Forschung, Klinik und Praxis 08/2001
Schlüsselwörter: Sojaverzehr - Tofu - Phytoöstrogene - Isoflavonoide -
degenerative Gehirnveränderungen - Demenz - Alzheimer-Erkrankung
In einer kürzlich veröffentlichten epidemiologischen Studie wurde berichtet,
dass ein regelmäßiger, höherer Verzehr von Tofu zu leichten bis mittleren degenerativen
Veränderungen im Gehirn führt (11). Diese Veränderungen können als ein beschleunigtes Altern des
Gehirns bezeichnet werden.
Ziel der Studie
Im Rahmen des „Honolulu Heart Program“ wird die „Honolulu-Asia
Aging-Study“ (HAAS) durchgeführt mit dem Ziel, einen Zusammenhang zwischen bestimmten
Ernährungsfaktoren und Alterungsprozessen im Gehirn zu untersuchen.
Studienpopulation und Methoden
Bei der Studie handelt es sich um eine Langzeitstudie, die 1965 zur Erforschung von
Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfall und Krebs initiiert wurde. 8006 männliche
Amerikaner japanischer Abstammung, die zwischen 1900 und 1919 geboren wurden und auf Hawaii leben,
nahmen an der Studie teil. Standardisierte Ernährungsinterviews wurden 1965–1967 sowie
1971–1974 durchgeführt. 3734 Teilnehmer der Studie wurden zwischen 1991–1993 auf ihre
Gehirnfunktionen hin untersucht. Anhand ihrer Ernährungsgewohnheiten in den Jahren 1965 und
1971 wurden die Teilnehmer in 4 Gruppen eingeteilt: „Sehr niedriger Tofuverzehr“,
„weniger als 2 Portionen Tofu pro Woche“ (1965) bzw. „kein Tofu-Verzehr in der
Woche vor der Befragung“ (1971). Männer mit regelmäßig mehr als 2 Portionen
Tofu pro Woche bei beiden Befragungen wurden in die Gruppe „sehr hoch“ eingeteilt.
Teilnehmer mit mittlerem bzw. gelegentlich hohem Tofu-Verzehr wurden als „niedrig“
bzw. „hoch“ eingestuft. Als funktioneller Endpunkt wurde eine Beeinträchtigung
der kog-nitiven Fähigkeiten (z. B. Konzentration, Erinnerung, sprachliche Fähigkeiten)
gemessen und der Grad der Gehirnatrophie (post mortem morphologische Untersuchungen bzw.
bildgebende Verfahren) wurde als struktureller Endpunkt ermittelt.
Ergebnisse
Von 27 untersuchten Lebensmitteln korrelierte nur der Tofu-Verzehr mit den kognitiven
Fähigkeiten der Studienteilnehmer. Jeder der gemessenen Parameter war signifikant und
unabhängig voneinander mit einer höheren Tofu-Aufnahme in der mittleren Lebensphase
negativ assoziiert. Das Risiko für eine Beeinträchtigung des Gehirns für Personen
mit einem hohen oder sehr hohen Tofu-Verzehr war im Vergleich mit Personen mit einem niedrigen
Verzehr um 60–100% erhöht. Insgesamt konnten 20–25% der gemessenen kognitiven
Veränderungen auf den Tofu-Verzehr oder auf nicht identifizierte, mit dem Tofu-Verzehr
einhergehende Faktoren zurückgeführt werden. Tofu-Verzehr war auch mit einem
erhöhten Risiko für Alzheimer-Erkrankung assoziiert (10). Als Wirkmechanismus wird von
den Autoren der Studie eine Beteiligung von Isoflavonoiden aus Sojabohnen an den strukturellen
Veränderungen im Gehirn diskutiert (11).
Kommentar
Dies ist die erste epidemiologische Langzeitstudie, die den Einfluss von Sojabohnenverzehr auf
die Alterung des Gehirns zum Ziel hat. Die Ergebnisse zeigen, dass hoher Tofu-Verzehr in der
mittleren Lebensphase mit einer Alterung des Gehirns einhergeht, die der von um 4 Jahre
älteren Personen mit niedrigem Tofu-Verzehr entspricht. Die Unterschiede sind auch mit einer
um 3 Jahre geringeren Ausbildungszeit vergleichbar. Gegenwärtig gibt es keine vergleichbare
Studie, weshalb eine Bewertung dieser wichtigen, aber zur Zeit als „vorläufig“ zu
bezeichnenden Ergebnisse schwierig ist. Da die Ergebnisse keinen kausalen Zusammenhang darstellen,
könnte Tofu-Verzehr lediglich ein Indikator für andere, nicht bekannte Faktoren sein. So
hatten die Personen mit hohem Tofu-Verzehr einen niedrigeren sozialen Status als Personen mit
niedrigem Tofu-Verzehr. Möglicherweise spielen Faktoren während der Kindheit, die mit
dem sozialen Status in Zusammenhang stehen, eine Rolle für die Gehirnentwicklung im Alter
(3).
Die Autoren der Studie postulieren als möglichen Wirkmechanismus, dass Phytoöstrogene
aus Tofu für die Effekte verantwortlich sind. Zur Untermauerung dieser Hypothese wäre
eine Quantifizierung der Gesamtphytoöstrogenexposition bedeutsam gewesen, was jedoch nicht
durchgeführt wurde. Es ist wahrscheinlich, dass die Studienteilnehmer noch weitere
phytoöstrogenhaltige Lebensmittel verzehrten, die der Hypothese der Autoren zur Folge
ebenfalls das Risko erhöhen könnten.
Was gegen einen Zusammenhang zwischen Tofu-Verzehr und Alzheimer-Erkrankung spricht, ist, dass
diese Form von Demenz in westlichen Ländern mit keinem oder sehr niedrigen Tofu-Verzehr
häufiger auftritt als in Ländern mit traditionellem Tofu-Verzehr wie Japan (2). Eine
Studie mit einem Beobachtungszeitraum von nur 2 Jahren konnte diesbezüglich keine Assoziation
zwischen Tofu-Verzehr und kognitiven Fähigkeiten bei Amerikanern japanischer Abstammung
feststellen (7). Des Weiteren konnte in Versuchen mit Primaten festgestellt werden, dass der
Verzehr von Sojaprotein bei weiblichen Tieren vor postmenopausalen neurodegenerativen
Veränderungen schützte (4).
Ein von White et al. (11) vorgeschlagener Mechanismus geht davon aus, dass die Aktivität
verschiedener Enzyme im Gehirn durch Phytoöstrogene aus Tofu gehemmt wird. Im Tierversuch
konnte kein Einfluss von Phyto-östrogenen aus Soja auf die Aktivität der Aromatase im
Gehirn, die für die Bildung endogener Östrogene benötigt wird, festgestellt werden
(8, 9). Weitere experimentelle Hinweise für Phyto-östrogeneffekte im Gehirn betreffen
deren hemmende Wirkung auf die Aktivität der Protein-Tyrosin-Kinase. Dieses Enzym ist u. a.
wichtig für die Prozesse, die zur Gedächtnisbildung beitragen. Das Phytoöstrogen
Genistein zeigte in Gewebeuntersuchungen eine besonders hohe Spezifität für
Tyrosinkinasen in bestimmten Hirnregionen (6) und könnte somit an der Pathogenese beteiligt
sein. Andere Enzyme im Gehirn, die durch alimentäre Phytoöstrogene in ihrer
Aktivität verändert waren, sind 5a-Reductase sowie Calbindin-D28K (8, 5). Eine
dosisabhängige Passage der Blut-Hirn-Schranke durch oral aufgenommene Phytoöstrogene ist
inzwischen tierexperimentell nachgewiesen worden (1, 5). Allerdings finden sich im Gehirn im
Vergleich zu anderen Organen sehr niedrige Phytoöstrogenkonzentrationen. Grundsätzlich
unterstreicht die Tofu-Studie einmal mehr, dass in den westlichen Industrieländern der
Verzehr hoher Mengen an Sojabohnenprodukten nicht als alleiniges Allheilmittel zur Prävention
von Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Osteoporose anzusehen ist, da in Abhängigkeit von
der Gesamternährung und der verzehrten Menge an Sojaprodukten möglicherweise auch
unerwünschte Effekte auftreten können. Eine schädliche Wirkung von moderaten Mengen
an Tofu im Rahmen einer ausgewogenen Ernährung kann jedoch aus den Ergebnissen dieser Studie
nicht abgeleitet werden. Fazit Die vorliegenden Daten zeigen eine Assoziation zwischen
Tofu-Verzehr und leicht veränderten Gehirnfunktionen im Alter. Da durch diese Art der
Untersuchung die Frage einer Kausalität nicht beantwortet werden kann, muss in weiteren
Studien dieser Zusammenhang geklärt werden. Bisher gibt es keine plausiblen Hypothesen
über einen zu Grunde liegenden Mechanismus, der durch tofu-spezifische Inhaltsstoffe
ausgelöst werden könnte. Das Risiko einer Beeinträchtigung kognitiver
Fähigkeiten durch einen moderaten Tofu-Verzehr (2 oder weniger Portionen pro Woche) kann
gegenwärtig auf Grund der vorliegenden wissenschaftlichen Daten als gering eingeschätzt
werden.
Quelle: Dr. Bernhard Watzl und Prof. Dr. Gerhard Rechkemmer, Bundesforschungsanstalt
für Ernährung, Karlsruhe
Literatur
- Chang et al.: Mass spectrometric determination of genistein tissue distribution in diet-exposed Sprague-Dawley rats. J Nutr 130 (2000) 1963–1970.
- Graves et al.: Prevalence of dementia and its subtypes in the Japanese American population of King County, Washington state. The Kame Pro ject. Am J Epidemiol 144 (1996) 760–771
- Grodstein et al.: Tofu and cognitive function: Food for thought. J Am Coll Nutr 19 (2000) 207–209
- Kim et al.: Attenuation of neurodegeneration-relevant modifications of brain proteins by dietary soy. Biofactors 12 (2000) 243–250
- Lephart et al.: Phytoestrogens decrease brain calcium-binding proteins but do not alter hypothalamic androgen metabolizing enzymes in adult male rats. Brain Res 859 (2000) 123–131
- O'Dell et al.: Long-term potentiation in the hippocampus is blocked by tyrosine kinase inhibitors. Nature 353 (1991) 558–560
- Rice et al.: Tofu consumption and cognition in older Japanese American men and women. 3rd Int Symp „Role of Soy in Preventing and treating chronic disease“, (1999) http://www.soyfoods.com/3rdSoySymp/TofuConsumption.html
- Weber et al.: Brain aromatase and 5alphareductase, regulatory behaviors and testosterone levels in adult rats on phytoestrogen diets. Proc Soc Exp Biol Med 221 (1999) 131–135
- Weber et al.: Maternal and perinatal brain aromatase: effects of dietary soy phyto-estrogens. Brain Res Develop Brain Res 126 (2001) 217–221
- White et al.: Prevalence of dementia in older Japanese-American men in Hawaii: The Honolulu-Asia Aging Study. JAMA 276 (1996) 955–960
- White et al.: Brain aging and midlife tofu consumption. J Am Coll Nutr 19 (2000) 242–255