DGEinfo 04/2006 – Stichwort
Definition
Ghrelin ist ein gastrointestinales Hormon, das unter anderem an der Steuerung von Hunger- und
Sättigungsgefühlen beteiligt ist. Ghrelin wurde erstmals 1999 als Ligand für den
Wachstumshormon-Sekretagoga-Rezeptor (Growth hormone secretagogue receptor, GHS-R) isoliert.
Dieser Rezeptor kommt sowohl in der Hypophyse vor, wo das Wachstumshormon sezerniert wird, als
auch in Hypothalamus, Herz und Fettgewebe.
Abb.1: Das Peptid Ghrelin
Quelle: Hosoda et al.: Ghrelin and the
Regulation of Food Intake and Energy Balance.
Molecular Interventions, Vol. 2 (8)
Dezember 2002
Struktur
Das Signalmolekül Ghrelin ist ein Peptid aus 28 Aminosäuren mit einer Seitenkette, die von einem
Oktansäurerest gebildet wird (Abb.1). Es wird hauptsächlich in Epithelzellen des Magenfundus synthetisiert.
In anderen Geweben wie Darm, Pankreas oder Nieren konnte die Synthese in geringeren
Mengen nachgewiesen werden. Für viele biologische Wirkungen und auch für die Überwindung der
Blut-Hirn-Schranke scheint der Oktansäurerest essenziell zu sein.
Wirkungen
Über die Blutbahn kann Ghrelin zur Hypophyse gelangen. Dort stimuliert es durch die Bindung an GHSR
die Sekretion von Wachstumshormonen. Unabhängig davon hat Ghrelin weitere Funktionen: Ghrelin
nimmt unter anderem Einfluss auf:
- das kardiovaskuläre System,
- den Schlaf und das Verhalten,
- die Zellproliferation und
- führt zu einem Anstieg der Kortisol- und ACTH-(Adrenocorticotropes Hormon)Konzentration im Serum.
Die Stimulation der Nahrungsaufnahme durch Ghrelin ist Thema vieler klinischer Studien. Die
orexigene (appetitanregende) Wirkung scheint durch das Neuropeptid Y und das Agouti-related
Protein vermittelt zu werden, deren Bildung durch Ghrelin stimuliert wird. Beide Stoffe wirken
stark appetitanregend.
Der Ghrelinspiegel steigt vor der Nahrungsaufnahme an und signalisiert Hunger oder eine negative
Energiebilanz. Nach der Aufnahme von Nahrung sinkt der Ghrelinspiegel wieder ab.
Aufgrund folgender Effekte wird ein Feedback-Mechanismus zur Regulation des Körpergewichts
diskutiert. Ein hoher Body Mass Index und ein hoher prozentualer Körperfettanteil sind mit einem
niedrigen Plasma-Ghrelinspiegel assoziiert. Auch Plasma-Insulin-, Leptin- und Glucosespiegel sind
negativ mit dem Plasma-Ghrelinspiegel korreliert.
Einflussfaktoren
Erhöhte Plasma-Ghrelinspiegel werden beobachtet in Situationen von negativer Energiebilanz,
z. B. bei Patienten mit Anorexia nervosa, Kachexie oder in Hungerzuständen. Auch bei dem
durch fehlendes Sättigungsgefühl charakterisierten Prader-Willi-Syndrom treten teilweise
bis zu 4,5fach erhöhte Ghrelinwerte auf.
Erniedrigte Plasma-Ghrelinspiegel zeigen sich bei einer positiven Energiebilanz wie bei
Nahrungsaufnahme, Hyperglykämie,Adipositas. Es wurde beobachtet, dass bei Adipösen der
Ghrelinspiegel nach Nahrungsaufnahme nicht absinkt, wodurch sich möglicherweise kein
Sättigungsgefühl einstellt. Reversibel ist dieser Effekt durch eine Gewichtsabnahme.
Die Zusammensetzung der Nahrung scheint die Ghrelinsekretion ebenfalls zu beeinflussen. Nach
einer kohlenhydratreichen Kost sinkt der Ghrelinspiegel innerhalb einer Stunde ab, nach
fettreicher Kost dauert das Absinken dreimal so lange. Proteinreiche Kost hingegen scheint die
Ghrelinsekretion noch zu stimulieren, da ein Ansteigen des Plasmaspiegels beobachtet wurde.
Die je nach Energiebilanz unterschiedlichen Ghrelinspiegel ermöglichen eventuell eine
Beurteilung des Ernährungszustandes. Einem möglichen Einsatz in der Therapie von
Kachexie, z. B. bei AIDS-Patienten oder von Patienten nach Magenresektion müssen weitere
Studien vorausgehen.
Literatur:
- Erdmann J, Lippl F, Schusdziarra V: Differential effect of protein and fat on plasma ghrelin levels in man. Regulatory Peptides 116 (1–3), November 2003
- Jarkovska et al.: Endocrine and metabolic activities of a recently isolated peptide hormone ghrelin, an endogenous ligand of the growth hormone secretagoguereceptor. Endocrine Regulations (38) 2004.
- Meier U, Gressner, AM: Endocrine Regulation of Energy Metabolism: Review of Pathobiochemical and Clinical Chemical Aspects of Leptin, Ghrelin, Adiponectin, and Resistin. Clinical Chemistry 50 (9), 2004.
- Van der Lely et al.: Biological, Physiological, Pathophysiological, and Pharmacological Aspects of Ghrelin. Endocrine Reviews 25 (3), June 2004.