DGE special 04/2000 vom 06.09.2000
In unserer schlank-schönen Gesellschaft wird Untergewicht selten als
Problem gesehen. Im Gegenteil, sie werden eher beneidet, die Dünnen. Doch die Kehrseite
des Schlankheitswahns äußert sich häufig in Ess-Störungen. Ess-Störungen
sind psychische Störungen, die sich besonders bei Mädchen und jungen Frauen, aber immer
häufiger auch bei Männern, manifestieren. Zu den Ess-Störungen zählen die Anorexia
nervosa (Magersucht), die Bulimia nervosa (Bulimie, Ess-Brech-Sucht) und das Binge eating
disorder (Ess-Sucht). 3 - 5 Prozent der Bevölkerung leiden unter Bulimie, Zahlen für das
Binge eating disorder gibt es in Deutschland kaum, geschätzt werden 10 bis 20 Prozent der
Übergewichtigen. Prof. Volker Pudel, Präsidiumsmitglied der Deutschen Gesellschaft für
Ernährung e. V. (DGE) betont: Für viele Patienten mit Ess-Störungen bedeutet
Nahrungsaufnahme eine permanente Bedrohung. Essen hat für sie eine psychische Dimension.
Nicht Appetit auf Schmackhaftes, Genuss oder gar echter Hunger prägen ihr Essverhalten.
Die Angst vor Kalorien beherrscht ihr Essen und ihre Lebensmittelauswahl. Bis dann in der
Fressattacke die rigide Kontrolle total zusammenbricht.
Laut DGE steht bei allen Ess-Störungen die psychotherapeutische Betreuung im Vordergrund jeder Behandlung. Eine Ernährungsberatung ist keinesfalls ausreichend, da die Probleme der Betroffenen in erster Linie in ihrer Einstellung zum eigenen Körpergewicht und zur eigenen Figur, und nicht in mangelndem Ernährungswissen begründet ist. Das Neuerlernen eines normalen, flexiblen Essverhaltens sowie die akzeptierte Stabilisierung eines normalen Körpergewichtes sind das Ziel der Therapie von Ess-Störungen.
Anorektische Patientinnen weigern sich,
eine ausreichende Nahrungsmenge zu essen. Mahlzeiten werden ausgelassen, oder es werden
nur geringe Mengen verzehrt. Die Folge ist ein starker Gewichtsverlust. Bei Patientinnen
liegt der Body-Maß-Index unter 16, d.h. gerade um 40 kg oder darunter. Die schwere
Erkrankung tritt meist zwischen dem 10. und 25. Lebensjahr auf (Schwerpunkt: Pubertät).
Durch die Abmagerung kann es zu Todesfällen kommen. Zur Krankheit gehört ein subjektiv
gestörtes Körperbild: Die Patientinnen wollen ein Idealgewicht erzwingen.
Sie haben zudem panische Angst vor einer Gewichtszunahme, obwohl sie objektiv stark
untergewichtig sind. Typisch sind auch eine gewisse Ruhelosigkeit und der gesteigerte
Bewegungsdrang. Dieser dient der Kontrolle des Körpergewichtes. Einige Patientinnen haben
zudem regelmäßig Essanfälle, die sie durch selbst herbeigeführtes Erbrechen, den
Missbrauch von Abführmitteln, Diuretika oder Einläufen kompensieren wollen. Die
Patientinnen leiden nicht nur an psychischen Problemen, sondern auch an akuten Energie-
und Nährstoffdefiziten, die in der Therapie zunächst behoben werden müssen.
Die Bulimia nervosa ist gekennzeichnet durch Fress-Attacken, die mindestens zweimal pro
Woche auftreten. Es werden innerhalb von Minuten bis zu einer Stunde große Mengen von
Lebensmitteln verschlungen und durchschnittlich zwischen 3.000 und 4.000 Kilokalorien, in
Extremfällen sogar 10.000 Kilokalorien oder mehr, aufgenommen. Während des Essens
empfinden die Patienten einen Kontrollverlust: Sie haben das Gefühl, nicht mit dem Essen
aufhören zu können.
Das Essverhalten der Bulimie-Patientinnen ist außerhalb der
Fressattacken sehr rigide kontrolliert. Phasenweise wird wenig oder gar nichts gegessen,
solange bis die nächste Fressattacke auftritt. Danach folgt bei den Patientinnen
regelmäßig eine längere Fastenperioden oder exzessives sportliches Training, um der
Gewichtszunahme durch rigide Gewichtskontrolle entgegen zu wirken.
Die meisten Patientinnen kompensieren jedoch die Fressattacken durch
selbst herbeigeführtes Erbrechen, ebenfalls möglich sind Missbrauch von Abführmitteln,
Diuretika und Einläufen. Betroffen sind überwiegend Frauen im zweiten bis dritten
Lebensjahrzehnt. Im Gegensatz zur Anorexie haben Bulimie-Patientinnen kein Untergewicht.
Bei Bulimie-Patientinnen ist eine verhaltenstherapeutische Therapie sinnvoll und zumeist
erfolgreich.
Das Krankheitsbild der Ess-Störung Binge
eating disorder ähnelt dem der Bulimie. Hauptmerkmal des Binge eating disorder sind die
wiederkehrenden Heißhungerattacken, jedoch fehlt bei den Patienten das charakteristische
Kompensationsverhalten. Erbrechen, abführende Maßnahmen, Fasten oder exzessiver Sport
treten nicht auf. Die hochkalorische Nahrungsaufnahme steigert jedoch das Risiko,
Übergewicht zu entwickeln oder zu vermehren. Oft sind mit dem Krankheitsbild Depressionen
oder Persönlichkeitsstörungen verbunden.
Die Fressattacken der Patientinnen sind mit drei oder mehr der
folgenden Merkmale verbunden: Die Patienten essen wesentlich schneller als normal; sie
essen, bis sie sich unangenehm voll fühlen; sie essen große Mengen, ohne dass sie sich
körperlich hungrig fühlen; sie fühlen sich nach den Essanfällen angeekelt, depressiv
oder schuldig.
Prof. Volker Pudel, Präsidiumsmitglied
der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e.V. (DGE) betont: Der erste Schritt in
der Behandlung von essgestörten Patienten besteht im Aufbau der Behandlungsmotivation und
einer verhaltenstherapeutischen Strategie. Dabei ist eine ambulante Behandlung, wenn
möglich, immer einer stationären vorzuziehen. Auch die Vermittlung von Ernährungswissen
ist notwendig, da essgestörte Patientinnen zwar über ein detailliertes Wissen in
Bezug
auf den Fett- und Kaloriengehalt von Lebensmitteln verfügen, aber sonst kein oder nur
wenig Ernährungswissen aufweisen. In der Ernährungsberatung sollten als
Prävention gegen Ess-Störungen gezielt Themen wie der richtige Umgang mit Lebensmitteln,
ausgewogen Essen und Trinken nach den 10 Regeln der DGE, Energieaufnahme und
verbrauch, Regulation und individuelle Unterschiede des Körpergewichtes,
aufgegriffen werden.