DGEInfo 09/2006 – Beratungspraxis
Frage: Ist die Bewertung von Getränken in der
3-D-Lebensmittelpyramide auch für Kinder gültig?
Antwort: Für die Bewertung von Getränken auf der Pyramidenseite
gelten als Einstufungskriterien Energiegehalt, essenzielle
Nährstoffe, Sekundäre Pflanzenstoffe, anregende Substanzen und
Süßungsmittel. Diese Kriterien gelten auch für die Beurteilung
von Getränken für Kinder. Alkoholhaltige Getränke sind in der
3-D-Lebensmittel-Pyramide nicht aufgenommen. Sie sind ebenso wie
Getränke mit dem anregenden Stoff Coffein in der Ernährung von
Kindern tabu. Ständige Bewegung beim Spielen und Toben steigert
den Flüssigkeitsbedarf und macht durstig. Kinder trinken häufig
zu wenig, weil sie nicht daran denken oder ihr Durstempfinden
nicht so stark ausgeprägt ist. Dabei ist gerade beim Sport vor
allem in der warmen Jahreszeit eine ausreichende
Flüssigkeitszufuhr wichtig: Sie steigert die Konzentrations- und
Leistungsfähigkeit der Kinder. Bei unausgeglichenem
Flüssigkeitshaushalt fühlen sich Kinder schnell matt und müde.
Flüssigkeitsbedarf
Der menschliche Körper besteht je nach Lebensalter zu 50–70 % aus
Wasser. Kinder haben im Verhältnis zu ihrer Körpergröße einen
wesentlich größeren Flüssigkeitsbedarf als Erwachsene. Sie
benötigen daher regelmäßig über den Tag verteilt Getränke und
wasserreiche Lebensmittel wie z.B. Kaltschale mit Obst,
Suppe,wasserreiches Obst und Gemüse. Je jünger ein Kind ist,
desto sensibler reagiert es auf Flüssigkeitsdefizite. Bei Sport
und Spiel kann sich der Flüssigkeitsbedarf von Kindern besonders
an heißen Tagen verdoppeln. Untersuchungen bestätigen, dass die
geistige Leistungsfähigkeit deutlich nachlässt, wenn die
Flüssigkeitsversorgung schlecht ist. Auch bei Fieber, Durchfall
und Erbrechen benötigen Kinder viel Flüssigkeit. Wenn Kinder
weniger essen, sollten sie umso mehr trinken. Denn bei
reduzierter Nahrungsaufnahme, kleinen oder seltenen Mahlzeiten
fehlt das in der Nahrung enthaltene Wasser. Für die Auswahl
geeigneter Getränke für Kinder ist die 3-D-Lebensmittelpyramide
ei ;dbn geeignetes Hilfsmittel (Abb. 1).
Empfehlenswerte Getränke
Ideal sind energiefreie Getränke. Besonders empfehlenswert sind
zum Durstlöschen:
- Trinkwasser,
- Mineralwässer – vorzugsweise kohlensäurearm sowie
- ungesüßte Kräuter- oder Früchtetees.
Fruchtsaftschorlen erfüllen die Anforderungen an ein optimales
Sportlergetränk. Reine Fruchtsäfte enthalten natürlicherweise ca.
10 % Zucker und sollten daher zum Durstlöschen mindestens 1:1
oder 1:2 mit Wasser verdünnt werden. Die rasche
Flüssigkeitsaufnahme liefert schnell verfügbare Energie in Form
von Kohlenhydraten zur Stabilisierung der
Blutglucosekonzentration und ermöglicht einen optimalen Ausgleich
der Elektrolytverluste. Ihr Energiegehalt darf jedoch nicht
außer Acht gelassen werden. 500 ml Saftschorle, z. B. aus
Apfelsaft 1:1 verdünnt, bringen immerhin ca. 125 kcal.
Abb. 1: 3-D-Lebensmittelpyramide: Seite „Getränke“
Einstufungskriterien für Getränke auf der Pyramidenseite sind Energiegehalt, essenzielle
Nährstoffe, Sekundäre Pflanzenstoffe, anregende Substanzen und Süßungsmittel.
Getränke mit Coffein sind für Kinder ungeeignet.
Nicht empfehlenswerte Getränke
Erfrischungsgetränke
Heißgeliebte Getränke wie Limonaden, Colagetränke, Energydrinks,
Fruchtsaftgetränke und Fruchtnektare sind zum Durstlöschen bzw.
für einen schnellen Flüssigkeitsersatz nicht geeignet. Sie
liefern Energie und aufgrund des relativ hohen Zuckeranteils
erfolgt die Aufnahme des Wasseranteils langsamer. Ein Glas (0,2
l) Limonade oder Cola-Getränk enthält beispielsweise 21 g
Gesamtzucker bzw. verschiedene Zuckerarten und eine Dose Limonade
oder Colagetränk (0,33 l) 34 g Gesamtzucker bzw. verschiedene
Zuckerarten.
Bei der Gesamtenergiezufuhr können Getränke eine erhebliche Rolle
spielen. Die Ergebnisse einiger Untersuchungen deuten daraufhin,
dass die Assoziation zwischen dem Konsum von Getränken mit
(zugesetzten) Zuckerarten und Gewichtszunahme sowie die Inzidenz
von Diabetes mellitus Typ 2 möglicherweise zurückzuführen ist auf
eine exzessive Energieaufnahme über Getränke mit (zugesetzten)
Zuckerarten sowie die erhöhte Verfügbarkeit großer Mengen an
schnell resorbierbaren Zuckerarten. Die Verbindung aus Zucker
und Fruchtsäuren kann die Zähne von Kindern gefährden. Ursächlich
ist dabei die Art der Aufnahme der Getränke. Besonderes Risiko
für die Zähne ist das Trinken aus Ventilflaschen
(„Rennfahrerflasche“) und anderen Nuckelflaschen. Die permanente
Säureumspülung der Zähne kann schon nach wenigen Monaten zu
Schmelzerosionen an den oberen Schneidezähnen führen. Dieser
Verlust der Zahnhartsubstanz ist gekennzeichnet durch eine
bräunlichgraue Einfärbung und sichtbarem Kleinerwerden der
Zahnkronen.
Willershausen et al. stellten fest, dass häufiger und
regelmäßiger Genuss säurehaltiger Getränke wie Softdrinks und
anderer fruchtsafthaltiger Getränke nachweislich zu
schwerwiegenden Schmelzerosionen an den Zähnen, v. a.
Milchzähnen, führen kann.
Kaffee und Tee
Auf Bohnenkaffee, schwarzen und grünen Tee sowie Colagetränke und
Energydrinks sollte in der Kinderernährung gänzlich verzichtet
werden. Grund ist der Gehalt an Coffein. Kinder, Jugendliche und
sensible Erwachsene können auf hohe Dosen von Coffein mit Unruhe,
Schwindel, Herz- und Pulsrasen, Erbrechen sowie Schlafstörungen
reagieren. Anders als häufig geglaubt, enthält auch Grüntee
Coffein – je nach Zubereitung 40–100 mg (Becher 250 ml). Das
entspricht der halben Menge einer Tasse Kaffee (Tab. 1) und ist
daher als Getränk für Kinder ungeeignet.
Dagegen ist gegen Rooibos- (Rotbusch-) Tee nichts einzuwenden, er
ist coffeinfrei. Industriell hergestellter Eistee enthält meist
Schwarzteeextrakt. Sein Coffeingehalt ist entsprechend ungefähr
so hoch wie der von Colagetränken und somit für Kinder
ungeeignet. Hingegen ist Eistee auf Früchtetee-Basis hinsichtlich
des Coffeingehaltes akzeptabel, er ist coffeinfrei.
Bier
Bier generell und ebenso Biermischgetränke, die zu den
Trendgetränken zählen, sind aufgrund des Alkoholgehaltes für
Kinder nicht geeignet. Die als Kinderbiere angebotenen Getränke
Malzbier und Malztrunk (Malzbier mit Zucker) enthalten zwar
Restalkohol, dies aber in ganz geringen Mengen. Diese entsprechen
ungefähr dem natürlichen Alkoholgehalt von Obstsaft, welcher bei
üblichen Trinkmengen als physiologisch unbedeutend angesehen
werden kann. Zum Durstlöschen ist das Malzgetränk nicht
empfehlenswert, weil der Energiegehalt mit 140 kcal/250 ml
relativ hoch ist. Gegen Malzbier spricht auch der pädagogische
Aspekt, dass Kinder nicht an das Biertrinken gewöhnt werden
sollen. Weitere „Getränke“
Milch und Molke
Milch dient vorrangig nicht der Zufuhr von Flüssigkeit und ist
deshalb kein Getränk. Vielmehr ist Milch Lieferant essenzieller
Nährstoffe und wird in der 3-D-Lebensmittelpyramide der Seite
„Tierische Lebensmittel“ zugeordnet. Molke dagegen kann aufgrund
ihres relativ geringen Anteils an energieliefernden Nährstoffen
zu den Getränken gerechnet werden. Molke wird bei der
Käseherstellung gewonnen. In 100 ml sind 50 mg Fett, 750 mg
Protein und 4,8 g Milchzucker enthalten. Sie liefert je 100 ml
ca. 25 kcal. Der Calciumgehalt beträgt 60 mg/100 g. Wird Molke
gemischt mit anderen Getränken, zählt der Pluspunkt „wenig
Energie“ meist nicht mehr. Molke mit Kakao oder Schokolade
enthält ca. 100 kcal/100 ml, Molke mit Vanille Nuss ca. 80
kcal/100 ml und Molke mit Fruchtzubereitung ca. 65 kcal/100 ml.
Tab. 1: Coffeingehalt ausgewählter Getränke
| Lebensmittel |
Coffeingehalt [mg] |
1 Tasse 80 (125 ml) Kaffee |
80 |
1 Tasse (125 ml) schwarzer/ grüner Tee |
20–50 |
0,33 l-Dose Cola-Getränk |
40 |
| Quelle: Institut Fresenius, 2006 |
Obst- und Gemüsesäfte
Eine Portion Saft kann eine Portion Obst bzw. Gemüse ersetzen. Da
Obst- und Gemüsesäfte pur wertgebende Inhaltsstoffe von Obst und
Gemüse liefern, sind sie auf der Seite „Pflanzliche Lebensmittel“
im Segment Obst bzw. Gemüse einzuordnen. Obst- und Gemüsesäfte
als Schorle werden auf der Getränkeseite einsortiert, weil
aufgrund der Verdünnung mit Wasser die Flüssigkeitszufuhr im
Vordergrund steht. Auch hier ist die Energiezufuhr nicht außer
Acht zu lassen.
Tipps für die Praxis
Da die Grundlagen für spätere Lebensmittelvorlieben und
-abneigungen bereits im Kindesalter gelegt werden, ist eine
frühkindliche Ernährungserziehung entscheidend. Auch die
Vorbildfunktion von Eltern sollte unbedingt beachtet werden.
Wie gelingt es, Kinder von energiereichen Getränken auf
energiearme oder energiefreie Getränke umzustellen?
Empfehlenswert ist es beispielsweise, Säfte oder Limonaden immer
weiter zu verdünnen.
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt täglich
reichlich zu trinken. Zur Orientierung sind in Tabelle 2
Richtwerte für Getränkemengen differenziert nach Alter
aufgelistet.
Tab. 2: Richtwerte für die Zufuhr von Wasser durch Getränke in ml pro Tag
| Alter |
Getränke |
| 1 bis unter 4 Jahre |
820 |
| 4 bis unter 7 Jahre |
940 |
| 7 bis unter 10 Jahre |
970 |
| 10 bis unter 13 Jahre |
1170 |
| 13 bis unter 15 Jahre |
1330 |
| 15 bis unter 19 Jahre |
1530 |
| Quelle: D-A-CH-Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr, 2000>
|
Tatsächlich liegt der Getränkekonsum der meisten Kinder jedoch
deutlich unterhalb der Richtwerte. Daher sollten Kinder zu jeder
Mahlzeit und zwischendurch ein Getränk erhalten. Für die
Getränkeauswahl gelten die zuvor genannten Ausführungen. Dies
betrifft auch die Verpflegung in der Schule. Optimales
Trinkverhalten ist zudem trainierbar. Empfehlenswert ist es, ...
zu allen Mahlzeiten (einschl. Schulfrühstück) sowie zwischendurch
möglichst energiefreie Getränke einzunehmen, auf eine
ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu achten, insbesondere während
körperlicher Beanspruchung, bei Spiel und Sport Kinder zusätzlich
zum Trinken zu animieren, während des (Sport-)Unterrichts zu
trinken, z. B. aus einer von zu Hause mitgegebenen
Getränkeflasche.
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