Review 12/2000
Folgerungen für die Interpretation des Body Mass Index Baltimore-Long
Sorkin JD, Muller DC, Andres R: Longitudinal Change in Height of Men and Women: Implications for Interpretation of the Body Mass Index. Am J Epidemiol 150 (1999) 969-977
Altersabhängige Unterschiede in der Körpergröße, die in Querschnittsstudien beobachtet werden, können das Ergebnis von differenzierten säkularen Einflüssen in den Altersgruppen sein. Zur Bestimmung des Ausmaßes des Verlustes an Körpergröße durch das Altern sind Longitudinal-Studien notwendig. Die Autoren untersuchten 2 084 Männer und Frauen im Alter von 17-94 Jahren, die von 1958-1993 an der Baltimore-Longitudinal-Study über das Altern beteiligt waren. Im Durchschnitt wurde die Körpergröße der Männer während 15 Jahren neunmal erfasst und die der Frauen während 9 Jahren fünfmal. Das Ausmaß der Abnahme der Körpergröße war bei Frauen größer als bei Männern. Bei beiden Geschlechtern begann der Verlust an Körpergröße mit etwa 30 Jahren und nahm mit steigendem Alter zu. Der Verlust an Körpergröße erreichte zwischen 30 und 70 Jahren etwa 3 cm bei den Männern und 5 cm bei den Frauen. Im Alter von 80 Jahren erreichte der Verlust an Körpergröße bei den Männern 5 cm und bei den Frauen 8 cm. Dieses Ausmaß an Körpergrößenverlust führt zu einem "günstigen" Anstieg des Body Mass Index um etwa 0,7 bei den Männern und 1,6 bei den Frauen im Alter von 70 Jahren, und einem Anstieg um 1,4 bzw. 2,6 im Alter von 80 Jahren. Dieser reelle Verlust an Körpergröße mit dem Altern muss unbedingt berücksichtigt werden, wenn die Körpergröße (oder Körpermassenindizes, die sich auf die Körpergröße beziehen), in physiologischen oder klinischen Studien benutzt werden.
Kommentar
Zur Charakterisierung der Körpermasse wird im allgemeinen das relative Körpergewicht benützt, d. h. das in Bezug auf die Körpergröße korrigierte Körpergewicht. Am geeignetsten dafür hat sich der Body Mass Index [kg/(m)2] erwiesen.
Bereits früher wurde bei Männern und Frauen ein starker Einfluss des Alters auf den Body Mass Index mit der geringsten Mortalität festgestellt (1). Diese Beziehungen wurden aber aus der Built Study abgeleitet, in der zwischen Rauchern und Nichtrauchern nicht unterschieden wurde. So besteht am Einfluss des Alters auf den Body Mass Index mit der größten Lebenserwartung kein Zweifel (3), bisher existieren dafür aber keine genauen Zahlen.
Die hier präsentierte Studie zeigt, dass auf Grund der altersabhängigen Änderungen der Körperlänge vom 20sten bis zum 80sten Lebensjahr der Body Mass Index bei Männern im Durchschnitt um 1,5 Einheiten und bei Frauen um 2,5 Einheiten ansteigt, wenn man von einem konstanten Körpergewicht ausgeht. Die Abnahme der Körperlänge mit zunehmendem Alter hat also einen Einfluss auf den Body Mass Index, der bei Frauen ab dem 40sten und bei Männern ab dem 50sten Lebensjahr zum Tragen kommt. Ein Vergleich der von verschiedenen Gremien vorgeschlagenen Korrekturen des Body Mass Index mit der geringsten Mortalität in Abhängigkeit vom Alter zeigt allerdings noch große Streuungen (3).
Im Verlauf des Lebens nimmt der Fettgehalt des Körpers zu und die fettfreie Körpermasse ab. Selbst wenn der Mensch sein Gewicht konstant hält, hat sein Körper im höheren Alter einen höheren Fettgehalt. Der Verlust von Muskelmasse lässt also ältere Personen weniger fett erscheinen, als sie es sind. Der Verlust an Körperlänge lässt allerdings den Body Mass Index ansteigen, was nicht als eine überproportionale Zunahme des Übergewichts fehlinterpretiert werden darf. Wegen der Komplexität der Zusammenhänge dieser unterschiedlichen Einflüsse scheint eine einfache Korrektur des tatsächlich berechneten Body Mass Index um den Verlust an Körperlänge nicht ausreichend, um den Body Mass Index zu einem altersunabhängigen Maß für die Fettsucht zu machen.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass nach neueren Befunden bei Personen über 70 Jahren ein mäßig erhöhter Body Mass Index mit einer höheren Lebenserwartung korreliert ist als ein normaler oder erniedrigter Body Mass Index (2). Beim Übergang vom Erwachsenen- zum Greisenalter ändert sich der protektive Wert eines bestimmten Body Mass Index. Während in jüngeren Jahren ein niedriger Body Mass Index für eine höhere Lebenserwartung steht, ist dies in höheren Jahren ein etwas höherer Body Mass Index. Als Begründung dafür wird ins Feld geführt, dass ein höherer Body Mass Index größere Reserven an Energie und Nährstoffen sicherstellt und dem alten Menschen während einer schweren Krankheit wichtige Ressourcen bietet.
Literatur:
- Andres MD, Elahi D et al.: Impact of Age on Weight Goals. Annals of Internal Medicine 103 (1985) 1030-1033
- Flodin L, Svensson S, Cederholm T: Body mass index as a predictor of 1 year mortality in geriatric patients. Clin Nutr 19 (2000) 121-125
- Stevens J et al.: The effect of age on the association between Body-Mass-Index and mortality. N Engl J Med 338 (1998) 1-7
Prof. Dr. med. Günther Wolfram, Department für Lebensmittel und Ernährung, Freising-Weihenstephan