Beratungspraxis 02/2006
Frage: Kann Patienten mit Übergewicht durch die Supplementation
bestimmter Fettsäuren geholfen werden, ihr Körperfett zu reduzieren?
Antwort: Es besteht keine ausreichende Evidenz für die Wirksamkeit einer
Supplementation mit CLA. Nebenwirkungen können nicht ausgeschlossen werden.
Erratum
In der Druckausgabe der Beratungspraxis „konjugierte Linolsäuren“ (CLA)" im
DGEinfo 2/2006 hat sich ein kleiner, aber bedeutender Fehler eingeschlichen. Bei der Antwort auf
die Frage „Kann Patienten mit Übergewicht durch die Supplementation bestimmter
Fettsäuren geholfen werden, ihr Körpergewicht zu reduzieren?“ lautet die korrekte
Antwort: "Es besteht keine ausreichende Evidenz für die Wirksamkeit einer Supplementation mit
CLA. Nebenwirkungen können nicht ausgeschlossen werden." Deshalb finden Sie die korrekte
Fassung der Beratungspraxis hier (Internet) und eine gedruckte Neufassung in der März-Ausgabe
des DGEinfo.
Die konjugierten Linolsäuren (CLA, conjugated linoleic acids) sollen die Körperfett
reduzierende Wirkung vor allem aufgrund der Ergebnisse aus Tierversuchen haben. Obwohl
aussagekräftige Forschungsergebnisse am Menschen fehlen, vermarkten zahlreiche
Internetanbieter und Drogerien bereits CLA-Supplemente oder CLA-haltige Produkte als
Schlankheitsmittel für Übergewichtige oder als muskelaufbauende Substanz für
Sportler. Die zunehmende Popularität der CLA als diätetisches Supplement erfordert eine
wissenschaftlich fundierte Aufklärung der Bevölkerung zum Einsatz beim Menschen: Wie ist
die postulierte Wirkung der CLA zu beurteilen? Ist die Supplementation mit CLA sicher und
gesundheitlich unbedenklich?
Was sind konjugierte Linolsäuren?
Konjugierte Linolsäuren (konjugierte Octadecadiensäuren, CLA), stellen eine Gruppe
mehrfach ungesättigter Fettsäuren dar, die Isomeren der Linolsäure
(cis-9,cis-12-Octadecadiensäure) sind (Abb. 1). Die größte biologische
Aktivität wird den Isomeren in der cis-9,trans-11 und der trans-10,cis-12 Konfiguration
zugesprochen.
Abb. 1: konjugierte Linolsäure
Wo kommen konjugierte Linolsäuren vor?
CLA werden als Stoffwechselprodukt der Linolsäure im Pansen von
Wiederkäuern durch die Linolsäure-Isomerase des Pankreasbakteriums Butyrivibrio
fibrisolvens gebildet. Auch in den Geweben der Wiederkäuer (z. B. Milchdrüsen) entstehen
CLA, hier durch Desaturierung der trans-11-Octadecensäure (trans-Vaccensäure).
Somit sind Wiederkäuerfleisch (Rind, Lamm) sowie Milch und Milchprodukte die Hauptquellen
der CLA in der menschlichen Ernährung. Über 90 % der über die Nahrung aufgenommenen
CLA bestehen aus dem cis-9,trans-11-Isomer. Kommerzielle CLA-Supplemente enthalten dagegen meist
Mischungen verschiedener CLA-Isomeren mit einem hohen Gehalt des cis-10,trans-12-Isomers.
Auch beim Menschen können CLA durch Isomerisierung aus Linolsäure entstehen, induziert
durch anaerobe mikrobielle Aktivitäten im Darm oder durch freie Radikale. Weiterhin
können sie auch durch Desaturierung aus trans-Vaccensäure entstehen. Bestimmte Gewebe
des menschlichen Körpers enthalten deshalb kleine Mengen CLA.
Wie wirken konjugierte Linolsäuren auf die Körperzusammensetzung?
Eine CLA-Supplementation bewirkt in Tierversuchen, v. a. an Mäusen, eine Verringerung des
Körperfettgehaltes und eine Zunahme der Muskelmasse. Die zu dieser Fragestellung
durchgeführten randomisierten, placebokontrollierten klinischen Studien am Menschen liefern
dieses klare Resultat jedoch nicht. Wie in verschiedenen Übersichtsarbeiten dargestellt und
auch aus einzelnen aktuellen klinischen Studien hervorgehend, ergeben die bisher beim Menschen
erzielten Ergebnisse noch kein einheitliches Bild.
Die Effekte der CLA auf den Körperfettgehalt des Menschen sind weitaus schwächer als
bei Mäusen. Bei Betrachtung der in den jeweiligen Studien verwendeten CLA-Dosen als Menge im
Verhältnis zur Energiezufuhr (g/MJ/Tag) erscheint dies zunächst verwunderlich, denn
diese waren teilweise vergleichbar: Eine Dosierung in Höhe von 1,4 bis 6,8 g/Tag beim
Menschen (ca. 0,14-0,68 g/MJ metabolisierbarer Energie) erniedrigt den Körperfettgehalt um
ca. 2 bis 6 %, in einer Studie sogar um 22 %. Fütterung einer mit 1 % CLA angereicherten
Diät (ca. 0,5 g CLA/MJ) führt bei Mäusen zu einer Körperfettabnahme von 60 %.
Ein möglicher Grund dafür könnte sein, dass die als Versuchstiere dienenden
Mäuse eine höhere Stoffwechselrate haben als Menschen. Aber auch unterschiedliche
Messmethoden (direkte Messung der Körperzusammensetzung bei sezierten Tieren und Bioimpedanz
oder DXA beim Menschen) könnten bei diesen Befunden eine Rolle spielen. Wird jedoch die
CLA-Menge nicht in Bezug auf die Energiezufuhr betrachtet, sondern in Bezug auf das
Körpergewicht (mg/kg/Tag), so sind die beim Menschen beobachteten schwächeren Effekte
augenscheinlicher erklärbar: In den Humanstudien wurden 25 bis 80 mg CLA pro kg
Körpergewicht und Tag eingesetzt - dies ist nur etwa ein Fünfzigstel der in Studien mit
Mäusen verwendeten Dosis. Darin dürfte ein Grund für die mangelhafte
Übertragbarkeit der in Tierversuchen erzielten Erkenntnisse auf den Menschen liegen.
Das CLA-Isomer mit der Körperfett senkenden Wirkung ist das trans-10,cis-12- Isomer. Der
Effekt des trans-10,cis-12- Isomers scheint in Tierversuchen abhängig von der Dosis und der
Dauer der Supplementation sowie der Spezies, dem Alter und dem Geschlecht zu sein. Zu betonen ist,
dass alle Tierversuche an jungen, sich im Wachstum befindlichen Tieren durchgeführt wurden;
der Effekt der CLA auf die Körperzusammensetzung ausgewachsener Tiere ist nicht bekannt. Die
Ergebnisse am Menschen liefern dagegen keinen Hinweis auf eine Dosis-Wirkungs-Beziehung.
Zum Mechanismus einer möglichen Senkung des Körperfettgehaltes durch CLA werden, v. a.
aufgrund der Ergebnisse aus Tierversuchen, Faktoren wie die Steigerung der Fettoxidation, die
Aktivierung der Fett-Transportsysteme (Carnitin- Palmitoyltransferase-Aktivität) und die
Hemmung der Lipoproteinlipase-Aktivität in den Adipozyten (Verminderung der
Triglyceridaufnahme und -speicherung) postuliert.
Einige der Studien am Menschen legen wie auch die Versuche an Mäusen nahe, dass der das
Körperfett senkende Effekt der CLA mit einer Zunahme der fettfreien Körpermasse
assoziiert ist. Auch hier ist der Mechanismus nicht eindeutig geklärt und die bisherigen
Ergebnisse sind inkonsistent. In einer Humanstudie zur Wirkung der CLA auf den Gewichtsverlauf
nach einer Gewichtsreduktion vermindern CLA zwar nicht die Wiederzunahme an Gewicht, aber im
Vergleich zur Placebogruppe ist die Zunahme an Körperfett verringert. Es wurde in dieser
Studie folglich gezeigt, dass die CLASupplementation zu einer Zunahme der fettfreien
Körpermasse führt, unabhängig von der prozentualen Gewichtszunahme und
unabhängig von der körperlichen Aktivität. So können CLA auf indirektem Wege
den Ruheenergieumsatz als Folge der erhöhten fettfreien Körpermasse steigern. Dies
liefert eine Erklärung für den in manchen Studien beobachteten erhöhten
Energieverbrauch durch CLA.
Wieso ist die Aussagekraft bisheriger Humanstudien limitiert?
Die meisten Studien wurden an Menschen in ihrem gewöhnlichen Alltag durchgeführt, so
dass unterschiedliche Nährstoff- und Energieaufnahmen und -verbräuche aufgetreten sein
können. Dies kann natürlich mit den relativ kleinen Effekten der CLA auf die
Körperzusammensetzung interferieren. Außerdem lag die Compliance bei den Studien am
Menschen in einem Bereich von 77-100%, und diese Unterschiede in der Compliance können
Ergebnisse beeinflussen. So auch die Art und Weise der CLA-Gabe: in den meisten Studien werden CLA
als freie Fettsäuren in Form eines Supplements verabreicht, jedoch existieren auch Studien,
in denen sie in Form von Triglyceriden als Supplement oder in angereicherter Butter gegeben
werden. Viele der Studien zur CLA-Supplementation sind nur an einer kleinen Studienpopulation und
nur über einen kurzen Zeitraum (1 bis 2 Monate) durchgeführt worden. Wie die
Langzeitwirkung auf Fettmasse und Körpergewicht ist, bleibt offen. Bis jetzt gibt es nur
wenige Studien am Menschen zum Mechanismus der CLA-Wirkung, und die Ergebnisse sind
inkonsistent.
Gibt es Nebenwirkungen?
Studien an Mäusen zeigen, dass das trans-10,cis-12-CLA-Isomer unerwünschte Wirkungen
wie Insulinresistenz, erhöhte Plasma-Insulinkonzentrationen, Hyperlipidämie und
erniedrigte Plasma-Leptinkonzentrationen verursachen kann. Es gibt Hinweise, dass manche dieser
Effekte sich auch beim Menschen manifestieren können. Auch existieren Studien mit
männlichen Probanden, in denen eine erhöhte Lipidperoxidation infolge der
CLA-Supplementation zu beobachten war, was auf einen potenziellen nachteiligen Effekt auf das
kardiovaskuläre System hinweist.
Fazit
Es besteht keine ausreichende Evidenz für die Wirksamkeit einer Supplementation mit CLA im
Hinblick auf eine Verringerung des Körperfettgehaltes und eine Gewichtsreduktion.
Nebenwirkungen ei- ner CLA-Supplementation können nicht ausgeschlossen werden. Bevor
Schlussfolgerungen gezogen und Empfehlungen gegeben werden können, sind weitere, für die
Nährstoff- und Energieaufnahme kontrollierte Studien am Menschen notwendig, in denen reine
CLA-Isomeren verwendet werden, um Kurz- und Langzeiteffekte sowie unerwünschte Nebenwirkungen
eines jeden einzelnen CLA-Isomers klar zu bestimmen.
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