Forschung, Klinik und Praxis 11/2002
Schlüsselwörter: Brustkrebs – Stillen – Anzahl der Kinder – Meta-Analyse
Hintergrund
In Deutschland ist Brustkrebs die häufigste Krebserkrankung (26,4 %) und die häufigste Krebstodesursache (17,9 %) bei
Frauen.
Die Neuerkrankungsrate steigt in Deutschland wie in anderen westeuropäischen Ländern weiter an. Jährlich erkranken nahezu
46 000 Frauen an Brustkrebs und fast 19 000 sterben daran. In den alten Bundesländern liegen die Erkrankungs- und
Sterberaten in allen Altersgruppen über denen in den neuen Ländern. Seit den 70er Jahren steigt die Zahl der Sterbefälle pro
Jahr nicht mehr an; für Frauen unter 60 Jahren ist sie sogar rückläufig. Die Überlebenswahrscheinlichkeit nach Brustkrebs
beträgt heute etwa 73 %. Durch Brustkrebs leben Frauen in Deutschland rund 6 Jahre weniger (1).
Dass sich die Geburt eines oder mehrerer Kinder günstig auf das Brustkrebs-Risiko auswirkt, ist seit längerem bekannt.
Unklar ist allerdings, welchen Anteil an diesem Schutzeffekt dem Stillen nach der Geburt zukommt. Dieser Fragestellung
wurde vor kurzem in einer groß angelegten Studie auf Initiative der Collaborative Group on Hormonal Factors in Breast
Cancer nachgegangen.
Methodisches Vorgehen
Daten aus 47 Fall-Kontroll- bzw. Kohorten-Studien in 30 Ländern wurden zusammengefasst und einer erneuten, gemeinsamen
Analyse unterzogen. In die Auswertung gingen 50 302 Frauen mit Brustkrebs und 96 973 Frauen ohne Brustkrebs ein (2).
Damit haben die Autoren schätzungsweise 80 % des weltweit zur Verfügung stehenden Datenmaterials zum Einfluss des Stillens
auf das Brustkrebsrisiko einbezogen. Da 10 weitere Studien bestimmte Kriterien nicht erfüllten, wurden sie nicht in die
Analyse einbezogen; die Ergebnisse dieser Studien stimmen aber in wesentlichen Punkten mit denen der vorliegenden Meta-
Analyse überein.
Vorteile einer Meta-Analyse
Bei ernährungsepidemiologischen Untersuchungen besteht häufig das Problem, dass die untersuchten Effekte der Expositionsfaktoren
(hier z. B. Stillen) sehr klein sind und daher die Studie den angenommenen Zusammenhang zwischen Exposition
und Erkrankung (hier: Brustkrebs) nicht nachweisen kann. Durch das Zusammenführen von Daten in einer Meta-Analyse
können die Fallzahlen in einer Weise erhöht werden, dass auch kleine Effekte auf das Krankheitsgeschehen als statistisch
signifikant erkannt werden (3). Auch in dieser Studie war der Anteil der Frauen, die sehr lange, d. h. über 30 Monate, gestillt
hatten, gering (7% der Frauen mit Brustkrebs und 15% der Frauen ohne Brustkrebs).
Ergebnisse
Die Auswertung der Daten zeigte, dass Frauen mit Brustkrebs durchschnittlich weniger Geburten hatten als Frauen ohne
Brustkrebs (2,2 vs. 2,6). Der Anteil der Mütter, die gestillt hatten, unabhängig von der Stilldauer, war in der Brustkrebs-Gruppe
durchschnittlich niedriger als in der Gruppe ohne Brustkrebs (71 % vs. 79 %).
Einfluss der Anzahl der Geburten auf die Entstehung von Brustkrebs
Um den Einfluss des Stillens von anderen Einflussfaktoren trennen zu können, wurden zunächst Berechnungen für die Subgruppe
der Frauen durchgeführt, die nach einer Geburt nie gestillt hatten. Bei diesen Frauen zeigte sich, dass mit jeder Geburt
das Risiko an Brustkrebs zu erkranken hochsignifikant um 7 % abnahm (95 % Vertrauensbereich: 5,0–9,0; p < 0,0001).
Einfluss des Stillens auf das Brustkrebs-Risiko unter Berücksichtigung weiterer
Einflussfaktoren
Für Frauen mit Stillerfahrung lag das Risiko einer Brustkrebserkrankung generell niedriger als für Frauen, die nie gestillt hatten. Den Einfluss des Stillens auf das Brustkrebsrisiko zu ermitteln ist nicht einfach, da die lebenslange Stilldauer eng verknüpft
ist mit der Anzahl der Kinder, die eine Frau hat, ihrem Alter bei Geburt des ersten Kindes und weiteren Faktoren, die
ihrerseits wiederum das Brustkrebsrisiko beeinflussen können. Daher war es notwendig, die Gesamtgruppe der Frauen mit
und ohne Brustkrebs weiter zu unterteilen und Sub-Analysen durchzuführen, z. B. für Frauen mit jeweils 1, 2, 3, ... bis zu 8
und mehr Kindern. Nach weiteren möglichen Einflussfaktoren, wie z. B. Alter bei der ersten Geburt, wurde ebenfalls stratifiziert.
Diese Berechnungen ergaben, dass für jedes Jahr Stilldauer das Risiko einer Brustkrebserkrankung um 4,3 % (95 % Vertrauensbereich:
2,9–5,8;
p < 0,0001) abnahm. Dabei kam es hauptsächlich auf die Stilldauer an und weniger auf die Anzahl Kinder, die insgesamt gestillt
wurden.
In die Analysen wurden als weitere mögliche Einflussgrößen (sog. Störfaktoren oder Confounder) die ethnische Zugehörigkeit,
Bildung, Brustkrebs in der Familie, Alter bei Menarche, BMI, Verwendung oraler Kontrazeptiva, Alkoholkonsum,
Rauchen, u. a. einbezogen. Hierdurch änderte sich das Ausmaß des günstigen Einflusses des Stillens auf das Brustkrebsrisiko
nicht wesentlich. Anders ausgedrückt: Stillen bietet einen Schutz vor Brustkrebs, z. B. unabhängig von einem
niedrigen oder hohen BMI der Mutter, unabhängig von der Hautfarbe und unabhängig vom Vorkommen von Brustkrebs in
der Familie.
Auswirkungen auf Bevölkerungsebene
In Industrieländern ist die kumulative Neuerkrankungsrate an Brustkrebs bis zum Alter von 70 Jahren mit 5–7 pro 100 Frauen
weitaus höher als in afrikanischen oder asiatischen Ländern, in denen der Wert bei 1–2 pro 100 Frauen liegt. Den Hauptgrund
für die Unterschiede in der Brustkrebs-Inzidenz sehen die Autoren in der unterschiedlichen durchschnittlichen
Stilldauer, die in den afrikanischen und asiatischen Ländern um ein Vielfaches über der in Industrieländern liegt.
Konsequenzen
In welchem Ausmaß ließe sich nun die Brustkrebsrate senken, wenn Frauen in Industrieländern mehr Kinder bekämen und
diese länger stillten? Berechnungen in der vorliegenden Studie zeigen, dass sich die kumulative Brustkrebs-Inzidenz bis zu
einem Alter von 70 Jahren mehr als halbieren ließe, würden Frauen in Industrieländern 6,5 statt der tatsächlich geborenen 2,5
Kinder bekommen und jedes Kind 24 Monate statt der bislang üblichen 3 Monate stillen (s. Abb. 1). Dabei werden fast zwei
Drittel dieses Schutzeffektes dem Stillen zugeschrieben. Natürlich ist es nicht realistisch anzunehmen, dass eine Senkung der
Brustkrebsinzidenz durch eine Rückkehr zu den reproduktiven Gewohnheten von vor 100 Jahren erreicht wird. Daher appellieren
die Autoren daran, generell länger zu stillen, weil sich auf Bevölkerungsebene mit dieser Maßnahme schon deutliche
Effekte erzielen ließen. Berechnungen zufolge, könnten durch eine Ausdehnung der Stilldauer um 6 Monate und bei gleicher
Kinderzahl, wie derzeit in Industrieländern üblich, allein rund 25 000 (5 %) Brustkrebserkrankungen vermieden werden. In
Deutschland wären dies über 2 000 neue Brustkrebserkrankungen pro Jahr weniger.
Literatur:
- Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Bericht zur gesundheitlichen Situation von Frauen in Deutschland, 29.05.2001 http://www.bmfsfj.de/top/ dokumente/Struktur/ix_42501.htm?template=single&id=42501&script=1&ixepf=_42501
- Collaborative Group on Hormonal Factors in Breast Cancer: Breast cancer and breastfeeding: collaborative reanalysis of individual data from 47 epidemiological studies in 30 countries, including 50 302 women with breast cancer and 96 973 women without the disease. Lancet 360 (2002) 187–195
- Schneider R: Vom Umgang mit Zahlen und Daten. Eine praxisnahe Einführung in die Statistik und Ernährungsepidemiologie. Umschau-Verlag, Frankfurt (1997) 157– 158 Forschung, Klinik und Praxis