DGEInfo 09/2004 – Stichwort
Ein noch nicht wissenschaftlich fundiertes Phänomen
Der Begriff "Orthorexia nervosa" wurde im Jahr 1997 von dem amerikanischen Mediziner Steven Bratman eingeführt,
abgeleitet von griechisch ortho = richtig, orexis = Appetit. Er bezeichnet damit eine "übersteigerte Fixierung auf
"gesunde" Nahrungsmittel".
Wie bei der Bulimia nervosa und der Anorexia nervosa wird im Leben der Betroffenen dem Essen ein unangemessen hoher
Stellenwert eingeräumt.Während sich anorektische Patienten auf die Quantität des Essens konzentrieren, steht bei
Orthorektikern die Qualität des Essens im Vordergrund. Die Beschäftigung mit "gesundem" Essen und die krankhafte
Sorge darum rückt in den Vordergrund.
Die Orthorexie kann sich entwickeln aus harmlosen Initiativen zur Änderung von Lebens- und Essgewohnheiten, um z. B. dem
Wunsch einer Gewichtsreduktion oder einer gesünderen Ernährung zur Vorbeugung vor Krankheiten nachzukommen.
Daraus, so Bratman, der seinen Angaben nach selbst Orthorektiker war, entwickeln die Betroffenen einen Zwang, sich stets
"richtig und gesund" zu ernähren und vermeiden zunehmend Lebensmittel, die als "nicht gesund" angesehen
werden. Dies kann sich z. B. auf Fett, behandelte Lebensmittel, Zucker oder Süßwaren beziehen, wobei das Spektrum der
"nicht-richtigen" Lebensmittel individuell ist und daher keine Klassifizierung ermöglicht. Anfällig für eine
zunehmenden Fixierung auf gesunde Lebensmittel seien vor allem Mädchen und Frauen aus höheren Bildungsschichten sowie
Patienten mit somatoformen Störungen.
Die Patienten verbringen nach Bratman immer mehr Zeit ihres Alltags mit der Zusammenstellung und Ausführung ihres
individuellen Ernährungsplanes. Sie beginnen, die Mahlzeit nicht mehr als Ganzes zu sehen und zu genießen, sondern berechnen
den Nährstoffgehalt der einzelnen Lebensmittel und schätzen mögliche Nachteile, die beim Verzehr eines solchen Lebensmittels
entstehen könnten, ab. Damit tritt der Genuss beim Essen immer mehr in den Hintergrund.
Die Definition der gesunden Lebensmittel wird von den Betroffenen ständig enger gefasst und kann dabei extreme Formen
annehmen. Auffallend ist die verminderte Genussfähigkeit während des Essens und die immer weiter eingeschränkte
Lebensmittelauswahl. Wird gegen die selbst auferlegten Essensregeln verstoßen, fühlen die Betroffenen sich schuldig und
schändlich.
Mit Fortschreiten der Orthorexie können alle Lebensbereiche von diesem "Foodamentalismus" betroffen sein. Nach
Bratmann sind Orthorektiker oft so überzeugt von ihren Ansichten, dass sie sich meist anderen, die sich ihrer Ansicht nach
nicht gesund oder optimal ernähren, überlegen fühlen und diese ebenfalls zu "gesundem Essen" bekehren wollen. Daher
kann eine solch extreme und einseitige Haltung zu sozialer Isolation führen, z. B. nehmen Menschen mit einer
fortgeschrittenen Orthorexie nur noch an gesellschaftlichen Anlässen teil, wenn sie eine Notration ihrer
"erlaubten" Lebensmitteln dabei haben, oder sie meiden generell Personen, die sich nicht ähnlich ernähren.
Aus der Orthorexie resultieren i. d. R. keine ernsthaften Gesundheitsschäden, als problematisch kann jedoch der stark
zwanghafte Charakter des Verhaltens angesehen werden.
Quellen und weitere Informationen:
- Angelopoulo,A.: Hilfe, ein Hamburger. Reutlinger General-Anzeiger unter www.gea.de/detail/201478, Zugriff:10.08.04
- Bratman, S.: The Orthorexia Home Page. www.orthorexia.com, Zugriff:10.08.04
- Degen, R.: Besessen vom gesunden
Essen. Tabula 2 (2003) 4−9
- Europäisches Informationszentrum für Lebensmittel: Orthorexia nervosa - Wenn gesundes Essen nicht länger gesund ist. Food Today 42. www.eufic.org/de/food/pag/food42/food421.htm, Zugriff: 10.08.04
- Informations- und Dokumentationsstelle am Institut für Ernährungswissenschaft der Universität Giessen: Orthorexia nervosa
- Wenn gesunde Ernährung zum Zwang wird. www.nutriinfo.de/artikeldetails.php?aid=2008, Zugriff: 10.08.04
- Mader,M.: Orthorexie − die Sucht, sich "gesund" zu ernähren. Dtsch Med Wochenschr 129 (2004) 728
- News-Gesundheit.de: Neue Krankheit: Zwanghaft Gesundesser. www.news-gesundheit.de/fg/gesund19.html, Zugriff: 10.08.04