DGEinfo 03/2006 – Beratungspraxis
Frage: Muss das Essen in den Abendstunden reduziert bzw. ganz unterlassen werden, um einer Gewichtszunahme
vorzubeugen oder schneller abzunehmen?
Antwort: Die wenigen Untersuchungen, die es zu diesem Thema gibt, sind insgesamt widersprüchlich. Daher gilt
weiterhin, dass die über den ganzen Tag aufgenommene bzw. verbrauchte Energiemenge ausschlaggebend für das
Köpergewicht ist.
Vor dem Hintergrund der weltweiten Zunahme des Adipositasproblems wird nach Ernährungsformen und
-mustern gesucht, die auch bei Menschen mit weniger aktivem Lebensstil nicht zu Übergewicht
führen. Vielfach besteht die Meinung, dass das Essen in den Abendstunden reduziert bzw. ganz
unterlassen werden sollte (sog. „Dinner Cancelling“), um einer Gewichtszunahme vorzubeugen und
schneller abzunehmen. Die wenigen Untersuchungen, die es zu diesem Thema gibt, sind insgesamt
widersprüchlich.
In der epidemiologischen Follow-up-Studie (NHEFS, 1982–84) der NHANES-I-Studie mit über 7 000
Frauen und Männern und einem Nachbeobachtungszeitraum von zehn Jahren wurde beobachtet, dass das
Ausmaß der Nahrungsaufnahme am Abend keinen Einfluss auf die Körpergewichtsentwicklung hatte
(3).
In einer früheren Untersuchung war von Kant et al. (4) bei 1 802 Frauen der CSFII-Studie
(Continuing Survey of Food Intakes by Individuals; 1985–86) die Energie- und Nährstoffzufuhr an
vier nicht-konsekutiven Verzehrstagen nachträglich ausgewertet worden. In dieser epidemiologischen
Querschnittsstudie war ebenfalls kein Zusammenhang zwischen dem Körpergewicht und der prozentualen
abendlichen Energieaufnahme (nach 17 Uhr) der Probandinnen festgestellt worden.
In einer weiteren Untersuchung wurden die 7-Tages-Verzehrsprotokolle von knapp 900 Frauen und
Männern analysiert (2). Hier zeigte sich, dass die Einnahme eines späten Abendessens mit einer
insgesamt höheren Energiezufuhr über den ganzen Tag korrelierte, während eine höhere morgendliche
Energiezufuhr mit einer geringeren täglichen Gesamtenergiezufuhr assoziiert war.
Ebenso ergab der Vergleich des Ernährungsverhaltens von übergewichtigen mit nicht
übergewichtigen Frauen (1), dass übergewichtige Frauen pro Tag mehr Mahlzeiten zu sich nehmen (6,1
vs. 5,2). Hierbei ist auffallend, dass übergewichtige Frauen diese Mahlzeiten vermehrt später am
Tag einnehmen. Diese Studie zeigte außerdem, dass die übergewichtigen Frauen mit durchschnittlich
11 970 kJ pro Tag mehr Energie aufnahmen als die normalgewichtigen (9 756 kJ).
Die Ergebnisse einer kleinen Studie zur Gewichtsreduktion von Keim et al. (5) sprechen dagegen
für den Verzehr von Spätmahlzeiten zum Erhalt der fettfreien Körpermasse. Bei ihrer Beobachtung
von zehn Frauen in einem Gewichtsreduktionsprogramm stellten sie fest, dass der Verzehr eines
umfangreichen Frühstücks zu einer etwas stärkeren Gewichtsreduktion führt, als ein umfangreiches
Abendessen; ein umfangreiches Abendessen hatte allerdings einen besseren Erhalt der fettfreien
Körpermasse zur Folge.
In einer neueren Follow-Up-Untersuchung an 8 bis12 Jahre alten Mädchen (Alter der 101
Probandinnen beim Follow-Up: 11 bis 19 Jahre) wurde festgestellt, dass der am Abend verzehrte
Anteil der Tagesenergie positiv mit einer Änderung des BMI assoziiert war (6).
Leider liegen bisher keine Ergebnisse aus randomisiert-kontrollierten Interventionsstudien vor,
die eine zuverlässigere Bewertung der Hypothese erlauben würden. Eine abschließende Bewertung ist
daher zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich. Daher gilt weiterhin, dass die über den ganzen Tag
aufgenommene bzw. verbrauchte Energiemenge ausschlaggebend für das Köpergewicht ist.
Literatur:
- Bertéus Forslund H et al.: Meal patterns and obesity in Swedish woman – a simple instrument describing usual meal types, frequency and temporal distribution. Eur J Clin Nutr 56 (2002) 740–747
- De Castro JM: The time of day of food intake influences overall intake in humans. J Nutr 134 (2004) 104–111
- Kant AK et al.: Evening eating and subsequent long-term weight change in a national cohort. Int J Obes Relat Metab Disord 21 (1997) 407–412
- Kant AK et al.: Evening eating and its relation to self-reported body weight and nutrient intake in women, CSFII 1985-86. J Am Coll Nutr 14 (1995) 358–363
- Keim NL et al.:Weight loss is greater with consumption of large morning meals and fat-free mass is preserved with large evening meals in woman on a controlled weight reduction regime. J Nutr 127 (1997) 75–82
- Thompson OM et al.: Dietary pattern as a predictor of change in BMI z-score among girls. Int J Obes 30 (2006) 176–182