DGEInfo 10/2007 - Beratungspraxis
Frage: Bestehen Risiken bei Kaffee- bzw. Koffeinkonsum während der Schwangerschaft?
Antwort: Ergebnisse von epidemiologischen Untersuchungen lassen den Schluss
zu, dass von moderatem Kaffeekonsum (pro Tag Koffein bzw. < 5–6
mg Koffein/kg KG bzw. 3 Tassen Kaffee) während der Schwangerschaft keine
negativen Wirkungen zu erwarten sind.
Koffein
Vorkommen in Lebensmitteln
Koffein ist ein Alkaloid (Methylxanthin), das in Kaffee- und Kakaobohnen,
Teeblättern und anderen Pflanzen zu finden ist. Unter den Lebensmitteln enthält
Kaffee die höchsten, aber auch die variabelsten Mengen an Koffein: Der
Koffeingehalt hängt von der Röstung sowie Art und Mischung der verwendeten
Kaffeesorten, der Partikelgröße des Kaffeepulvers, dem Verhältnis von Pulver zu
Wasser, der Brühmethode und der Brühdauer ab. Untersuchungen zum Koffeingehalt
in Kaffee ergaben durchschnittliche Werte von 30–100 mg pro 100 ml (5 und dort
zitierte Literatur).
Stoffwechsel
Koffein wird rasch im Verdauungstrakt absorbiert und kann die Plazenta frei
passieren, d. h. die Koffeinkonzentration im Blutplasma des Fetus gleicht jener
der Mutter (15). Bemerkenswert ist dabei, dass der Koffeinabbau sich während
der Schwangerschaft verlangsamt (2, 7, 19) und der Fetus noch dazu nur eine
niedrige Konzentration der Koffein abbauenden Enzyme (1) besitzt.
Wirkung/Toxizität
In der Literatur sind zahlreiche Publikationen zu finden, die Hinweise auf eine
schädliche Wirkung des Koffeins während der Schwangerschaft (z. B.
Fehlbildungen, Wachstumsretardierung, niedriges Geburtsgewicht, spontane
Fehlgeburten) geben (9). Viele der Überlegungen zu den möglichen schädlichen
Effekten resultieren aus Ergebnissen von Tierversuchen (22).
Basierend auf der Aussage des „Committee on Toxicity of Chemicals in Food,
Consumer Products and the Environment” (COT) zu Effekten des Koffeins auf die
Reproduktivität (10), gab die Food Standard Agency (FSA, Großbritannien) die
Empfehlung heraus, dass schwangere Frauen die Koffeinaufnahme auf 300 mg pro
Tag reduzieren sollen, was im Durchschnitt einer Menge von 3 Tassen Kaffee pro
Tag entspricht. Die Angabe „durchschnittliche Tasse“ bzw. im Folgenden
„durchschnittlicher Becher“ und „Portion“ ist nicht durch eine
Milliliter-Angabe definiert und berücksichtigt nicht die Variabilität des
Koffeingehalts und der individuell unterschiedlichen Portionsgrößen. Basis für
die Empfehlungen sind Koffeingehalte pro Portion („serving“), so wurde der
Koffeingehalt pro Portion gebrühtem Kaffee z. B. mit durchschnittlich 104 mg
ermittelt, pro Portion Instant-Kaffee mit durchschnittlich 54 mg (12).
Koffeingehalt in Lebensmitteln
Um die Gesamtaufnahme zu kalkulieren, müssen neben Kaffee auch andere
koffeinhaltige Lebensmittel wie Tee, Kakao und Colagetränke berücksichtigt
werden. Tabelle 1 zeigt Werte, die 300 mg Koffein äquivalent sind (11, 12).
In der Praxis ist für den Konsum koffeinhaltiger Lebensmittel natürlich nicht
nur der Koffeingehalt, sondern auch der hohe Energiegehalt von normalen
Cola-Getränken, Energy Drinks und Schokolade zu berücksichtigen.
Tab. 1: Koffeingehalt in Lebensmitteln
| Lebensmittel |
Gehalt an Koffein pro Portion |
Anzahl der Portionen, mit denen 300 mg Koffein aufgenommen werden |
| InstantKaffee |
Durchschnittliche Tasse – 75 mg oder durchschnittlicher Becher – 100 mg |
4 durchschnittliche Tassen oder 3 durchschnittliche Becher |
| gebrühter Kaffee |
durchschnittliche Tasse – 100 mg |
3 durchschnittliche Tassen |
| Tee |
durchschnittliche Tasse – 50 mg |
6 durchschnittliche Tassen |
| Normale Cola Getränke |
bis zu 40 mg |
8 Dosen |
| Energy Drink |
bis zu 80 mg |
4 Dosen |
| 50 g Schokolade |
bis zu 50 mg |
400 g Schokolade |
Epidemiologische Studien
Die einzelnen epidemiologischen Studien zu Auswirkungen von Kaffee- bzw.
Koffeinkonsum in der Schwangerschaft liefern keine einheitlichen Ergebnisse,
was eine Bewertung schwierig macht. Mögliche Gründe für die insgesamt
inkonsistenten Ergebnisse sind u. a. folgende: Eine genaue Schätzung der
Exposition Koffein über den Konsum an Kaffee ist schwierig, denn der
Koffeingehalt pro Tasse Kaffee (oder Tee) hängt von der Tassengröße sowie den
eingangs geschilderten Faktoren ab. Doch selbst, wenn ein und dieselbe Person
mehrmals an einem Tag nach derselben Methode das Getränk zubereitet, kann der
Koffeingehalt beträchtlich variieren (5, 21). Abgesehen davon werden nicht in
allen Studien alle Koffeinquellen (neben Kaffee auch Schwarzer Tee, Mate,
Cola-Getränke, Kakao, Schokolade, Medikamente) berücksichtigt. Daher ist es
möglich, dass die inkonsistenten Ergebnisse verschiedener Studien an einer
Missklassifikation der Koffeinaufnahme liegen (22). Ebenso problematisch ist
die Tatsache, dass der Konsum von Koffein häufig mit anderen – bekannten und
unbekannten – Gewohnheiten einhergeht, die störenden Einfluss auf die
Studienergebnisse haben, ohne dass diese entsprechend bei der Auswertung
berücksichtigt werden. Bekannte Confounder sind z. B. Rauchen, Alkoholkonsum
oder möglicherweise weitere Kaffeeinhaltsstoffe.
Einfluss auf das Geburtsgewicht und die Schwangerschaftsdauer
In einem systematischen Review aus dem Jahr 1998 (22) wurde festgestellt, dass
die Koffeinaufnahme das Geburtsgewicht wahrscheinlich verringert. Einen Effekt
auf die Schwangerschaftsdauer scheint es nicht zu geben. Eine gemeinsame
Auswertung der Studien war auf Grund der Heterogenität zwischen den Studien
nicht möglich, was auf die Inkonsistenz der Humanstudien zu der Frage des
Effekts von Koffein in der Schwangerschaft hindeutet.
In einer aktuellen randomisierten kontrollierten doppelblinden
Interventionsstudie wurde an 1 207 Schwangeren, die mindestens 3 Tassen Kaffee
pro Tag getrunken haben, untersucht, welchen Einfluss die Verringerung des
Kaffeekonsums in der zweiten Schwangerschaftshälfte hat. Dabei wurden keine
signifikanten Unterschiede im mittleren Geburtsgewicht oder der mittleren
Schwangerschaftsdauer zwischen Frauen mit Konsum von entkoffeiniertem Kaffee
und Frauen mit Konsum von koffeinhaltigem Kaffee gefunden. Die mittlere
Koffeinzufuhr lag in der Interventionsgruppe mit entkoffeiniertem Kaffee 182 mg
niedriger als in der anderen Gruppe. Die Autoren schlussfolgern, dass eine
moderate Verringerung der Koffeinzufuhr (in der zweiten Hälfte der
Schwangerschaft) keinen Effekt auf Geburtsgewicht und Schwangerschaftsdauer
zeigt (4). Auch die Autoren einer prospektiven Kohortenstudie mit ca. 2300
Schwangeren kommen zu dem Ergebnis, dass der mütterliche Koffeinkonsum keine
klinische Relevanz hinsichtlich des Geburtsgewichts hat, außer bei Frauen, die
über 600 mg Koffein pro Tag konsumieren. Ein Einfluss auf die
Schwangerschaftsdauer wurde nicht festgestellt (6).
Risiko für Frühgeburten
Die meisten epidemiologischen Studien geben keine Hinweise auf einen
Zusammenhang zwischen dem Konsum von Kaffee bzw. Koffein und dem Risiko für
Frühgeburten (16). n Risiko für angeborene Fehlbildungen Browne (8)
untersuchte in einem systematischen Review Studien zum Zusammenhang zwischen
mütterlicher Koffeinaufnahme und dem Risiko für angeborene Fehlbildungen und
kommt zu dem Schluss, dass die aktuelle epidemiologische Studienlage keine
Beweise für eine teratogene Wirkung des Koffeins beim Menschen liefert.
Risiko für Fehlgeburten
Signorello und McLaughin (23) geben eine Übersicht über die epidemiologischen
Daten zum Zusammenhang zwischen mütterlichem Koffeinkonsum und Fehlgeburten.
Die Ergebnisse der 15 berücksichtigten Beobachtungs-, Fall-Kontroll- und
Kohortenstudien deuten zwar in der Mehrzahl auf eine positive Beziehung hin.
Die Autoren kommen aber dennoch zu dem Fazit, dass eine Schlussfolgerung über
Koffeineffekte auf spontane Fehlgeburten nicht möglich ist. Sie begründen dies
mit Limitationen in der Methodik der Studien sowie zahlreichen anderen
Schwierigkeiten bei der Untersuchung der Fragestellung (z. B. Verzerrungen
durch die Beziehung Übelkeit/Erbrechen-Koffeinkonsum-Lebensfähigkeit des Fetus,
Recall- und Selection-Bias, Zeitpunkt der Datenerhebung, Confounding durch
Rauchen, Nicht-Erhebung des Karyotyps1, retrospektive Erhebung des
Koffeinkonsum nach dem Tod des Fetus).
Risiko für spontane Fehlgeburten und Totgeburten
In einer großen dänischen prospektiven KohorteVstudie mit 88 482 Schwangeren
wurde der Zusammenhang zwischen Kaffeekonsum und dem Risiko für fetale Tode in
der späten Schwangerschaft (spontane Fehlgeburten und Totgeburten) analysiert.
Es wurde festgestellt, dass Kaffeekonsum in der Schwangerschaft mit dem Risiko
für Fehlgeburten verbunden ist, wobei das Risiko mit steigender Kaffeemenge
zunimmt (3 % bei 0,5–3 Tassen, 33 % bei 4–7 Tassen, 60 % bei 8 Tassen pro Tag).
Ein signifikanter Zusammenhang mit Totgeburten wurde nicht festgestellt. Die
Autoren leiten die Aussage ab, dass trotz inkonsistenter Studienergebnisse
Vorsicht geboten sein sollte und begrenzen die Kaffeezufuhr auf 3 Tassen pro
Tag: Kaffee ist kein essenzielles Lebensmittel und die Einschränkung des
Kaffeekonsums auf max. 3 Tassen pro Tag in der Schwangerschaft stellt eine
leicht zu bewältigende Verhaltensänderung dar (3).
Diese Empfehlung ist mit den Ergebnissen anderer Autoren konsistent, die zu dem
Schluss kommen, dass von einem moderaten Kaffeekonsum (pro Tag <300 mg
Koffein bzw. <5–6 mg Koffein/kg Körpergewicht bzw. 3 Tassen Kaffee) während
der Schwangerschaft keine schädlichen Wirkungen zu erwarten sind (9, 14, 16,
17, 20).
Zur genauen Abschätzung der Koffeinexposition dient die Bestimmung des
Biomarkers Paraxanthin im Serum. Klebanoff et al. (17) fanden in einer
eingebetteten Fall-Kontroll-Studie bei Frauen (591 Fälle, 2 558 Kontrollen) mit
hohen Paraxanthin-Konzentrationen (über 1 845 ng/ml, äquivalent zu 6 Tassen
Kaffee pro Tag) im Vergleich zu Frauen mit niedrigeren Konzentrationen ein
signifikant erhöhtes Risiko für spontane Fehlgeburten. Niedrige
Paraxanthin-Konzentrationen bzw. ein moderater Kaffeekonsum während der
Schwangerschaft waren nicht mit einem erhöhten Risiko verbunden. Ein
Zusammenhang zwischen erhöhter Serum-Paraxanthin-Konzentration im dritten
Schwangerschaftstrimester und erhöhtem Risiko für Wachstums retardierung beim
Fetus wurde in einer weiteren Arbeit von Klebanoff et al. (18) beschrieben,
jedoch war dieser Zusammenhang nur bei gleichzeitigem Rauchen festzustellen.
Weitere Studienergebnisse sind aus einer Studie der University of Leeds zu
erwarten. Diese untersuchten Biomarker der Koffeinexposition im Zusammenhang
mit Schwangerschaftsrisiken, um Unklarheiten in der Risikoabschätzung zu
beseitigen und der o. g. Empfehlung der FSA eine robuste Basis zu geben (13).
Fazit
Koffein ist ein Alkaloid (Methylxanthin), das in Kaffee- und Kakaobohnen,
Teeblättern und anderen Pflanzen zu finden ist. Im Bereich der Lebensmittel
enthält Kaffee die höchsten Mengen an Koffein. Koffein wird rasch im
Verdauungstrakt absorbiert und kann die Plazenta frei passieren, d. h. die
Koffeinkonzentration im Blutplasma des Fetus gleicht jener der Mutter. Bei
Sichtung der Literatur ergeben sich Hinweise, dass beim Konsum hoher Dosen an
Koffein während der Schwangerschaft schädliche Wirkungen auftreten können.
Gleichzeitig zeigen Ergebnisse von epidemiologischen Untersuchungen, dass von
moderatem Kaffeekonsum (pro Tag <300 mg Koffein bzw. <5–6 mg Koffein/kg
KG bzw. 3 Tassen Kaffee) während der Schwangerschaft keine negativen Wirkungen
zu erwarten sind.
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1 Karyotyp = Bezeichnung für Anzahl und Struktur aller Chromosomen innerhalb des Zellkerns; wird z. B. in der Form 46,XX (üblicher Karyotyp Mädchen/Frau) und 46,XY (üblicher Karyotyp Junge/Mann) angegeben,
wobei die erste Zahl für die Gesamtzahl der Chromosomen steht, die beiden nach einem Komma folgenden Buchstaben geben die Art und Anzahl der Geschlechtschromosomen wieder. Abweichungen, z. B.
das zusätzliche Vorhandensein (z. B. 47,XY,+21 bei der Trisomie 21) oder das Fehlen eines Chromosoms (45,Y0, tödlich) werden ebenfalls angegeben.