DGEInfo 02/2005 – Beratungspraxis
Frage: In der Beratungspraxis werden Sie gefragt, ob das Heilfasten eine geeignete Maßnahme zur
Gewichtsreduktion ist.Welchen Stellenwert hat Heilfasten für eine gesundheitsorientierte
Lebensführung?
Antwort: Als Maßnahme zur Gewichtsreduktion wird das Heilfasten nicht eingeordnet. Die vorhandenen
Erfahrungsberichte zeigen, dass Heilfastenkuren oftmals zu einer gesundheitsbewussteren Lebenführung und
Änderung des Ernährungsverhaltens führen. Das Heilfasten kann damit ein Impuls für die Änderung des
Lebensstils und zur Verbesserung der Ernährungsgewohnheiten sein.
Viele positive Wirkungen des Heilfastens sind wissenschaftlich kaum oder nur ungenügend belegt. Die
Gewichtsreduktion steht nicht im Vordergrund und ist positive Begleiterscheinung. Kontraindiziert ist das
Fasten z.B. bei Kachexie, Anorexia nervosa, in Schwangerschaft und Stillzeit, bei erhöhten Harnsäurewerten.
Eine Heilfastenkur kann eine medizinisch notwendige Therapie nicht ersetzen.
Von den Fastenvertretern werden die unterschiedlichen Formen für unterschiedliche Zielgruppen empfohlen.
Unter Fasten wird, im Gegensatz zum Hungern, der freiwillige Nahrungsentzug über einen begrenzten Zeitraum
verstanden. Im religiösen Sinne bedeutet es über den Verzicht hinaus eine Rückbesinnung auf sich selbst bzw.
seinen Schöpfer. Der Begriff „Heilfasten“ wurde 1935 von Dr. Otto Buchinger geprägt.
In der Naturheilkunde dient das Heilfasten der Vorbeugung und Behandlung bestimmter chronischer
Krankheiten wie ernährungsmitbedingter Stoffwechselstörungen und Erkrankungen des Bewegungsapparates. Das
Konzept des Heilfastens verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz: Neben dem therapeutischen Heilfasten bei z. B.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Hauterkrankungen oder Rheuma umfasst es auch die präventive, vorbeugende Seite
des Heilfastens, d. h., auch Gesunden wird es empfohlen (zur „Entschlackung“ und Stärkung des Immunsystems).
Ebenso sind die psychosoziale und die spirituelle Dimension Bestandteil von Heilfastenkuren. Bewegung,
Physiotherapie, Psychotherapie, verschiedene naturheilkundliche Verfahren (z. B. Atemtherapie, Akupunktur,
Homöopathie), Yoga, Autogenes Training und Meditation als auch ein Nachsorgeprogramm sind mögliche Inhalte.
Eine Gewichtsreduktion ist eine positive Begleiterscheinung.
Das Heilfasten wird i. d. R. unter ärztlicher Kontrolle in Fastenkliniken durchgeführt. Die Umstellung des
Stoffwechsels und des Hormonhaushalts beim Heilfasten geht auch einher mit psychischen Veränderungen.
Genannt werden Gefühle erhöhter Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit sowie eines gesteigerten
Wohlbefindens. Als unerwünschte Nebenwirkungen können Azidose, Hypotonie, Müdigkeit, Schwindelgefühl,
verminderte Konzentrationsfähigkeit, erhöhtes Kälteempfinden, trockene Haut auftreten.Weiterhin sind
Mundgeruch und Menstruationsstörungen beobachtet worden. Diese Nebenwirkungen normalisieren sich jedoch
meist im Verlauf des Fastens. Als Fastenmethoden haben sich vor allem das Heilfasten nach Buchinger und die
Therapie nach F.X. Mayr durchgesetzt.Weitere verwandte Methoden sind z. B. die Schroth-Kur und das
Molkefasten.
Heilfasten nach Buchinger
Das klassische Heilfasten wurde von dem deutschen Arzt Dr. Otto Buchinger (1878–1966) entwickelt. Hierbei
handelt es sich um ein individuell modifiziertes Heilfasten, bei welchem dem Patienten primär durch
Obstsäfte, Honig und Gemüsebrühe ca. 250 kcal pro Tag zugeführt werden. Das Heilfastenprogramm umfasst
sowohl Ernährungsschulungs-, als auch Bewegungs- und Stressbewältigungsprogramme.
Durchführung
Zu Beginn des 3- bis 4-wöchigen Fastenprogramms sieht Buchinger nach einer Darmreinigung am ersten
Heilfastentag ein oder mehrere Entlastungstage vor (z.B. Obst- oder Reistage mit ca. 600 kcal). Die
Darmentleerung durch die Einnahme von Glaubersalz (Natriumsulfat) soll während der gesamten Heilfastenzeit
jeden zweiten Tag durchgeführt werden, vorzugsweise durch einen Einlauf.
Auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr ist zu achten. Buchinger empfiehlt morgens und nachmittags
jeweils ¼l Tee, mittags ¼l Gemüsebrühe, abends ¼l Fruchtsaft und über den Tag verteilt
ca. 2l Mineralwasser. Das Fastenprogramm umfasst außerdem Bewegung an der frischen Luft, eine
Entspannungstherapie, eine Physiotherapie (Massage, Bäder, Krankengymnastik) und eine Psychotherapie
(Einzel- und Gruppentherapie).
Es endet mit dem so genannten „Heilfastenbrechen“. Eine Aufbauphase von mindestens drei Tagen
schließt sich an, in der die Energiezufuhr schrittweise gesteigert wird.
Begonnen wird mit einem Apfel am Mittag und einer kochsalzfreien Gemüse-Kartoffel-Suppe am Abend. Die
Energiezufuhr wird langsam gesteigert, von 800 kcal am ersten Tag auf 1200 kcal am dritten Tag.
Einordnung
Für Buchinger ist das Heilfasten eine Einstiegsphase in eine vollwertige Ernährung, die nach der Kur
weitergeführt werden sollte. Das Nachsorge- Programm enthält neben Kochkursen, Ernährungsberatung,
Sportangeboten eine Einführung in die Verhaltenstherapie.
F.X.-Mayr-Kur
Bei der Mayr-Kur, benannt nach dem österreichischen Arzt Dr. F.X. Mayr, steht die Darmreinigung im
Vordergrund. Diese sieht er als Voraussetzung für die Gesunderhaltung des Menschen. Mayr entwickelte eine
aus drei Stufen bestehende „Darmsanierungskur“, die die Schonung des Darms, seine Säuberung und Regeneration
sowie die Schulung des Kau- und Essverhaltens und der Trinkgewohnheiten umfasst.
Durchführung
Die erste Stufe der Mayr-Kur sieht morgens und abends Kräutertee mit Honig und Zitronensaft und mittags
eine Gemüsebrühe vor. Über den Tag verteilt sollen 2 Liter Mineralwasser getrunken werden. Die zweite Stufe
besteht aus einer Milch-Semmel-Diät, bei der altbackene Semmeln mit Milch nach Vorschrift gekaut werden
müssen. Die Kur wird mit einem 3- bis 4-tägigen Teefasten begonnen. Die dritte Stufe ist die „milde
Ableitungsdiät“. Die eigentliche Kur von 14 Tagen beginnt am fünften Tag mit einem Glas Bittersalzlösung.
Insgesamt sollen ca. 3 Liter Flüssigkeit pro Tag getrunken werden.
Als wichtigen Bestandteil seiner Kur sieht F.X. Mayr die manuelle Bauchmassage zur Anregung des Darms.
Einordnung
Mayr sieht die Darmsanierung als Therapieform bei Krankheiten, die durch Funktionsstörungen des Darms
ausgelöst werden sollen. Von diesen Störungen soll jedes Organ betroffen sein können.
Schroth-Kur
Die Schroth- Kur ist benannt nach ihrem Begründer, dem schlesischen Bauern und Fuhrmann Johann Schroth,
der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts lebte. Die Schroth-Kur gliedert sich in die drei
gleichwertigen, sich gegenseitig unterstützenden Bereiche Heilfasten, Trocken- und Trinktage, Schrothsche
Dunstwickel.
Durchführung
In der Heilfasten-Phase sind trockene Brötchen in unbegrenzter Menge erlaubt, wenig Reis, Grieß, Hafer und
etwas Gemüse. An den Trockentagen werden Getreideschrotbrei, Haferflockenbrei, Schrotsemmeln, Vollkornbrot,
Knäckebrot, Trockenobst, Nüsse etc. verzehrt und 1l Flüssigkeit getrunken. An kleinen Trinktagen 1 Liter und
an großen Trinktag 2 Liter Flüssigkeit. Nach der Originalvorschrift wird die Flüssigkeit in Form eines
weißen Landweins aufgenommen, heute häufig gegen Frucht- und Gemüsesäfte ausgetauscht. Die täglichen
Dunstwickel werden als Begleitmaßnahme angewandt, die die „Entschlackung“ fördern sollen.
Einordnung
Ziel der Schroth-Kur ist es, die Selbstreinigungskräfte des Körpers zu aktivieren und den Organismus zu
„entschlacken“. Als Indikationen werden genannt Stoffwechselerkrankungen und rheumatischen
Erkrankungen.
Molke-Fasten
Das „Molke-Fasten“ ist eine modifizierte Form der Nulldiät.
Durchführung
Beim Molkefasten werden 1–1,5 Liter Kur-Molke (eine mit Eiweiß und Kohlenhydraten angereicherte Molke) in
kleinen Portionen über den Tag verteilt getrunken. Erlaubt sind während der Fastenkur auch bestimmte
Kräuter- und Früchtetees, z.B. aus Weißdorn, Löwenzahn, Brennnessel, Schafgabe; bis zu 3 Litern pro Tag.
In unbegrenzter Menge erlaubt sind kohlensäure- und natriumarmes Mineralwasser. Eine Molke-Trinkkur wird
für einige Tage bis zu vier Wochen durchgeführt.
Einordnung
Die Molke wird als Heilwasser für verschiedene Krankheiten angesehen. Der in der Molke enthaltene
Milchzucker sowie die Milchsäure sollen sich positiv auf das Darmmilieu und die Darmfunktion auswirken.
Ernährungswissenschaftliche Beurteilung
Als Maßnahme für die Gewichtsreduktion wird das Heilfasten nicht eingeordnet. Heilfasten kann aber ein
Impuls für eine Änderung des Lebensstils sein. Die positiven Erfahrungen einer Heilfastenkur können zu einer
gesundheitsbewussteren Lebensführung und einer Änderung der Ernährungsgewohnheiten führen. Eine
Heilfastenkur kann jedoch eine medizinisch notwendige Therapie nicht ersetzen. Viele positive Wirkungen des
Heilfastens sind wissenschaftlich kaum oder nur ungenügend belegt. Der in Zusammehang zum Heilfasten immer
wieder genannte Begriff „Entschlacken“ ist wissenschaftlich nicht begründbar. In einem gesunden menschlichen
Körper gibt es keine Ansammlung von Schlacken und Ablagerung von Stoffwechselprodukten. Nicht verwertbare
Stoffe werden bei ausreichender Flüssigkeitszufuhr über den Darm und die Nieren ausgeschieden. Grundsätzlich
sollten Heilfastenkuren nur nach vorheriger Gesundheitsuntersuchung möglichst stationär oder unter
ärztlicher Begleitung durchgeführt werden. Zu beachten ist, dass durch das Fasten die Wirkung von
Medikamenten beeinflusst wird und evtl. eine Anpassung/Reduzierung der Dosierung erfolgen sollte.
Kontraindiziert ist das Fasten z. B. bei Kachexie, Anorexia nervosa, in Schwangerschaft und Stillzeit.
Menschen mit erhöhtem Purinspiegel ist wegen des Risikos eines akuten Gichtanfalls das Fasten nicht
anzuraten. In jedem Fall ist eine Absprache mit dem Arzt notwendig.
Von der Ärztegesellschaft Heilfasten und Ernährung e. V. wurden Leitlinien zur Fastentherapie entwickelt,
die die Therapieverfahren, Indikationen und Kontraindikationen beschreiben.
Literatur
- Biesalski H K: Ernährungsmedizin. Thieme, Stuttgart, (2005)
- Buchinger O: Das Heilfasten und seine Hilfsmethoden als biologischer Weg. Hippokrates Verlag, Stuttgart
(1999)
- Kasper, H: Ernährungsmedizin und Diätetik. Urban & Fischer, München (2004)
- Kluthe R (Hrsg.): Ernährungsmedizin in der Praxis. Spitta, Balingen, (2004)
- Leitzmann C, Müller C, Michel P, Brehme U, Hahn A, Laube H: Ernährung in Prävention und Therapie.
Stuttgart, Hippokrates, 2003
- Peper E, Rogner J, Hettwer H: Stationäres Heilfasten. VitaminSpur 13 (1998) 11–19
- Schauder, Ollenschläger: Ernährungsmedizin. Urban & Fischer, München (2003)
- v. Herz U, Müller M J: Heilfasten. Akt Ernähr Med 21 (1996) 25–28
- Wilhelmi de Toledo, F, Buchinger, A u. a.: Leitlinien zur Heilfastentherapie, Forsch Komplementärmed
Klass Naturheilkd 9 (2002) 189–198