Promotor und Schrittmacher des Metabolischen Syndroms
DGEinfo 03/2007 - Forschung Klinik und Praxis
Die viszerale Adipositas steht im engen Zusammenhang mit dem Risiko für Typ-2-Diabetes sowie
anderen Aspekten des Metabolischen Syndroms. Dabei ist die bestehende Insulinresistenz von
grundlegender Bedeutung.
Durch vergrößerte viszerale Fettdepots kommt es zu einer vermehrten
Freisetzung proinflammatorischer Proteine, die verschiedene Komplikationen begünstigen. Angesichts
des hohen Gesamtrisikos sollte eine viszerale Adipositas frühzeitig und intensiv behandelt werden.
Bereits eine Gewichtsreduktion von 5 bis 10 kg kann eine deutliche Besserung der Insulinresistenz
und Risikosenkung metabolischer und kardiovaskulärer Komplikationen bewirken.
Fettverteilungsmuster und Gesundheitsrisiko
Das Fettverteilungsmuster stellt eine entscheidende Determinante für das Gesundheitsrisiko bei
Übergewicht bzw.Adipositas dar. Bereits bekannt ist, dass metabolische und kardiovaskuläre
Komplikationen eng assoziiert sind mit einer Vergrößerung des viszeralen Fettdepots bzw. der
androiden Adipositasform, während eine gynoide Fettverteilung vor diesen
Komplikationen schützt.
Zur Erfassung des Fettverteilungsmusters mit einem einfachen anthropometrischen Index wurde
lange die so genannte „Waist/Hip-Ratio“ (WHR = Taille/Hüft-Quotient) verwendet. Seit
einigen Jahren wird aber der alleinige Taillenumfang als Maß der viszeralen Adipositas eingesetzt.
Tabelle 1 zeigt die Grenzwerte des Taillenumfangs für ein erhöhtes metabolisches und
kardiovaskuläres Risiko beim Menschen. Dabei stellt der Taillenumfang als Summe des subkutanen und
viszeralen Fettgewebes lediglich ein indirektes Maß der intraabdominellen Fettdepots dar.
Tab. 1: Grenzwerte des Taillenumfangs für ein erhöhtes metabolisches und kardiovaskuläres Risiko beim Menschen
| Taillenumfang |
erhöhtes Risiko |
deutlich erhöhtes Risiko |
| Männer |
>94 cm |
>102 cm |
| Frauen |
>80 cm |
>88 cm |
Erwartungsgemäß korrelieren Taillenumfang und BMI positiv miteinander. Aus einem erhöhten BMI
resultiert auch ein erhöhter Taillenumfang und umgekehrt. Im BMI-Bereich von Übergewicht und
Adipositas Grad 1 (BMI: > 25 = 35 kg/m2) liegt die größte klinische Bedeutung des
Taillenumfangs.Ab Adipositas Grad 2 (BMI >35 kg/m2) erhöht sich das
Gesundheitsrisiko in jedem Fall, und wird kaum noch vom Fettverteilungsmuster modifiziert. Das
Fettgewebe des Menschen verteilt sich auf unterschiedliche Körperregionen mit
geschlechtsspezifischen und individuellen Unterschieden. Genetische Faktoren nehmen dabei starken
Einfluss auf das Fettverteilungsmuster. In der Regel weisen Männer ein eher stammbetontes
(androides), Frauen hingegen ein eher hüftbetontes (gynoides) Fettverteilungsmuster auf. Aber es
gibt Ausnahmen.
20 % der Frauen haben ebenfalls ein stammbetontes Fettverteilungsmuster mit entsprechend
erhöhter Wahrscheinlichkeit für eine viszerale Adipositasform. In der INTERHEART-Studie konnte
eine enge Korrelation zwischen Taille/Hüft-Quotient und der kardiovasulären Mortalität
herausgestellt werden, während sich kein Zusammenhang zeigte zwischen BMI und Mortalität.
Insulinresistenz
Vergrößerte viszerale Fettdepots gehen einher mit einer Insulinresistenz, die sowohl die
Glucoseverwertung in der Muskulatur als auch die Insulinwirkung auf den Lipidstoffwechsel
betrifft. Es kommt dabei zu einer gesteigerten Lipolyse und einem gestörten Abbau
triglyceridreicher Partikel. Folge: Hypertriglyceridämie und erniedrigter HDL-Cholesterol-Spiegel.
In neueren Untersuchungen wurde gehäuft eine Fettleber- Hepatitis (NASH) beobachtet als hepatische
Manifestation des metabolischen Syndroms.
Es zeichnet sich immer deutlicher ab, welche Faktoren unmittelbar für diese
Stoffwechselstörungen verantwortlich sind:
- einerseits eine gesteigerte Lipolyse aus den vergrößerten viszeralen Fettdepots und
- andererseits eine gesteigerte Sekretion von Zytokinen und anderen Produkten aus dem viszeralen
Fettgewebe.
Viszerales und subkutanes Fettgewebe
Die wichtigsten Unterschiede zwischen viszeralen und subkutanen Fettdepots sind in Tabelle 2
zusammengefasst. Anhand der unterschiedlichen Eigenschaften der Fettgewebedepots im Allgemeinen
sowie bzgl. Stoffwechsel und sekretorischer Funktion lässt sich ableiten, weshalb vergrößerte
viszerale Fettspeicher Stoffwechselstörungen begünstigen. Dabei spielt das Sekretionsmuster der
viszeralen Fettzellen eine besondere Rolle.
Tab. 2: Unterschiede zwischen viszeralem und subkutanem Fettgewebe
| |
Viszerales Fettgewebe |
Subkutanes Fettgewebe |
| Allgemein |
| Fettzellgröße |
klein |
groß |
| Innervierung |
dicht |
weniger dicht |
| Vaskularisierung |
dicht |
weniger dicht |
| Makrophageninfiltration |
ausgeprägt |
Wenige |
| Stoffwechsel |
| Basale Lipolyse |
+ |
+ |
| Katecholamin-induzierte Lipolyse |
++ |
+ |
| Sekretorische Funktion |
| Leptin |
+ |
++ |
| IL-6 |
++ |
+ |
| IL-8 |
++ |
+ |
| Angiotensin II |
++ |
+ |
| PAI-1 |
++ |
+ |
| Adiponektin |
+ |
++ |
Quelle: Hauner, H: Die viszerale Adipositas. Dreh- und Angelpunkt des metabolischen Syndroms. Cardiovasc 2006; 6 (3): 32-34
Die veränderte Sekretion von „Adipokinen“ aus dem viszeralen Fettgewebe scheint die
Adipositas-assoziierte Insulinresistenz zu begünstigen. Dabei werden die Adipokine nicht nur aus
den vergrößerten Fettzellen freigesetzt, sondern auch von spezifischen Fettzellvorläuferzellen und
eingewanderten Makrophagen. Diese wiederum tragen dort zur Sekretion von Entzündungsproteinen bei.
Demnach ist nicht nur die Insulinresistenz auf die gestörte Adipokinsekretion zurückzuführen,
sondern auch die chronische Inflammation bei Adipositas (Abb. 1).
Abb. 1: Intra-abdominale Adipositas und Pathophysiologie des Typ-2-Diabetes
Therapie
Grundsätzlich reagiert das viszerale Fettgewebe empfindlicher auf Veränderungen in der Ernährung
als die subkutanen Fettgeweberegionen. Die Energiereserven in den viszeralen Fettdepots werden bei
Gewichtsreduktion durch diätetische oder andere Maßnahmen intensiver mobilisiert und genutzt als
in den anderen Fettgewebsdepots.
Durch die selektive Reaktion des viszeralen Fettgewebes erfolgt entsprechend eine deutliche,
klinisch relevante Besserung begleitender Risikofaktoren. Vermehrte körperliche Aktivität bewirkt
ebenfalls, dass bevorzugt viszerale Fettzellen als Energiereserve genutzt werden. Darüber hinaus
führt die Gewichtsabnahme auch zu einem Rückgang der subkutanen chronischen Entzündung. Eine
Gewichtsreduktion von 10 kg senkt die Serumkonzentration des C-reaktiven Proteins (CRP) um bis zu
30 %. Gleichzeitig kommt es zu einer Abnahme von IL-6, IL-8, TNF α und Plasminogenaktivator-
Inhibitor-1 (PAI-1) sowie zu einer signifikanten Zunahme des Fettzellhormons Adiponektin, welches
nachweislich gefäßprotektiv sowie antidiabetisch wirkt.
Quelle: Hauner, H: Die viszerale Adipositas. Dreh- und Angelpunkt des metabolischen
Syndroms. Cardiovasc 2006; 6 (3): 32–34