Typ-2-Diabetes und Körpergewicht
DGEinfo 02/2007 - Forschung, Klinik und Praxis
Bei der Genese des Typ-2-Diabetes wird auch der übermäßige Verzehr von Zucker (Mono- und
Disacchariden) immer wieder als Risikofaktor in Erwägung gezogen. Diskutiert werden dabei eine
direkte Wirkung der Mono- und Disaccharide auf die Diabetesentwicklung, aber auch ein indirekter
Effekt durch Förderung von Übergewicht/Adipositas. Eine bedeutende Rolle wird in diesem
Zusammenhang für zuckergesüßte Getränke vermutet.
Die Zahl der Menschen mit Typ-2-Diabetes mellitus steigt hierzulande um jährlich 5% und liegt
inzwischen deutlich über 5 Millionen (22). Hauptursache dafür ist der ungünstige westliche
Lebensstil mit unausgewogener Ernährung und Bewegungsmangel, der die Entwicklung von Übergewicht
und Adipositas fördert.
Diabetesrisiko und Gewichtsverlauf
Aktuelle Daten zum Diabetesrisiko und Gewichtsverlauf liefert eine kürzlich publizierte
Auswertung der EPIC–Kohorte in der Region Potsdam. Schienkiewitz et al. hatten 7
720 Männer und 10 371 Frauen über einen Zeitraum von 7 Jahren beobachtet und dabei den
Zusammenhang zwischen Gewichtsverlauf und Diabetesrisiko untersucht. Die wichtigsten Ergebnisse
waren:
Eine starke Gewichtszunahme im frühen Erwachsenenalter (zwischen 25–40 Jahren) korrelierte
sowohl bei Männern als auch bei Frauen stärker mit dem Risiko für Typ-2-Diabetes als eine starke
Gewichtszunahme im späteren Lebensalter (zwischen 40–55 Jahren) bei stabilem BMI in jüngeren
Jahren. Für Männer war dabei das Risiko, an einem Typ-2-Diabetes zu erkranken, 1,5-mal, für Frauen
sogar 4,3-mal höher.
Wer in jüngeren Jahren Gewicht zunahm, erkrankte durchschnittlich 5 Jahre (Männer) bzw. 3 Jahre
(Frauen) früher an einem Typ-2-Diabetes (Zeitpunkt der Diagnosestellung) als die Vergleichsgruppe,
die im Alter zwischen 40–55 Jahren an Gewicht zunahm. Eine Gewichtszunahme im jüngeren Lebensalter
wurde als wichtiger Prädiktor für das Auftreten eines Typ-2-Diabetes identifiziert, wobei die
Latenzzeit bei ca. 2 Jahrzehnten (15–23 Jahre) lag.
Mögliche Zusammenhänge
Ein Grund für das erhöhte Diabetes-risiko bei einer Gewichtszunahme in jüngeren Jahren dürfte
die längere Belastung des Organismus und seines Stoffwechsels mit einer großen Körperfettmasse
sein. Je länger ein Übergewicht bzw. eine Adipositas besteht, desto größer scheint das Risiko für
die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes zu sein – auch unabhängig vom gegenwärtigen BMI. Dieser
Zusammenhang konnte schon in älteren Untersuchun-gen gezeigt werden (11, 20, 41).
Das auffällig höhere Risiko bei den Frauen führten Schienkiewitz et al. darauf zurück, dass in
der Altersgruppe der 25- bis 40-Jährigen Schwangerschaften gehäuft auftreten. Die
Schwangerschaft ist wahrscheinlich via Entwicklung einer Insulinresistenz durch die
Schwangerschaftshormone als Promotor für die Entstehung eines Typ-2-Diabetes anzusehen, sofern
eine entsprechende genetische Veranlagung besteht (7). In prospektiven Studien konnte außerdem pro
Schwangerschaft ein durchschnittlicher bleibender Gewichtszuwachs von 3–5 kg beobachtet werden.
Älteren Studien zufolge ist der mittlere BMI bei früher Diabetesmanifestation höher als bei
später. So beschreiben Hilier et al. eine inverse Korrelation zwischen Ausprägung des Übergewichts
und dem Alter bei Diagnosestellung des Typ-2-Diabetes: in der jüngsten Altersgruppe betrug der
Durchschnitts-BMI 38,3, in der ältesten 28,8 (24). In der aktuellen Auswertung der EPIC-Kohorte
Potsdam fand sich allerdings kein derartiger Zusammenhang (44).
Die Befunde dieser Studie lassen zusammen mit anderen Daten folgende Schlussfolgerungen zu, die
auch in der evidenzbasierten Leitlinie zur Prävention und Behandlung der Adipositas niedergelegt
sind:
- Zur Prävention des Typ-2-Diabetes ist im Erwachsenenalter eine größere Gewichtszunahme von über
3 kg zu vermeiden.
- Während des gesamten Erwachsenenalters sollte ein stabiles normales Körpergewicht angestrebt
werden. Dies gilt im Besonderen bereits für junge Menschen.
- Aufklärung und Beratung vor allem für genetisch vorbelastete Personen sind wünschenswert.
Dem im Volksmund oft zitierten Spruch „Wer erwachsen ist, darf auch Gewicht
zulegen“, wird damit klar widersprochen.
Zuckerkonsum und Diabetesentstehung
Bei der Genese des Typ-2-Diabetes wird auch der übermäßige Verzehr von Zucker (Mono- und
Disacchariden) immer wieder als Risikofaktor diskutiert. Möglich erscheinen dabei eine direkte
Wirkung der Mono- und Disaccharide auf die Diabetesentwicklung, aber auch ein indirekter Effekt
durch Förderung von Übergewicht/Adipositas.
Direkte Wirkung
Die Datenlage spricht eher gegen die Vermutung eines direkten Einflusses. Eine Vielzahl von
Studien konnte keinen Hinweis finden, dass der Saccharosegehalt in der Kost das Diabetesrisiko
beeinflusst (21). Beispielsweise war in der holländischen Zutphen-Studie an Männern im mittleren
Lebensalter ein hoher Verzehr von Mono- und Disacchariden mit einem erniedrigten Auftreten einer
gestörten Glucosetoleranz als Vorstufe eines Typ-2-Diabetes assoziiert (12). Im Gegensatz steht
bisher lediglich eine neuere Studie von Schulze et al. (2004). Es handelt sich um eine neue
Auswertung von Daten der Nurses’ Health-Studie, in der bei Erwachsenen eine Erhöhung des
Typ-2-Diabetes-Risikos durch Getränke mit zugesetzten Zuckern (sugar-sweetened beverages =
SSB) gefunden wurde. Frauen mit einem Konsum von wenigstens einer Dose SSB pro Tag hatten
ein um 83 % höheres Risiko, im 8-jährigen Beobachtungszeitraum einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln,
als Frauen mit einem Konsum von weniger als einer Dose pro Monat (45). Die Autoren berichteten
außerdem, dass lediglich der Konsum von SSB, nicht aber der von natürlichen Fruchtsäften ohne
Zuckerzusatz das Diabetesrisiko steigert.
Indirekter Effekt
In den letzten Jahren wurden neue Studien publiziert, die für den indirekten Effekt von Zucker,
also die Entwicklung von Übergewicht durch Zucker mit nachfolgender Erhöhung des Diabetesrisikos
sprechen. Auch hier könnte ein hoher Konsum von SSB eine Schlüsselrolle spielen. In einer kürzlich
erschienenen Übersicht haben Malik et al. alle Studien zu dieser Fragestellung systematisch
ausgewertet. Daneben wurde auch eine direkte Wirkung von SSB auf die Entstehung eines
Typ-2-Diabetes berücksichtigt (31).
Die meisten ausgewerteten Studien wurden in Nordamerika durchgeführt.
Die Autoren identifizierten und bewerteten 15 Querschnittsuntersuchungen (13 bei Kindern
und/oder Jugendlichen, 2 bei Erwachsenen), 10 prospektive Studien und 5 Interventionsstudien.
Dabei ergab die Auswertung der großen Querschnittsstudien und prospektiven Kohortenstudien eine
positive Korrelation zwischen erhöhtem SSB-Konsum und Gewichtszunahme bzw. Übergewicht/Adipositas
bei Kindern und Erwachsenen. So fand sich beispielsweise in den größten Querschnittsstudien –
GUT-Studie an über 16 000 Kindern und NHANES III an über 10 000 Kindern und Jugendlichen – eine
signifikante positive Beziehung zwischen Zuckerkonsum und Übergewicht (4, 49).Weitere 5 Studien
zeigten ebenfalls eine signifikante (28, 2, 16, 18, 34), 4 weitere eine nicht signifikante
Assoziation (13, 14, 40, 15). Nur 3 Untersuchungen fanden keinerlei Beziehung (1, 3, 17) und eine
Studie ergab inkonsistente Ergebnisse (35).
Vier von insgesamt 6 prospektiven Studien bei Kindern und Jugendlichen konnten eine positive
Korrelation zwischen SSB und Gewicht eindeutig belegen (4, 30, 36, 50), darunter auch die größte
Kohortenstudie an über 11 000 Kindern von Berkey et al. (2004). Eine signifikante Assoziation fand
auch die größte prospektive Untersuchung bei Erwachsenen mit über 90 000 Teilnehmerinnen (45).
Andere prospektive Untersuchungen ergaben bei Kindern (6, 32) und Erwachsenen (15, 27, 5) eine
nichtsignifikante positive Korrelation.
Daneben existieren einige wenige Interventionsstudien, in denen meist der Effekt von SSB und
süßstoffgesüßten Getränken verglichen wurde. Die 3 an Erwachsenen durchgeführten
Interventionsstudien (8, 39, 48) zeigten eine positive Korrelation zwischen Konsum von
SSB-Getränken und Gewichtszunahme.
Eine Interventionsstudie bei amerikanischen Schülern mit dem Ziel, den Konsum von SSB zu
reduzieren, fand nach 1 Jahr in der Interventionsgruppe einen signifikant geringeren Anstieg der
Prävalenz von Übergewicht/Adipositas im Vergleich zu einer Kontrollgruppe ohne Intervention (9).
Die bisher größte Interventionsstudie an über 600 Kindern zeigte ebenfalls eine signifikant
größere Prävalenz von Übergewicht/Adipositas bei den Schülern, deren SSB-Konsum unverändert war,
verglichen mit der Gruppe, die den SSB-Konsum durch ein schulisches Erziehungsprogramm etwas
reduziert hatte (25).
Glykämischer Index
Natürlicher Zucker in Fruchtsäften scheint sich anders zu verhalten als Zuckerzusatz in
Getränken (46). Bekannt ist, dass der glykämische Index (GI) von Fruchtsäften niedriger ist als
der von SSB. Der Hauptgrund für diesen Zusammenhang dürfte sein, dass SSB trotz ihres hohen
Energiegehalts nur eine schwache Sättigungswirkung haben und damit eine Gewichtszunahme und
nachfolgend eine Diabetesentwicklung fördern. Hinzu kommt, dass der Konsum eines SSB einen hohen
Blutzucker- und Insulinanstieg verursacht und damit die Betazellen „stresst“. Diese
Vermutung wird durch die Beobachtung gestützt, dass eine Kost mit hohem GI das Risiko für die
Entwicklung eines Typ-2-Diabetes erhöht (42, 43, 46). Allerdings gibt es auch prospektive
Kohortenstudien, die einen solchen Zusammenhang nicht gefunden haben (23).
Proinflammation
Ein interessanter Aspekt ist, dass ein hoher Saccharosekonsum möglicherweise auch über die
Induktion einer proinflammatorischen Antwort das Diabetesrisiko erhöhen könnte.
So zeigen neuere Studien, dass mit Saccharose gesüßte Nahrung im Plasma zu einer signifikanten
Erhöhung von Haptoglobin, Transferrin und möglicherweise auch von C-reaktivem Protein und
Interleukin-6 führt (29, 47). Andere Studien wiederum weisen darauf hin, dass erhöhte
Serumkonzentrationen solcher Entzündungsproteine mit einem erhöhten Diabetesrisiko einhergehen
(38). Diese Hypothese bedarf aber noch weiterer Überprüfung bzw. Absicherung.
Hoher Fructosekonsum
Der übliche Zuckerzusatz zu SSB in den USA ist der fructosereiche Maissirup (High Fructose Corn
Syrup = HFCS), bestehend aus ca. 45 % Glucose und 55 % Fructose. In Europa wird dagegen vorwiegend
Saccharose zugesetzt, welche die gleichen Monosaccharide im Verhältnis 50:50 enthält, so dass kein
großer Unterschied zu HFCS besteht. Kürzlich wurde mehrfach berichtet, dass ein hoher
Fructosekonsum per se eine hohe lipogene Potenz besitzt und das Risiko für eine
Gewichtszunahme fördern soll. Eine im Jahr 2005 publizierte Untersuchung an Mäusen ergab, dass
fructosegesüßte Getränke eine stärkere adipogene Wirkung zeigen als saccharose-
oder süßstoffgesüßte (26). Fructose wird in der Leber anders verstoffwechselt als Glucose.
Fructose wird dort, ohne der Feedback-Hemmung durch die Phosphofructokinase zu unterliegen, zu
Glycerin- 3-Phosphat und Acetyl-CoA umgewandelt und kann damit unmittelbar als Substrat für die
Lipidsynthese genutzt werden (10). Ob die Art des Zuckers tatsächlich einen wesentlichen Effekt
auf das Gewichtsverhalten hat, bedarf der weiteren Abklärung.
Resümee
In den älteren Studien wurde kein Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum und Diabetesrisiko gesehen.
Allerdings ist die Aussagekraft dieser Studien aufgrund methodischer Limitationen und kleiner
Zahlen eher eingeschränkt. Inzwischen zeichnet sich ein differenzierteres Bild ab. Danach scheint
ein mäßiger Verzehr von Saccharose in festen Lebensmitteln und Speisen keine nachweisbare
ungünstige Wirkung auf den Kohlenhydrat- oder Fettstoffwechsel zu haben und damit das
Diabetesrisiko nicht zu erhöhen.
Neuere epidemiologische und experimentelle Studienergebnisse zeigen aber immer deutlicher, dass
vor allem ein erhöhter Konsum zuckergesüßter Getränke mit einer Gewichtszunahme bzw. Adipositas
verbunden ist. Über die Auslösung einer Adipositas kann es in der Folge auch zu einem Anstieg des
Diabetesrisikos kommen, vor allem bei den Personen mit erhöhtem genetischem Risiko – immerhin ein
knappes Drittel der Bevölkerung. Inwieweit der vermehrte Konsum von zuckergesüßten Getränken auch
per se das Diabetesrisiko erhöht, ist derzeit noch eine offene Frage, auch wenn eine große
Kohortenstudie dafür einen ersten Anhaltspunkt liefert.
Vor dem Hintergrund der Adipositasepidemie auch in Deutschland sollte vor allem der Zuckerkonsum
in Form von Getränken aus den dargestellten Gründen eingeschränkt werden. Diese einfache
präventive Maßnahme hat sich bei Kindern und Jugendlichen bereits als wirksam erwiesen. Der
Zuckerkonsum in Form von Getränken ist bei Erwachsenen zwar deutlich niedriger, er kann dennoch
auch bei dieser Personengruppe zu einer ungünstigen Energiebilanz beitragen und daher sollte der
Konsum von zuckergesüßten Getränken bei Erwachsenen ebenfalls eingeschränkt werden.
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