DGE-aktuell 05/2004 vom 16.06.2004
DGE-Expertenworkshop diskutiert über Ernährungsempfehlungen
(dge) Übergewicht und Folgeerkrankungen (z. B. Typ 2-Diabetes mellitus) haben sich zu einer globalen Epidemie mit weiter steigender Tendenz entwickelt. Als wesentliche Ursachen gelten die starke Abnahme der körperlichen Aktivität in Beruf und Freizeit sowie eine nicht angepasste Ernährung. Daher wird heute nach Ernährungsformen gesucht, die auch bei Menschen mit weniger aktivem Lebensstil nicht zu Übergewicht führen. Der Fokus der Debatte liegt zurzeit auf der Frage, inwieweit in einer ausgewogenen Ernährung der Verzehr von Kohlenhydraten insgesamt erniedrigt (low carb), der Protein- und Fettanteil dagegen erhöht werden sollte. Ob die bisher geltenden DGE-Ernährungsempfehlungen vor diesem Hintergrund auf den Prüfstand müssen, war Thema eines eintägigen Experten-Workshops am 3. Juni 2004 bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE).
Das Fazit der Wissenschaftler: Nach den derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnissen gibt es keinen Anlass, die bestehenden Ernährungsempfehlungen zu revidieren. Auch weiterhin gilt, dass eine ausgewogene Ernährung mit einer ausgeglichenen Energiebilanz und reichlich körperlicher Bewegung langfristig am ehesten geeignet sind, Übergewicht zu vermeiden oder abzubauen. Die Ernährung sollte reich an komplexen Kohlenhydraten und Ballaststoffen, aber moderat in der Zufuhr von Fetten, insbesondere tierischen Fetten sein. Bei der Auswahl der Lebensmittel sollten Verbraucher aber stärker als bisher auf die unterschiedliche Qualität der verzehrten Kohlenhydrate und Fette achten.
Die Expertenrunde kam zu dem Ergebnis, dass eine Verwendung des Glykämischen Index (GI) lediglich in Teilbereichen, z. B. in der diätetischen Therapie des Diabetes mellitus und bei der Bewertung kohlenhydratreicher Lebensmittel, sinnvoll sein kann.
Hintergrundinformation: Eine Verringerung der Kohlenhydratzufuhr in der Ernährung ist auch im Hinblick auf die Prävention ernährungsmitbedingter Krankheiten nicht notwendig. Daher gilt weiterhin die Empfehlung der DGE, mindestens 50 % der zugeführten Energie in Form von (überwiegend komplexen) Kohlenhydraten zu verzehren (also Brot, Nudeln, Reis oder Getreideflocken, alle möglichst aus Vollkorn sowie Gemüse und Obst). Diese Lebensmittel liefern reichlich Vitamine und sekundäre Pflanzenstoffe und sorgen gleichzeitig für eine gute Magenfüllung und somit Sättigung. Auf Grund des verlangsamten Einstroms der Kohlenhydrate ins Blut werden unerwünscht hohe Blutglucosespiegel vermieden. Auch der Insulinstoffwechsel wird weniger belastet. Eine solche Ernährung erlaubt es außerdem, eine hohe Ballaststoffzufuhr zu erreichen (mindestens 30 Gramm pro Tag), die bei der Prävention von Erkrankungen von großer Bedeutung ist.
Auch die Empfehlung eines moderaten Fettkonsums ist wissenschaftlich stichhaltig und bedarf keiner Änderung, da epidemiologische Studien eindrucksvoll zeigen, dass die Entstehung von Übergewicht und Adipositas mit all ihren negativen Folgen für die Gesundheit durch einen hohen Energiekonsum gefördert wird. Fetthaltige Lebensmittel haben nach wie vor einen hohen Anteil an der Energiezufuhr, eine Einschränkung dieser Lebensmittel ist daher eine vorzügliche Maßnahme für ein erfolgreiches, langfristiges Energiemanagement. Für die Krankheitsprävention ist neben der Vermeidung von Übergewicht dabei die Fettqualität bedeutsam: Der Konsum gesättigter Fettsäuren sollte zugunsten einfach- und mehrfach ungesättigter Fettsäuren verringert werden. Bei den mehrfach ungesättigten Fettsäuren sollte die Zufuhr von Omega-3-Fettsäuren (z. B. in Meeresfischen, wie Makrele, Hering, Thunfisch und Lachs, oder in Raps- oder Walnussöl) erhöht werden, um das Verhältnis von Omega-3-Fettsäuren zu Omega-6-Fettsäuren zu verbessern.
Keinen Änderungsbedarf sehen die Experten auch bei den Empfehlungen zur Mindestaufnahme von Proteinen (empfohlene Menge: 0,8 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht am Tag). Eine darüber hinausgehende Proteinzufuhr ist jedoch unbedenklich, sofern nicht mehr als 2 g Protein je kg Körpergewicht aufgenommen werden. Protein (Eiweiß) hat einen stark sättigenden Effekt. Fettarme, proteinreiche Lebensmittel, wie mageres Fleisch oder Fisch, Quark oder Hülsenfrüchte, können also durchaus eine wichtige Rolle auf dem Speiseplan spielen.
In Zusammenhang mit der "low carb"- Diskussion wird zunehmend der Glykämische Index (GI), also die individuelle Blut-Glucose-Antwort auf ein kohlenhydrathaltiges Lebensmittel, als Bewertungskriterium für die Lebensmittelauswahl eingesetzt. Lebensmittel mit geringerem GI gelten dabei als günstig. Ausgangspunkt für die Verwendung des GI ist die Hypothese, dass ein niedriger GI der Kost mit einem präventivmedizinischen Nutzen verbunden ist und beispielsweise der Entstehung von Adipositas oder Diabetes mellitus vorbeugt. Da bisher der Beweis für diese Hypothese in einer gut kontrollierten Interventionsstudie mit aussagekräftiger Studiendauer fehlt, wird dies jedoch kontrovers diskutiert.
Der GI in seinem jetzigen Ansatz eignet sich darüber hinaus aufgrund vieler methodischer Schwierigkeiten bei der Bestimmung und fehlender Beweise der Wirksamkeit in Langzeitstudien noch nicht als zuverlässiges, generelles Instrument zur Bewertung der Lebensmittelqualität. Er schwankt z. B. von Person zu Person, hängt von der Sorte und Zubereitung der Lebensmittel ab und wird durch die Zusammensetzung der Mahlzeit beeinflusst.
Selbst bei einer besseren Datenlage kann der GI nur bei der Beurteilung kohlenhydrathaltiger Lebensmittel eine Rolle spielen. Ein niedriger GI bei fettreichen Lebensmitteln sollte nicht dazu führen, dass diese Lebensmittel bevorzugt gegessen werden, da sonst aufgrund der hohen Energiedichte die Gefahr einer überkalorischen Ernährung und damit des Übergewichts besteht.