst:
„Typical energy and micronutrient intake levels (Basisdaten bzw. Bezugsgrößen) that most people
are advised to consume daily for a healthy diet… (errechnete) GDAs are not targets for individuals,
but provide consumers with a benchmark against which the contribution from macronutrients
provided by a food product can be assessed.”
Auf deutschsprachigen Verpackungen wird der Begriff GDA mit „empfohlene Tageszufuhr“ übersetzt.
Ableitung
Nach Angaben der CIAA-Arbeitsgruppe wurden für die Ableitung der GDA folgende Prinzipien
angewendet:
- GDA müssen den aktuellen EU-Richtlinien zur Lebensmittelkennzeichnung entsprechen
- GDA sollen für „durchschnittliche“ Erwachsene (>18 Jahre, normales Körpergewicht) entwickelt werden.
- GDA-Werte sollen zur Vereinfachung gerundet werden (leichteres Merken, Vermeidung von nicht vorgesehener Präzision)
In der Arbeitsgruppe wurde sich darauf geeinigt, die GDA auf der Basis der
Eurodiet Nutrition Population Goals (3, 5) zu entwickeln. Da Eurodiet keine
konkreten Richtwerte zum Energiebedarf bzw. -umsatz macht, definierte die
Arbeitsgruppe selbst einen Bezugswert. Hierbei wurden folgende Aspekte
berücksichtigt:
- UK: die IGD (Institute Grocery Distribution, 1998) verwendet 2 000 kcal als GDA für Energie
- USA: Die Berechnung der Daily Reference Values (DRV) der FDA für Makronährstoffe basieren auf einer Energieaufnahme von 2000 kcal
- Ernährungswissenschaftler/-innen und Diätassistenten/-innen benutzen in der Regel einen Wert von 2 000 kcal zur Bewertung der durchschnittlichen Nährstoffaufnahme in Bevölkerungsstudien (2, 3)
Als GDA-Energiewerte definierte CIAA 2 000 kcal/Tag für Frauen und 2 500
kcal/Tag für Männer. Sofern auf den Verpackungen nur ein Wert angegeben werden
soll, empfiehlt die Arbeitsgruppe den Firmen, die Prozentangabe auf 2000
kcal/Tag zu beziehen. In der nachfolgenden Tabelle 1 sind die von der CIAA
veröffentlichten Basisdaten für die Berechnung der GDA-Werte zusammengestellt.
Tab. 1: CIAA-Basisdaten für die Berechnung von Guideline Daily Amount (GDA) (3)
| Nährstoff |
Frauen |
Männer |
| Energie |
2000 kcal |
2500 kcal |
| Protein |
50 g |
60 g |
| Kohlenhydrate |
270 g |
340 g |
| Fett |
70 g |
80 g |
Gesättigte Fettsäuren |
20 g |
30 g |
| Ballaststoffe |
25 g |
25 g |
| Salz |
6 g |
6 g |
| Gesamtzucker |
90 g |
110 g |
Die ausgewiesenen Werte sollen im Sinne einer Obergrenze (Fett, gesättigte
Fettsäuren, Salz) bzw. einer Untergrenze (Kohlenhydrate, Ballaststoffe)
interpretiert werden. Die Angaben für Energie, Protein und Zucker sind
entsprechend den CIAA-Unterlagen als „Mittelwerte“ anzusehen (3).
Bezugsgrößen zur Berechnung von GDA
Wissenschaftliche Bewertung
Essenzielle Grundlage des GDA-Konzeptes ist die Festlegung von Basiswerten (Bezugsgrößen) zur täglichen Zufuhr an den zu bewertenden
Nährstoffen. Konsequenterweise werden nachfolgend zunächst die ausgewiesenen Bezugsgrößen wissenschaftlich bewertet. Dabei werden
insbesondere folgende grundlegende Aspekte geprüft:
- Definition von Referenzpersonen und entsprechende Energiezufuhr
- Wissenschaftliche Korrektheit der Herleitung und Begründung
- Vergleich der CIAA-Werte mit internationalen Referenzwerten (Eurodiet [5], DRI [6], WHO [7], D-A-CH [4])
Gemäß CIAA sollen die ausgewiesenen Werte generell den Vorgaben der Eurodiet (3, 5) entsprechen. Eurodiet ist ein durch die Europäische
Kommission finanziertes Projekt mit dem Ziel, wissenschaftlich fundierte europaweite Ernährungsempfehlungen als Grundlage für die europäische
Ernährungs- und Gesundheitspolitik herzuleiten.
Grundsätzlich ist hier zu bemerken, dass die Erarbeitung der Bezugsgrößen in der CIAA-Arbeitsgruppe ohne offizielle Beteiligung der zuständigen
wissenschaftlichen Organisationen erfolgt ist. Informationen zur Zusammensetzung der Arbeitsgruppe und deren Entstehen liegen der DGE nicht vor.
Referenzpersonen und Energiezufuhr
Nach den Vorgaben der Arbeitsgruppe sollen die GDA „für durchschnittliche Erwachsene über 18 Jahre mit Normalgewicht“ etabliert werden.
Als „tägliche Energieaufnahme“ sind für Frauen 2 000 kcal, für Männer 2 500 kcal angegeben. Eine weitere Charakterisierung der Zielperson
bzw. -gruppe wird nicht vorgenommen.
Aus wissenschaftlicher Sicht ist diese Vorgehensweise nur bedingt nachzuvollziehen. In den durch die internationalen Gesellschaften publizierten
Referenzwerten erfolgt eine Charakterisierung der Referenzpersonen nach Geschlecht, Alter und körperlicher Aktivität (physical activity level,
PAL). Letzteres wird von der CIAA generell nicht berücksichtigt. Ein Vergleich mit den D-A-CH-Werten (Tab. 2) zeigt deutlich, dass die Angaben
von 2 000 bzw. 2 500 kcal/Tag nur für sehr junge Erwachsene annähernd mit unseren Daten übereinstimmen. Für ältere Verbraucher müssten
die Werte (deutlich) gesenkt werden. Einzelne Zahlen als Vorgabe für die gesamte Bevölkerung sind nicht vertrauenswürdig. Ungünstig ist auch,
dass besondere Lebenssituationen (z. B. Kinder/Jugendliche, Schwangere/Stillende) unberücksichtigt bleiben.
Diese unpräzisen und damit irreführenden Angaben sind sicherlich ein Problem des Gesamtkonzeptes der CIAA zur freiwilligen Kennzeichnung.
Die Idee, bei Angabe nur eines GDA-Wertes den niedrigeren Energiewert für Frauen zu benutzen, ist im Sinne der Vermeidung von Übergewicht
daher sicherlich begrüßenswert.
Tab. 2: D-A-CH – Richtwerte für die durchschnittliche Energiezufuhr bei Männern und Frauen unterschiedlichen Alters (PAL-Wert: 1,4) (4)
| Alter |
Mann |
Frau |
| 19 bis unter 25 Jahre |
2500 |
1900 |
| 25 bis unter 51 Jahre |
2400 |
1900 |
| 51 bis unter 65 Jahre |
2200 |
1800 |
| 65 Jahre und älter |
2000 |
1600 |
Fett/gesättigte Fettsäuren
Entsprechend der konzeptionellen Vor gaben wurden zur Definition der Bezugsgröße zur Zufuhr von Gesamtfett und von gesättigten Fettsäuren
die prozentualen Angaben aus Eurodiet zumindest zahlenmäßig herangezogen (<30en% bzw. <10en%). Bezogen auf 2000 bzw. 2500 kcal
berechnen sich gerundet für Gesamtfett 70 g bzw. 80 g und für gesättigte Fettsäuren 20 g bzw. 30 g (Frauen bzw. Männer (Tab. 1). Diese Umsetzung
durch die CIAA berücksichtigt jedoch nicht, dass es sich bei den Prozentangaben um ein Maximum handelt.
Die Angaben stimmen annähernd mit den Absolutwerten aus D-A-CH überein. WHO und DRI geben für die quantitative Zufuhr an Fett eine
Spanne an, wobei der maximale Wert bei 30 bzw. 35en% liegt (Tab. 3). Damit errechnen sich auch absolut andere Werte. Für gesättigte Fettsäuren
stimmen die Angaben mit WHO und D-A-CH überein. In den DRI wird „so gering wie möglich“ angegeben (Tab. 4).
Die Absolutmenge der Gesamtfett-Zufuhr nimmt mit höherem Alter ab. Daher sind die berechneten GDA-Angaben wiederum vor allem für ältere
Verbraucher unpräzise und möglicherweise irreführend.
Tab. 3: Referenzwerte (Richtwerte) für die tägliche Zufuhr an Fett (absolut* und in Prozent der Energie)
| Fett |
Eurodiet |
D-A-CH |
DRI |
WHO |
| Frauen |
<30 % |
<66,6 g |
<30 % |
<66,6 g |
20–35 % |
44,4–77,7 g |
15–30 % |
33,3–66,6 g |
| Männer |
<30 % |
<83,3 g |
<30 % |
<83,3 g |
20–35 % |
55,5–97,2 g |
15–30 % |
41,6–83,3 g |
| *Absolutwerte bezogen auf 2 000 bzw. 2 500 kcal/Tag |
Tab. 4: Referenzwerte (Richtwerte) für die tägliche Zufuhr an gesättigten Fettsäuren (absolut* und in Prozent der Energie)
Gesättigte Fettsäuren |
Eurodiet |
D-A-CH |
DRI |
WHO |
| Frauen |
<10 % |
<22,22 g |
<10 % |
<22,22 g |
so gering wie möglich |
<10 % |
<22,22 g |
| Männer |
<10 % |
<27,77 g |
<10 % |
<27,77 g |
<10 % |
<27,77 g |
| *Alle Werte in Bezug auf 2000 bzw. 2500 kcal/Tag |
Kohlenhydrate/Gesamtzucker
In Anlehnung an Eurodiet wird für die Gesamtzufuhr an
Kohlenhydraten ein Richtwert von 55en% zugrunde gelegt, so dass sich
für Frauen eine Aufnahme von 270 g und für Männer 340 g ergibt (Tab. 1). Der
Richtwert muss hier als Untergrenze definiert werden; konsequenterweise liegen
die Absolutwerte an der untersten Grenze der gewünschten Zufuhr.
Im Vergleich mit den internationalen Referenzwerten liegen die Bezugsgrößen der
CIAA jeweils innerhalb der vorgegebenen Spannen (Tab. 5).
Sowohl bei Eurodiet als auch bei den anderen zitierten Referenzwerten werden
unter dem Begriff „Gesamt-Kohlenhydrate“ alle Arten von verdaulichen
Nahrungskohlenhydraten (Mono-, Di- und Polysaccharide) zusammengefasst, wobei
Polysaccharide den Hauptteil ausmachen sollen. Diesbezügliche Aussagen werden
von der CIAA nicht gemacht.
Sehr komplex ist die Ableitung zur Zufuhr an Gesamt-Zucker (90 g bzw. 110 g für Frauen und Männer) (Tab. 1). Zunächst wurde entsprechend
der EU-Direktive Zucker definiert als „alle in Lebensmitteln vorkommende Monosaccharide und Disaccharide mit Ausnahme von Polyolen“. Da
Eurodiet keinen spezifischen Wert für die wünschenswerte Aufnahme von Zucker (nach dieser EU-Definition) ausweist, wurde auf andere Informationen
zurückgegriffen (3):
- Andere internationale Ernährungsempfehlungen (WHO und Nordic Recommendations) geben einen Referenzwert (Richtwert) von 10en% für zugesetzten Zucker an.
- In UK wird eine Zufuhr von 11en% extrinsischen Zucker (ohne Milchzucker) vorgegeben. Für diesen „Zucker“ gibt es jedoch keine einheitliche Definition.
- Eurodiet und WHO empfehlen eine Zufuhr von 400 g Obst und Gemüse pro Tag.
- In Frankreich und Irland wird eine Aufnahme von 3 Portionen Milchprodukten empfohlen.
Aus diesen Informationen wurde die Bezugsgröße zur Aufnahme von Gesamt-Zucker konstruiert:
- Aufnahme von 200 g Obst und 200 g Gemüse = 28 g Zucker
- 3 Milchprodukte pro Tag (200 g Milch, 125 g Joghurt, 40 g Käse) = 17 g Zucker
- Non-milk extrinsic sugars (10 % der Energie) = 50 g (Frau) bzw. 62,5 g (Mann)
Daraus ergibt sich als gerundete Gesamtzufuhr 90 g bzw. 110 g (Tab. 1).
Die gewählte Ableitung dieser Werte ist aus wissenschaftlicher Sicht kritisch zu betrachten. Das Addieren von „natürlich“ vorkommendem Zucker (Obst, Gemüse, Milchprodukte) und zugesetztem Zucker wird in dieser Weise nur von der CIAA durchgeführt. Wird die von Zucker unabhängig entwickelte Bezugsgröße für Kohlenhydrate herangezogen (270 g bzw. 340 g), nehmen Mono- und Disaccharide einen Anteil von ca. 1/3 an der Kohlenhydratzufuhr ein. Dies wird durch keine internationale Empfehlung gestützt (Tab. 6). Offensichtlich wird bei der Berechnung des GDA-Wertes der zugesetzte Zucker des Lebensmittels auf eine Bezugsgröße, die zugesetzten und natürlichen Zucker berücksichtigt, bezogen. Damit kommen verhältnismäßig niedrige Prozentwerte zustande.
Aufgrund dieser „ungewöhnlichen“ Berechnungsweise ist ein objektiver Vergleich mit den gängigen Referenzwerten schwierig. Die WHO nennt
für Zucker(arten) einen Richtwert <10 Energieprozent. Dieser Wert bezieht sich auf alle Mono- und Disaccharide, die Lebensmitteln zugesetzt
werden einschließlich Zucker in Honig, Sirup und Fruchtsaft. Bei den DRI ist der Richtwert für zugesetzten Zucker von <25 % der Energie als
Obergrenze formuliert. Dabei werden die zugesetzten Zucker definiert als Zucker und Sirup, welche während der Herstellung von Lebensmitteln
zugesetzt werden. Bei Eurodiet sollte die Aufnahme von zugesetzten Zucker(arten) unter 10–12 % der Energiezufuhr liegen.
Entsprechend der von CIAA gewählten Definition von „Zucker“ (siehe oben) ist abzuleiten, dass die Mengenangabe von Zucker in den gegebenen Werten
für Gesamt-Kohlenhydrate enthalten ist. Eine klare Aussage hierzu ist jedoch nicht zu finden.
Es ist aus ernährungsphysiologischer Sicht nicht nachvollziehbar, mit welchem Hintergrund Lebensmittelgruppen wie Obst und Gemüse für die Berechnung
bei Zucker herangezogen werden, eine Differenzierung in unterschiedliche Kohlenhydrate bzw. in unterschiedliche Quellen bei der Festlegung des
Gesamt-Kohlenhydratwertes jedoch nicht erfolgt. Es entsteht der Eindruck, dass bei Zucker eine „günstige“ (willkürliche) Berechnung gewählt wurde.
Tab. 5: Referenzwerte (Richtwerte) für die tägliche Zufuhr an Kohlenhydrate (absolut* und in Prozent der Energie)
| Kohlenhydrate |
Eurodiet |
D-A-CH |
DRI |
WHO |
| Frauen |
<55 % |
<275 g |
<55 % |
<275 g |
45–65 % |
225–325 g |
55–75 % |
275–375 g |
| Männer |
<55 % |
<344 g |
<55 % |
<344 g |
45–65 % |
281–406 g |
55–75 % |
344–469 g |
| * Absolutwerte bezogen auf 2 000 bzw. 2 500 kcal/Tag |
Tab. 6: Referenzwerte (Richtwerte) für die tägliche Zufuhr an Mono- und Disacchariden („Zucker“; absolut* und in Prozent der Energie)
| „Zucker“ |
Eurodiet |
D-A-CH |
DRI |
WHO |
| Frauen |
≤ 4 Portionen→10–12 % |
≤ 50–60 g |
— |
<25 % |
<125 g |
<10 % |
<50 g |
| Männer |
≤ 4 Portionen→10–12 % |
≤ 62,5–75 g |
— |
<25 % |
<156,3 g |
<10 % |
<62,5 g |
| *Absolutwerte bezogen auf 2 000 bzw. 2 500 kcal/Tag |
Ballaststoffe/Nahrungsfasern
Als Bezugsgröße für Nahrungsfasern wurde der von Eurodiet publizierte Wert übernommen (Tab. 1).
Diese Bezugsgröße geht konform mit dem Richtwert der WHO. Die D-A-CH-Referenzwerte geben als Richtwert für die Zufuhr von Ballaststoffen
bei Erwachsenen eine Menge von mindestens 30 g pro Tag an (Tab. 7).
Tab. 7: Referenzwert (Richtwerte) für die tägliche Zufuhr an Ballaststoffen/Nahrungsfasern (absolut)
| Ballaststoffe |
Eurodiet |
D-A-CH |
DRI |
WHO |
| Frauen |
>25 g |
>30 g |
21–25 g |
>25 g |
| Männer |
>25 g |
>30 g |
30–38 g |
>25 g |
Natrium/Kochsalz
Als Bezugsgröße für die Kochsalzzufuhr wurde der von Eurodiet publizierte Wert übernommen (Tab. 1).
Diese Bezugsgröße geht konform mit dem Richtwert der D-A-CH-Referenzwerte. Sowohl DRI als auch WHO liegen in ihren Angaben niedriger
(Tab. 8).
Tab. 8: Referenzwerte (Richtwerte) für die tägliche Zufuhr an Kochsalz
| Salz |
Eurodiet |
D-A-CH |
DRI |
WHO |
| Frauen |
<6 g |
≤6 g |
3–4 g |
<5 g |
| Männer |
<6 g |
≤6 g |
3–4 g |
<5 g |
Protein
Für Protein wurde eine Zufuhr von 10en% angenommen, woraus sich eine Bezugsgröße von 50 g
bzw. 60 g errechnet (Tab. 1).
International wird eine adäquate Zufuhr (Empfehlung) an Protein bezogen auf das Soll-Gewicht
der Referenzperson (Angaben in g/kg KG) angegeben (Tab. 9). Dabei wird berücksichtigt, dass eine
Essenzialität für Aminosäuren und Stickstoff besteht und die Biologische Wertigkeit für Proteine
sehr unterschiedlich ist. Eine prozentuale Angabe für Protein ergibt sich aus diesen Absolutwerten,
nicht umgekehrt. Mit diesem Hintergrund entbehrt die Vorgehensweise der CIAA einer wissenschaftlichen
Logik.
Tab. 9: Referenzwerte (Empfehlungen) für die tägliche Zufuhr an Protein (g/kg KG)
| Protein |
D-A-CH |
DRI |
| Frauen |
0,8 g |
0.8 g |
| Männer |
GDA als Bestandteil eines Konzeptes zur Lebensmittelkennzeichnung
Wissenschaftliche Bewertung
Entsprechend dem Gesamtkonzept der CIAA sollen die Hersteller auf Vorder- bzw. Rückseite der Verpackung GDAs (Prozent der jeweiligen
Bezugsgröße) ausweisen. Unabhängig davon, dass eine „eigene“, nur auf freiwilliger Basis beruhende Kennzeichnung durch einzelne Lebensmittelanbieter
im Sinne einer objektiven, „harmonisierten“ Information des Verbrauchers kontraproduktiv erscheint, hat das Konzept offensichtliche
Schwächen, die nachfolgend aufgeführt sind.
- Die Ableitung der Bezugsgrößen ist wissenschaftlich nicht immer nachzuvollziehen. Dies gilt vor allem für die generell entscheidende Frage
der Energiezufuhr. Konsequenterweise sind die ausgewiesenen Prozentwerte für die Nährstoffe häufig eine willkürliche Größe.
-
Die Angabe von Prozenten alleine ist nicht hilfreich. Der Verbraucher muss erkennen können, ob ein hoher oder ein geringer Wert erreicht
werden sollte. Dies ist aus der Angabe auf der Verpackung nicht ersichtlich.
-
Die Angaben sind (zumindest näherungsweise) nur für junge Erwachsene gültig. Alle anderen Verbraucher werden durch die Angaben eher
in die Irre geführt. Daran ändert auch ein anzubringender Kommentar bezüglich eines möglicherweise veränderten Energie- und Nährstoffbedarfs
in besonderen physiologischen Situationen nichts. Tatsächlich finden sich auf Lebensmittelpackungen bereits Angaben mit Kindern
als Bezugspersonen (z. B. 5–10-Jährige). Die Quelle für die verwendeten Richtwerte ist nicht ersichtlich und damit unzulässig.
- Der neu eingeführte Begriff GDA wird auf deutschsprachigen Verpackungen als „empfohlene Tageszufuhr“ bezeichnet. Zum Einen ist ein
GDA eine Prozentangabe bezogen auf eine vorgegebene Zufuhr und damit keine Empfehlung; zum Anderen werden Empfehlungen (Referenzwerte)
von wissenschaftlichen Organisationen herausgegeben. Somit besteht eine große Gefahr der Fehlinterpretation durch den
Verbraucher.
- Die Umsetzung dieses nicht verpflichtenden Vorschlags wird gegenwärtig von den jeweiligen Lebensmittelunternehmen uneinheitlich gehandhabt.
Unterschiede wurden z. B. festgestellt hinsichtlich:
- der Bezugsgrößen, sowohl bei den Referenzwerten (Herkunft der Datenbasis, Berechnungsdifferenzen) als auch Portionsangaben
- der Bezugspersonen (Frauen, Männer, Kinder)
- der Darstellung auf der Verpa ckung (Vorderseite, Rückseite)
- Die Freiwilligkeit der Kennzeichnung eröffnet die Möglichkeit, einzelne Produkte herauszustellen und durch die Kennzeichnung gegenüber
anderen abzugrenzen. Es stellt sich die Frage, wie der Verbraucher diese Produkt besonderheit bewertet
- Der Vitamin- und Mineralstoffgehalt erfolgt nicht als GDA-Angabe, sondern in Form des Prozentanteils der empfohlenen Nährstoffzufuhr mit
Bezug auf die Recommended Dietary Allowance (RDA) der Nährwertkennzeichnungsverordnung. Das kann nur zur weiteren Verwirrung des
Verbrauchers beitragen.
Zusammenfassung – Fazit
Für den Einsatz von GDA, ungeachtet der Herleitung, gilt die Grundsatzproblematik, dass Richtlinien, die für die Ernährung insgesamt konzipiert
werden (WHO, Eurodiet, D-A-CH), auf einzelne Produkte angewendet werden. Aus dem relativen Erreichen von Zielwerten (Empfehlungen bzw.
Richtwerte) werden Rückschlüsse auf die Ernährung insgesamt angestrengt. Dies ist nicht zulässig, weil das einzelne, bewertete Produkt immer
Teil einer Gesamternährung und als Teil dieser Gesamternährung möglicherweise anders (besser oder schlechter) einzustufen ist als das „isoliert“
bewertete Lebensmittel.
Die Herleitung der GDA-Werte hält einer kritischen wissenschaftlichen Prüfung nicht durchgehend Stand. Die für die Berechnung zugrunde
gelegte Energiezufuhr ist für die Gesamtheit der Verbraucher nicht repräsentativ. Die daraus abgeleiteten nährstoffspezifischen Werte sind
daher mit Vorsicht zu genießen. Die Ableitung des GDA-Wertes ist wissenschaftlich nicht logisch und muss in jedem Fall revidiert werden. Wissenschaftlich
nicht akzeptabel ist auch die Ableitung für den Bezugswert „Zucker“. In der Praxis kann diese Kennzeichnung dazu führen, dass
natürlicherweise vorkommende Zucker(arten), z. B. in Obst, Gemüse, Milch(produkten) und Getreide durch Lebensmittel mit zugesetztem Zucker
verdrängt oder ersetzt werden. Zusätzlich muss generell transparent gemacht werden, wann es sich bei Verwendung von Richtwerten als
Bezugsgröße jeweils um Ober- oder Untergrenzen handelt, weil nur so für den Verbraucher eine zuverlässige Interpretation der Werte auf der
Packung möglich ist.
Als Zielsetzung für dieses Kennzeichnungssystem nennt die CIAA eine schnelle Entschlüsselung des relativen Nährstoffgehaltes des betreffenden
Lebensmittels sowie einen möglichen Produktvergleich bzgl. der Nährwertzusammensetzung. Aufgrund unterschiedlicher Kriterien für
die Verwendung der Kennzeichnungselemente und unterschied licher Portionsgrößen in der Umsetzung ist ein rascher Vergleich zwischen den
Produkten in der Praxis nicht möglich. Der Verbraucher kann die Angaben im Sinne einer sachkundigen Kaufentscheidung nur ausreichend verstehen,
wenn grundlegende Kenntnisse über Nährstoffe/Energie und deren notwendige Zufuhr vorhanden sind. Diese Grundannahme sehen wir
jedoch bei einer Bewertung der GDA durch Verbraucher als problematisch an.
Die nationalen und europäischen wissenschaftlichen Gesellschaften veröffentlichen seit Jahren wissenschaftlich fundierte Kriterien für die
Bewertung der Qualität eines einzelnen Lebensmittels. Mit diesem Hintergrund ist die Einführung einer weiteren, wissenschaftlich nicht immer
nachvollziehbaren Variablen durch die Industrie unnötig und eher verwirrend. Unabhängig von der Einschätzung des GDA selbst bleibt die Frage
offen, inwieweit derartige freiwillige Kennzeichnungen einzelner Produkte das Kauf- und Ernährungsverhalten des Verbrauchers in günstiger
Weise verändern. Dazu gibt es bisher keine objektiven Daten. Generell sei bemerkt, dass objektive, wissenschaftlich fundierte Aussagen und
Verhaltensempfehlungen auf der Lebensmittelebene immer im Kontext der gesamten Kostform bzw. unter Berücksichtigung von Lebensmittelgruppen,
nicht für einzelne Produkte formuliert werden.
Literaturangaben
- CIAA: CIAA Comments on the Commission´s Green Paper: “Promoting healthy diets and physical activity: towards a European strategy for the prevention of overweight, obesity and chronic diseases” – COM (2005) 637 final. Brussels, 31th March 2006
- CIAA: CIAA Recommendation for a Common Nutrition Labelling Scheme. Brussels, 30.06.2006, http://www.ciaa.be/documents/press_releases/CIAA_Nut_ recommendation.pdf, Zugriff v. 03.08.07
- CIAA: Rationale for the proposed CIAA GDA reference values. http://gda.ciaa.eu/asp/about_gdas/rationale.asp, Zugriff v. 03.08.07
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Österreichische Gesellschaft für Ernährung, Schweizerische Gesellschaft für Ernährung, Schweizerische Gesellschaft für Ernährungsforschung, Schweizerische Vereinigung für Ernährung (Hrsg.): Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr, Umschau/Braus, Frankfurt am Main (2000)
- Eurodiet Reports and Proceedings, Public Health Nutrition, Vol.4 Nr. 2(A), April (2001)
- National Academy of Sciences. Dietary Reference Intakes (DRIs): Recommended Intakes for Individuals, Elements (2004)
- WHO: Diet, Nutrition and the Prevention of Chronic Diseases. Report of a Joint WHO/FAO Expert Consultation. WHO Technical Report Series Geneva (2003) 916
Weitere Quellen