DGEInfo 10/2007 - Forschung, Klinik und Praxis
Unter dem Themenschwerpunkt „Allergierisiken verringern!“ präsentiert das
Wissenschaftsmagazin des Senats der Bundesforschungsanstalten in seiner neusten
Ausgabe des Forschungsreports Beiträge zum Thema Allergien. Im Fokus: die
Verbreitung und Bekämpfung der invasiven Wildpflanze Ambrosia, deren Pollen
hoch allergen sind, sowie allergie auslösende Substanzen in Gemüse und Obst.
Im Folgenden werden ausgewählte Artikel zum Thema Allergie zusammengefasst vorgestellt.
Beifußblättrige Ambrosie
Die Beifußblättrige Ambrosie – Ambrosia artemisiifolia – stellt aufgrund ihrer
al lergenen Pollen hinsichtlich Vorkommen und Verbreitung ein Risiko für
Menschen dar (Abb. 1).
Abb. 1: Ambrosia artemisiifolia
Aktuell wird an der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft
(BBA) mit Hilfe einer interdisziplinären Arbeitsgruppe aus Pflanzenzüchtern,
Medizinern, Ökologen, Botanikern und Meterologen ein Aktionsprogramm
Eurchgeführt zur Aufklärung der Bevölkerung und um einen Beitrag zur Reduktion
der Pflanzen zu leisten.
Neben Befunden der Datenbank „Gefäßpflanzen“ des Bundesamtes für Naturschutz
deuten auch Ergebnisse des Polleninformationsdienstes auf eine Ausbreitung von
A. artemisiifolia in den letzten Jahren hin.
Aufgrund des sehr starken allergenen Potenzials resultieren entsprechende
gesundheitliche Folgen. Zu allergischen Reaktionen können bereits
Konzentrationen von weniger als 10 Pollenkörnern pro Kubikmeter Luft führen.
Für eine Sensibilisierung reichen Konzentrationen von 50 Pollen pro Kubikmeter
aus. Die Allergie kann Menschen betreffen, die normalerweise nicht auf Pollen
allergisch sind.
Die Symptome umfassen Augenjucken, Jucken der Nase, wässrigen Schnupfen und
Niesattacken. Ein Großteil der Allergiker entwickelt zusätzlich auch Asthma und
zwar doppelt so häufig wie bei anderen Pollenallergien. Häufig treten
Kreuzreaktionen auf, z. B. mit Beifuß, aber auch mit Melone und Banane. Durch
die Blühzeit von Ende Juli bis Oktober, z. T. sogar bis in den November hinein,
wird die Leidenszeit für Allergiker umetwa drei Monate verlängert.
Mit dem Ziel, der weiteren Ausbreitung entgegenzuwirken und bestehende Pflanzen
zu bekämpfen, wurde ein Aktionsplan beschlossen. Weitere Informationen zum
Aktionsprogramm Ambrosia finden Sie im Internet unter www.bba.bund.de/ambrosia.
Allergisch auf Gemüse
Alle Lebensmittel enthalten potenzielle Allergene. Kinder reagieren vor allem
allergisch auf Kuhmilch, Hühnerei, Weizen, Soja, Erdnuss oder Fisch. Allergene
aus Gemüse- und Obstarten, die Ähnlichkeit mit denen aus Pollen aufweisen,
gewinnen meist erst im Jugend- oder Erwachsenenalter an Bedeutung
(Kreuzallergien).
Der Verzehr von Gemüse kann allergische Reaktionen verursachen. Insbesondere
auf hitzebeständige Allergene reagieren viele Allergiker besonders allergisch.
Folglich ist es erforderlich, alle Lebensmittel, die Sellerie oder dessen
Verarbeitungsprodukte enthalten, zu kennzeichnen.
Ebenfalls bekannt als Auslöser allergischer Reaktionen sind Möhre, Paprika und Tomate.
Durch die Zubereitung, z. B. Erhitzen, mechanische bzw. enzymatische
Zerkleinerung, des betreffenden Lebensmittels verlieren die meisten Allergene
ihre allergenen Eigenschaften und werden somit für den Allergiker verträglich.
Eine Ausnahme bildet der Sellerie: Sellerie und dessen Erzeugnisse sind auch in
gekochtem Zustand besonders allergen.
Im Rahmen eines multidisziplinären Projektes (www.nutrigenomik.de) am
Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau (IGZ) in Großbeeren wird das Ziel
verfolgt, das allergene Potenzial von Gemüse einzuschränken. In Kooperation mit
der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie der Charité und der
Proteome Factory AG in Berlin sowie dem Max-Planck-Institut für molekulare
Pflanzenphysiologie in Potsdam soll untersucht werden,
- welche Proteine das allergene Potenzial von Gemüsepflanzen bestimmen,
- wie diese Proteine identifiziert und quantifiziert werden und
- welche Nachweis- und Vorhersage verfahren zur Bestimmung von Allergenen in
Lebensmitteln und als Alternative zum Patiententest ent - wickelt werden
können.
In der Datenbank All Farm der Universität Wien (http://www.meduni-wien.ac.at/allergenes/allfarm) sind
bislang 384 Allergene aus Pflanzen erfasst.
Allergenes Potenzial bei Obst und Gemüse
Prinzipiell können alle Gemüse- und Obstarten, die in Europa vermarktet werden,
gelegentlich Allergien verursachen. Besonders häufig treten diese bei Sellerie,
Möhre, Hülsenfrüchten, Tomate sowie Gurke bzw. anderen Kürbisgewächsen
(Cucurbitaceae) auf.
Auch Allergien gegen Knoblauch sind bekannt, treten aber wesentlich seltener
auf als bei den genannten Gemüsearten.
Allergenes Potenzial zeigt sich bei Obst vor allem bei den Arten, die zu den
Rosengewächsen (Rosaceae) gehören, wie Apfel, Kirsche oder Pfirsich, aber auch
bei der Weinrebe und zahlreichen exotischen Früchten.
Sellerie (Apium graveolens) gilt in Europa als Gemüseart, die am häufigsten
Lebensmittelallergien auslöst. Befunden zufolge geht man bei Sellerie von einer
echten Lebensmittelallergie und darüber hinaus sehr häufig von einer
Kreuzallergie mit Birken- und Beifußpollen aus. In der Datenbank des
Europäischen Laboratoriums für Molekularbiologie (EMBL) sind aktuell 5
Sellerieallergene mit ihren Proteinstrukturen und Sequenzen aufgeführt: vier
Hauptallergene (Api g 1, 2, 3, 5) und ein Minorallergen (Api g 4) mit
Molekülmassen zwischen 9 und 28 kDa.
Sehr gut untersucht und bereits sequenziert ist das Hauptallergen der Möhre,
Dau c 1 mit einer Molekülmasse von 16 kDa, sowie ein Minorallergen, Dau c 4, 14
kDa. Eine Sensibilisierung gegen Möhren manifestiert sich sehr oft als
Kreuzreaktion mit Allergien gegen weitere Pflanzen aus der Familie der
Doldengewächse (Apiaceae) wie Sellerie, Fenchel und Petersilie sowie gegen
Birken- und Beifußpollen.
Info
Als Hauptallergene werden Allergene
bezeichnet, gegen die mehr
als 50 % eines getesteten Patientenkollektivs
spezifische IgE-Antikörper
aufweisen. Die übrigen nennt man
entsprechend Minorallergene.
Als Hauptallergen von Knoblauch (Allium sativum) wird das schwefelhaltige
Diallyldisulfid angenommen. Dieses bildet sich im Knoblauch durch enzymatische
Umwandlung aus dem Inhaltsstoff Alliin nach Zerstörung der Zellstruktur.
Zu den wichtigsten Fruchtallergien zählt die Apfelallergie. Bisher
identifizierte Allergene beim Apfel (Malus domestica) sind Mal d 1, Mal d 2,
Mal d 3 und Mal d 4. Mal d 1-Allergiker können die Früchte in verarbeiteter
Form (erhitzt, mechanisch zerkleinert oder durch die Einwirkung proteolytischer
Enzyme im Verdauungstrakt) oft problemlos vertragen. Mal d 2 (31 kDa) und Mal d
3 (9 kDa) hingegen weisen eine hohe thermische und proteolytische Stabilität
auf. Demzufolge kann es sowohl beim Verzehr unverarbeiteter als auch
verarbeiteter Früchte zu Gesundheitsstörungen kommen. Mal d 4 (14 kDa) wird als
mäßig stabil eingeschätzt und ist von geringerer Bedeutung. Mehrere
wissenschaftliche Studien konnten sortenabhängige Unterschiede in der
Allergenität bestätigen.
Zu den gleichen Proteinfamilien wie die Apfelallergene gehören die vier
bekannten Allergene der Kirsche Pru av 1–4. Das Hauptallergen Pru av 1 weist
Kreuzreaktionen auf zu allergieauslösenden Proteinen von Petersilie, Kartoffel
und Soja sowie zu Mal d 1 von Apfel und Bet v 1 von Birke. Gegenüber Hitze,
enzymatischer Verdauung und enzymatischer phenolischer Oxidationen ist es sehr
sensibel. Die beiden weiteren Hauptallergene Pru av 2 und 3 sind sehr
thermostabil und resistent gegenüber enzymatischen Reaktionen.
Allergische Reaktionen gegenüber Erdbeeren (Fragaria) treten im Vergleich zu
anderen Fruchtarten der Familie Rosaceae seltener auf. Das Allergen Fra a 1
weist Kreuzreaktionen gegenüber Birken-, Apfel- und anderen Rosaceae-Allergenen
auf.
Weitere Artikel des Forschungsreports widmen sich der Fischereiforschung, geben
einen Überblick über die erfolgreiche Bekämpfung der Schweinepest bei
Wildschweinen und stellen ein innovatives Verfahren zur umweltverträglichen
Produktion von Palmöl als Energieträger und Biokraftstoff vor.
Quelle: Forschungsreport 2/2007
Weitere Informationen finden sich
unter www.forschungsreport.de.